54 Familie nach dem Tode des Vaters 1796 gezogen war. Nach der Kasseler Gymnasiasten- und Mar- burger Studentenzeit wurden sie in Kassel Biblio ­ thekare an der Bibliothek, der heutigen Landeö- bibliothek, von 1829 ab folgen die sieben Jahre in Göttingen, dann nach der Maßregelung der Göt ­ tinger Sieben durch den König von Hannover ein kurzer Aufenthalt in Kassel und seit 1840 oder 1841 das Leben in Berlin, wo Wilhelm vier ^ Jahre vor dem Bruder am 16. Dezember 1859, Jacob selbst am 20. September 1863 gestorben ist. Eine ganz wunderschöne Schilderung ihres Lebens gibt Herman Grimm, Wilhelms Sohn, in seinen Aufzeichnungen „Die Brüder Grimm und die Kinder- und Hausmärchen"; sie sind 1897 in seinen „Beiträgen zur Deutschen Kulturge ­ schichte" erschienen, und ich kann sie jedem aufs Angelegentlichste zu lesen empfehlen. Wie sehr die Heimat Hessen den Brüdern und der ganzen Familie im Blut und am Herzen lag, mag aus den Worten Herman Grimms herausklingen, die ich wörtlich hier anführe: „Ich selbst habe nur die wenigen Jahre in Hessen gelebt, als wir Göttin- gen verlassen mußten und nach Kassel zurückkehr ­ ten, bis dann die Berufung nach Berlin kam, — nie aber ist das Gefühl in mir schwächer gewor ­ den, daß ich in Hessen zu Hause sei, und nirgends erscheinen mir Berg und Tal und die Aussicht ins Weite so schön. Ich meine, eine andere Luft dort zu atmen. Meine Mutter sprach immer im hessischen Dialekt. Dieser hestische Accent hat für mich etwas Entzückendes. Aus den Märchen scheint er mir herauszuklingen, auf allem, was Jacob und Wilhelm schrieben, liegt er für mein Gefühl. Immer blieb die Fulda für uns ein Fluß von Bedeutung und Karl Altmiillers schönes Ge ­ dicht darauf rührte meine Mutter zu Tränen." Die Kinder- und Hausmärchen sind 1812 zum ersten Male herausgekommen. Über deren Ent ­ stehung und Formung gibt Herman Grimm sehr merkwürdige Aufschlüsse, die zeigen, „wieviel so ­ wohl auswählende als zusammenfassende und redi ­ gierende Arbeit nötig war, um diejenige Form der Märchen zu finden, in welcher die Kinder- und Hanömärchen heute zu einer Sammlung geworden sind, welche dem Geiste des deutschen Volkes fertig entsprungen zu sein scheint". — Bei dieser Ge ­ legenheit weise ich darauf hin, daß wir in der neuerlich wieder herausgekommenen Ausgabe der UUärchen mit den Bildern Otto Ubbelohdes, die völlig aus dem hessischen Landschafts- und Volks ­ charakter erwachsen sind nnd eine wunderbare gleichartige Ergänzung deö Veortes bilden, ein un ­ vergleichlich volkstümliches Werk besitzen, das wirklich jede hessische Familie zu eigen haben müßte. — Den Märchen folgten 1816—18 die Deutschen Sagen. 1828 kamen die Deutschen Rechtsaltertümer, 1619—1837 aber als vollen ­ detstes nnd niemals veraltendes Werk die Deutsche Grammatik in vier Bänden, seit 1832 erschien das Deutsche Wörterbuch, die großartige Arbeit, deren Vollendung nun endlich in absehbarer Zeit erwartet werden kann. Wenn Ernst Heymann bei der Festsitzung der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin am 3. Januar von Jacob Grimm sagte, „er habe init seinem Bruder den Wnndcrban deutscher Altertumskunde in eng ­ ster Verbundenheit mit dem deutschen Volkstum errichtet und ihn zu einem Heiligtum des deut ­ schen Volkes gemacht", so ist dadurch mit wenigen Worten die Hauptsache gesagt. — Wie die bei ­ den Brüder, von denen Jacob wissenschaftlich bei weitem der Größere war, gemeinsam gearbeitet haben, was dem einen, was dem anderen in der Hauptsache an Arbeit und Erfolgen zufiel, kann hier nicht dargelegt werden. Wilhelm Scherer, der Jacob Grimm als den „Anfang nnd das Haupt der deutschen Altertumsforschung" bezeich ­ net, „in Geist, Gesinnung, Leistung ein Stolz der dentschen Gelehrtenwelt für alle Zeiten", hat bei einer Rede znm 100. Geburtstag Jacobs 1883 versucht, die beiden Briider in ihrer Zusammen ­ arbeit zu schildern: „Jacob war der feurige, vor ­ dringende, Wilhelm der sich Unterordnende; Jacob der nnermüvliche, heftig kühn vordringende, in ein ­ samer Arbeit am glücklichsten, Wilhelm der glück ­ lichen Geselligkeit geneigt. Jacob verband den feurigen Mut mit der Begierde eines genialen Entdeckers, Wilhelm trieb die Wissenschaft mit Ruhe und geduldiger Sammlung und wußte dag so Gewonnene wohl geordnet mitzuteilen. Jacob hat ein nenes Reich gegründet. Wilhelm half es befestigen." Wie sie sich ihr ganzes Leben als eine fast ein ­ heitliche Persönlichkeit, menschlich und wissenschaft ­ lich, gefühlt haben, so bleiben sie für Deutschland immer das liebenswerte Paar der Brüder Grimm. Wilhelms Sohn war H e r m a n Grimm, der sich selber wohl gelegentlich im Scherz als Sohn der Brüder Grimm bezeichnete. Herman war nun nicht nur der Sohn aus dem Hause Grimm, sondern auch der Sohn seiner Mutter. Und es reizt wohl, des großen Kunsthistorikers und bedeutenden Dichters, des Verfassers der be ­ rühmten Werke über Michelangelo und Goethe, Ahnen kennen zu lernen und die Duellen aufzu ­ suchen, die den wunderbaren ruhigen und breiten Strom eines Lebens wie das dieses außergewöhn ­ lichen feinsinnigen Menschen zustande gebracht haben. Herman Grimm hat steh, wie Vater und