38 Die Anlage des hessischen Dorfes. Von Oberregierungs- und -baurat Dr.-Jng. G e ß n e r , Geschäftsführer des Landesplannngsverbandes Kassel. Wo die Eder nach Aufnahme der Schwalm ihren Lauf nach Norden wendet, um sich in die Fulda zu ergießen, ragt am Ostrand des Tales, von alten Erinnerungen träumend, der stumpfe Kegel des Heiligenbergs empor, weit hinaus- jchauend in den Chattengan, der heute die nieder ­ hessische Senke genannt wird. Da liegen die alten Götterberge, dem Wodan und dem Donar geweiht, da liegt in ihrem Schutze Nsaden, das alte Ntathanon mit dem Gau ­ gericht auf der Minder Heide, da liegt die frühere Hauptstadt Gudensberg, da liegt Metze, das alte Mattium, der Fest- und Opferplatz, auf dem im Jahre 15 n. Chr. Germaniens die Chatten über ­ fiel, im Westen die Türme von Fritzlar, dem alten Frioislar, wo Winfried die Donar-Eiche fällte, und im Norden vor den Höhen des Reinhavds- waldes die neue Hauptstadt Kassel: es ist das Kernland hessischer Siedlung, das hier, eingebettet in die hessischen Berge, der Blick umspannt. Von hier stießen die Chatten vor nach Westen zur Lahn nach Oberhessen und Marburg, nach Norden zur Diemel nach der Warburger Börde, nach Osten zur Werra nach dem Ringgau und nach Süden zur oberen Fulda nach Heröfeld und Fulda und über den Distelrasen hinaus zur Kinzig. ^ Sie siedelten im Tal und beteten auf den be ­ waldeten Höhen zu ihren Göttern. Das freie Bauerndorf wurde durch die Dorfgemeinschaft gegründet, die aus einer großen Familie oder mehreren versippten Familien be ­ stand. Acker, Wiese und Wald bilden die Nt a r k und gehören ursprünglich als ungeteilter Besitz der Dorfgemeinschaft. Das liegende Gut klbb. 1. „Fränkischer Hof" in Ebsdorf Eigene Aufnahme ist Gemeingut; was die Fackel verzehrt, die „Fahr ­ nis", ist persönliches Eigentum. Dazu gehört bas hölzerne Haus. Der Ackerboden wurde nach Lage und Beschaffenheit in verschiedene „Gewanne" ge ­ teilt. Jeder Hofbesitzer erhielt in jedem Gewann ein Stück zugewiesen. Diese Anteile bildeten zu ­ sammen die Hufe von 20—40 Morgen Größe. Die Bestellung geschah gleichmäßig im Flur- zwang. Daher konnten Wege zwischen den ein ­ zelnen Anteilen entbehrt werden. Als jedoch später auch der Acker persönlicher Besitz wurde, machte die über die Gewanne verstreute Lage der Teil ­ stücke sich störend bemerkbar. Wald und Wiese aber blieben im Gemeinbesitz als Allmende noch lange erhalten. „Dem Hirten liegt an der ganz- heit des landeigenthnms, dem bauer an der ver- theilung, der Wald weicht dem acker, das vieh dem getreide", sagt Jacob Grimm x ). In seinen „Ansiedlungen und Wanderungen oeutscher Stämme" 1 2 ) hat Bvilhelm Arnold eine umfassende Ortsnamenforschung gegeben, die in den Hauptzügen ihrer wichtigen geschichtlichen Er ­ gebnisse wohl heute noch durchaus zu Recht be ­ steht. Die meisten Flußnamen, sowie einzelne Na ­ men von Bergen und Ortschaften weisen auf die Kelten hin, die ein paar Jahrhunderte vor Christus das Land den Chatten räumten. Von da an unter ­ scheidet Arnold nach den Ortsnamen drei Haupt ­ abschnitte. In der chattischen Urzeit bis 400 n. Chr. werden in loser Verknüpfung mit dem Boden, bei der die Weidewirtschaft überwiegt, die offenen Niederungen der Eder, Fulda, Diemel, der Schwalm, der Sinn und der Kinzig besiedelt. Die zahlreichen Ortsnamen ans dieser Zeit sind einfach und endigen, soweit sie nicht späterhin ab ­ geschliffen oder verstümmelt worden sind, auf die in der weiteren Entwicklung der Sprache verloren gegangenen Silben affa, aha, lar, loh, mar, tar. Es folgt der Ausbau im Stammlande vom 5. bis zum 8. Jahrhundert, die Zeit, in der die Herrschaft der Franken im Lande Fuß faßt. Sie kommen zunächst als Bundesgenossen, dann als Herren und unter ihrem Schutze erfolgt im 8. Jahrhundert die Bekehrung der Chatten zum römischen Christentum, die Begründung der Klö ­ ster Amöneburg, Heröfeld und Fulda. Die Be ­ siedlung des Landes wird dichter, neue Dörfer wer ­ den in die Feldmark hineingebaut, man beginnt 1) Deutsche Rechtsaltertümer. 2) Marburg 1875.