70 dritter Staat (Hefsen-Darmstadt!) seine Hand im Spiele hat. Man bleibe also auch aus diesem Grunde auf kurhessischem Boden und baue die Bahn durch das Fulda- und Kinzigtal. An dieser Linienführung hat Preußen auch ein starkes wirt ­ schaftliches Interesse; seine thüringischen Enklaven werden an die Bahn gerückt, und der Nordhauser Schnaps kann im Fuldaischen und Hanauischen, wo es kaum Brennereien gibt, guten Absatz finden. Die Fuldabahn wird ein wichtiger Bestandteil nicht nur des preußisch-deutschen, sondern auch deö europäischen Eisenbahnnetzes sein: ste wird das preußische Rheinland mit dem fruchtbaren Main- gebiet, Holland und die Hansastädte mit dem Schwarzen Meer und der Adria (Triest) verbin ­ den. Auf kurhesstsches Gebiet würden dann zwei wichtige Knotenpunkte zu liegen kommen: Kastei an der Kreuzung der TÑest-Ost- und Nord-Süd-Linie, Hersfeld an der Einmündung der hansisch-süddeut ­ schen Strecke in die Fuldabahn. Diese verdient endlich deswegen den Vorzug, weil ste drei Pro ­ vinzen des Kurstaates, die z. T. der Hauptstadt recht fern liegen, zusammenschließt. In recht ironischer Weise kritisiert H. die juristi ­ schen Bedenken Schm.'s. Dieser hatte ja behauptet, die Anwohner der alten Handelsstraße, die über Marburg und Gießen nach der Wetterau führe, hätten ein Anrecht auf den Bahnbau; sonst wür ­ den sie verarmen, auch würde der hessische Grund- adel schwer geschädigt. Waö sagt H. hierzu? Die Straße soll den Anwohnern ja bleiben, der hessische Grundadel wohnt aber nicht nur in der Mar- bnrger Gegend, auch treibt er keinen Handel und besucht nicht mit Musterkarten und Probeschach ­ teln die Messen und Märkte. Die Landwirtschaft wird von der Eisenbahn überhaupt nicht viel profi ­ tieren, und wenn eö schon so ist, daß die von der Bahn nicht berührten Landstriche verhungern müs ­ sen, dann soll man lieber die Marburger Gegend als drei blühende Provinzen verkommen lasten. Was aber die völkerrechtliche Seite der Frage an ­ geht, so wird sich Hesten-Darmstadt ins eigene Fleisch schneiden, wenn eö der Fnldabahn sein Ge ­ biet verschließt. Denn durch diese Linie würde die Viehwirtschaft am Vogelsberg mit ihrem be ­ deutendsten Absatzgebiet, den Städten Frankfurt, Offenbach und Hanau verbunden. Da wird die Großherzogliche Regierung schon das nötige Ent ­ gegenkommen zeigen. Den finanziellen Teil wollen wir auch hier kurz abtun, denn Zahlen, die auf solch unsicheren Schät ­ zungen beruhen wie die vorliegenden, wirken nicht überzeugend. H. behauptet zunächst, daß die sogen. Leipziger Straße, die, von Thüringen kommend, über Hünfeld—Fulda—Hanau nach Frankfurt führt, die am stärksten befahrene des Kurstaates, ja vielleicht aller deutschen Staaten sei. Sie wird bei Fulda die Bahn erreichen, und diese wird hier den Güter- und Personenverkehr der Landstraße auf ­ nehmen. Die Fuldabahn wird daher bedeutend mehr benutzt werden als die Marburger Bahn und sich entsprechend bester rentieren. Auch ist zu erwarten, daß der „innere" Personenverkehr zwi ­ schen Kassel und Frankfurt entsprechend der Zahl der Anwohner, auf der Fuldaer Bahn etwa dop ­ pelt so groß sein wird als auf der Marburger Strecke. Nun haben überdies Kasseler Ingenieure eine Lösung des Distelrasenproblemö gefunden, die nicht nur eine große Ersparnis an Baukosten, son ­ dern auch an Wrglänge nnd damit an Fahrzeit bringt. Das führt uns zu dem letzten Punkt der Denk ­ schrift, der technischen Seite der Frage. Nrit Tunnels, so heißt es hier, soll man die Reisenden nicht abschrecken; Kohlendunst und böse Wetter werden ihnen nichts anhaben; fehlt nur, daß man ste noch mit Kobolden, Erdgeistern und fern in Kri- stallschlöstern einzuschüchtern sucht! Ellenlange ärzt ­ liche Gutachten aus England werden beigebracht, nm alle Bedenken zu zerstreuen. Weiterhin wird dargetan, daß die ständig bewachten Tunnels für die Lokomotiven sicherer sind als die freie Strecke, wo — wir zitieren wörtlich — „ein mutwilliger Hirtenknabe, wie neulich sich ereignete, durch ein auf die Schienen geworfenes altes Hufeisen (!) zur Probe für die Widerstandsfähigkeit desselben die größten Gefahren bereiten kann". Aber >— und nun rückt der Verf. endlich mit dem angekündigten neuen Projekt herausv— der Distelrasen wird ohne Tunnel überwunden werden; auch sind keine Ser ­ pentinen nötig, um die Höhe zu erklimmen, viel ­ mehr wird man diese durch gerade, allerdings sehr steile Rampen erreichen, wodurch die Gesamtstrecke bedeutend abgekürzt wird und kaum noch länger ist als die Marburger Linie. Die Steigung wird mit Hilfslokomotiven von 60 Pferdekräften über ­ wunden; das bietet gleichzeitig den Vorteil, daß man, wenn es talwärts geht, mit zwei Lokomotiven eine erhebliche Bremswirkung erzielen kann. Auf der Marburger Strecke sind zwei Wasserscheiden zu überwinden; diese sind zwar wesentlich niedriger als der Distelrasen und können daher auch ohne Hilfölokomotiven erklommen werden; auf der Tal ­ fahrt aber wird daher auch nur eine Lokomotive zum Bremsen zur Verfügung stehen, was nicht un ­ bedenklich ist. — H. übersteht hier wohl, daß die Wasserscheiden auf der Marburger Strecke ent ­ sprechend ihrer geringeren Höhe auch ein geringeres Gefälle aufzuweisen haben: noch schwieriger ge ­ staltet sich aber seine Logik bei folgendem Exempel: