52 zwei von ihm herausgegebenen Sammlungen, den „hessischen Denkwürdigkeiten" in fünf Bänden und dem Jahrbuch ,,die Vorzeit" in neun Bän ­ den. Ein großes Verdienst erwarb er sich mit der Herausgabe der letzten Bände (i6u. 19) von Strieders Hessischer Gelehrtengeschichte. Zu seiner Charakteristik, die hier nicht weiter ausgesponnen werden kann, mag nur noch hinzu ­ gefügt werden, daß er keineswegs orthodox unduld ­ sam war, wenn er auch leider, was dem zu wider ­ sprechen scheint, die sich vor wenig mehr als 100 Jahren anbahnende Vereinigung der beiden evan ­ gelischen Konfessionen durch seinen Einspruch ver ­ hindert hat, — ferner, daß er zeitlebens ein leiden ­ schaftlicher deutscher Patriot und damit ein er ­ bitterter Feind Napoleons und der Franzosen ge ­ wesen ist. Wir besitzen eine ausführliche Selbst ­ biographie von ihm, dazu eine Lebensbeschreibung ans der Feder seines Enkels Ferdinand Justi. Aus diesen beiden Schriften kann man sich an der Hand der vielen erhaltenen Zeugnisse seiner Tätig ­ keit ein gutes Bild von ihm machen, das wohl zu dem in der Familie Justi erhaltenen Dlgemälde stimmt. „Gesättigt von dem feinen, freien und großen Geiste des 16. Jahrhunderts lebte er allem, was den Nkenschen erhebt und befreit." Diese Charakteristik v. Sybels in wenigen Werten kennzeichnet ihn aufs Treffendste. Karl VUlhelms Sohn LDilhelm (1801 bis 1876), der eigentlich die Forstlaufbahn hatte ein ­ schlagen wollen, mußte nach dem Willen des Va ­ ters wieder Geistlicher werden und hat als Pfar ­ rer an der lutherischen Pfarrkirche seiner Heimat ­ stadt in schlichter Pflichterfüllung sein Leben ver ­ bracht. Ans seiner Ehe mit Friederike Ruppers- berg aus einer geistig hochstehenden alten Mmr- burger Familie erwuchsen außer einer Tochter drei Söhne, die jeder in seiner Art weit über dem Durchschnitt standen, am wenigsten noch der jüngste, Ludwig, der als vielbeschäftigter Arzt in hohem Alter 1920 in Marburg gestorben ist und dessen mit Witz und genauester Beobachtungsgabe gepaartes Zeichentalent und Zeichenfreudigkeit uns in seinen Skizzenbüchern ein unvergleichliches Bild der Kultur des Spießertums wie des akademischen Lebens einer hessischen Universitätsstadt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinterlassen hat. Der mittlere Bruder Ferdinand Justi (1837 —1907), eigentlich Germanist, dann ein Hanptvertreter der vergleichenden Sprachwissen ­ schaft, seit 1863 außerordentlicher, seit 1869 ordentlicher Professor der vergleichenden Gramma ­ tik und germanischen Philologie, ein Gelehrter allerersten Ranges, dazu von deutscher Bescheiden ­ heit und einer anheimelnden Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit gegen Alt und Jung, gegen die Volksgenossen auf dem Dorfe, die ihn alle ver ­ ehrten, vielleicht noch mehr als gegen die in der Stadt, bei denen er, namentlich in den Kreisen der Universität, doch so manches Menschliche fand, das ihm nicht lag, war das Urbild des deutschen Professors hessischer Färbung, der keinem Ruf an eine andere Universitätsstadt folgte, weil er eben bodenständig war und aus dem ihm so vertrauten heimatlichen Boden immer neue Kraft zog. Seine außergewöhnlichen Leistungen auf dem Gebiete von Sprache, Geschichte, Kunst und Kultur der orien ­ talischen Völker kann ich hier nur streifen. Bak- trisch, Iranisch, Indisch, Altmedisch, Alt- und Neupersisch, Sanskrit waren seine Hauptvor- lesungen, daneben las er über vergleichende Gram ­ matik der indogermanischen Sprachen, alle Zweige der Germanistik, Geschichte der orientalischen Völ ­ ker. LDenn sein Andenken in der internationalen Gelehrtenwelt wegen seiner großartigen wissen ­ schaftlichen Leistungen nicht erlöschen wird, so bleibt die Erinnerung an den liebenswürdigen fei ­ nen Menschen in seiner hessischen Heimat viel ­ leicht noch länger durch sein völliges Verwachsen ­ sein mit dem Hefsenland, von dem und seinen Be ­ wohnern sein kunstreicher Zeichenstift uns Hun ­ derte von sehr reizvollen und schönen Bildern ge ­ schenkt hat. Seine Trachtenbilder, denen er einen ganz ausgezeichneten Text beigab, find eine der wertvollsten und wichtigsten Duellen für die Ge ­ schichte der Tracht in Hessen, die in den letzten 30 Jahren mehr und mehr abbröckelt und ver ­ wässert wird, sodaß man mit ihrem völligen Ab ­ sterben in absehbarer Zeit zu rechnen hat. Und nun der älteste Bruder, Karl Justi (1832—1912). Sein Ruf ist weit erklungen. Sein Name wird in Hessen und in Deutschland nicht verklingen, wie er auch in Spanien und Italien und in der ganzen wissenschaftlichen Welt immer lebendig bleiben muß. Er hat Theologie studiert, habilitierte sich 1860 für Philosophie, kam von da zur Archäologie und Kunstgeschichte, wofür er 1867 eine außerordentliche, 1869 eine ordent ­ liche Professur erhielt, war von 1871 —1872 als Professor der Philosophie in Kiel tätig und dann von 1872 ab bis zu seiner Emeritierung 1901 ordentlicher Professor der neueren Kunstgeschichte an der Universität Bonn. Dort ist er 1912 ge ­ storben, seine sterblichen Reste ruhen hier in Mar- burg neben Eltern und Geschwistern. VKr eine kurze Übersicht über sein Leben und eine Würdi ­ gung sowohl seiner Persönlichkeit wie seiner Be ­ deutung als Gelehrter haben will, lese die Charak ­ teristik in der Rede, die Professor Marx in Bonn 1912 bei der Tranerfeier gehalten hat, oder die