66 Schaffer beginnt mit einem Hymnus auf die Erfindung der Dampfmaschine. Sie hat in England und Nordamerika bereits ihren Sieges ­ zug angetreten. Soll da der europäische Kontinent zurückbleiben? Bald werden Dampfer die Donau beleben und eine regelmäßige, zuverlässige Verbin ­ dung zwischen der Levante, dem Schwarzen Meer, der Türkei und Bayern herstellen. Eine bayrische Eisenbahn wird von der Donau zum Main führen, und die Aufgabe Kurhefsens, BraunfchweigS und Hannovers wird es fein, diese Verkehrsader an die Hansastädte anzuschließen. Bleibt Kurhefsen zu ­ rück, so wird sich das verhängnisvoll auswirken. Die Dampfschiffahrt auf Rhein und Elbe wird dann einen großen Teil des Nord-Süd-Verkehrs an sich ziehen; noch schlimmere Folgen für das Land würde aber eine preußische Bahn haben, die etwa dem Verlaufe der neuen Knnststraße von Nort ­ heim über Duderstadt nach Muhlhansen, oder der von Gotha über den Thüringer Wald nach Bayern entsprechen würde. Und dabei ist doch Kurhessen durch seine gebirgsfreiere Lage in der Mitte der geraden Linie zwischen den Höhen der Nord- und Ostsee und Süddeutschland von der Natur dazu bestimmt, den Durchgangsverkehr in der Norv- Südrichtung aufzunehmen. Für die Überwindung der hessischen Berge kommt die Anwendung des Zahnrades in Frage; auch kann an steilen Stellen der talwärts fahrende Zug den bergwärts fahren ­ den durch seine Schwerkraft mit hinaufziehen; end ­ lich ist der Bau von Hebewerken, die durch statio ­ näre Dampfmaschinen betrieben werden, in Erwä ­ gung zu ziehen. Um eine gerade Linienführung zu ermöglichen, ist es nicht angängig, alle in der Nähe liegenden Städte zn berühren; diese sind vielmehr durch Nebenbahnen an die Hauptstrecke anzu ­ schließen. So sollen die drei Hansestädte durch An ­ schlußstrecken, die sich etwa in Soltau treffen, mit der Nord-Südbahn verbunden werden. Von Soltau geht es in gerader Linie über Hannover durch das Leinetal nach Göttingen, von da schnur ­ stracks in südlicher Richtung durch Kurhessen. Hinter Fulda ist die Rhön zu übersteigen, um das Sinntal und Gemünden zu gewinnen. Hanau und Frankfurt sind ebenfalls durch eine Seitenbahn mit der Hauptstrecke zu verbinden. Von Gemün ­ den wird die Bahn nach Würzburg führen, dann mittels stehender Hilfsmaschinen die Wasserscheide zwischen Main und Altmühl überwinden, um end ­ lich an der Donau, etwa der Lechmündung gegen ­ über, zu enden. 12^2 Millionen Taler betragen die Baukosten, in die sich mit Hessen die vier freien Städte, sowie Hannover, Braunschweig und Bayern zu teilen haben. Hessens Volkswirtschaft wird von der Bahn den größten Nutzen haben. Innerhalb des Landes wird ein besserer Güteraus ­ tausch zwischen den landwirtschaftlichen und indu ­ striellen Bezirken möglich sein, der der Wirt ­ schaft gewaltige Impulse geben wird. Weiterhin werden die Landesprodukte durch die Ausfuhr ­ erleichterung, die mit der Eisenbahn verbunden ist, einen wesentlich größeren Absatzmarkt im Aus ­ land finden, anderseits werden Auslandsprodukte zu geringeren Frachten als bisher eingeführt wer ­ den können. Endlich wird der Durchgangsverkehr reichen Gewinn bringen, Handel und Wandel wer ­ den in ungeahnter Weise belebt werden. Unter Schäfferö tätiger Mitwirkung wurde in Kassel der „Kurhessische privilegierte Verein für Eisenwegebau" gegründet, der, wie Schäffer in der Ständesttzung vom 16. August 1834 ausführte, „sich die Ausgabe ge ­ stellt hat, diese große Nationalangelegenheit zu prüfen und zu befördern, das hessische Vaterlanv darüber aufzuklären und . . . darüber zu wachen, daß das benachbarte Ausland uns nicht schlafend finde und in uns umgrenzenden früheren Aus ­ führungen der Industrie, dem Handel und Ver ­ kehr, besonders dem Transithandel des hessischen Vaterlandes, den Todesstoß beibringe". Der Ver ­ ein entfaltete in den nächsten Jahren eine rege Tätigkeit; uns interessieren hier nur die Vorarbei ­ ten für den Bau der Nord-Süd-Bahn, über deren Ergebnisse Dr. Friedrich Fick, ein um das kur- heffifche Eisenbahnnetz verdienter Fachmann, am 37. Januar 7838 etwa folgendes berichtet: Eine gerade Strecke Kassel—Frankfurt kann leider nicht gebaut werden, da das Massiv des Vogelsberges mitten im Wege liegt. Somit kommen für die ge ­ plante Bahn nur zwei Linien in Frage: die eine über Melsungen—Rotenburg—Hersfeld-—Fulda —Schlüchtern—Gelnhausen—Hanau, die andere über Treysa—Marburg—Gießen. Zwar macht die Linie über Fulda einen Urnweg von 2^ Mei- len Länge, jedoch bietet sie den Vorteil, daß sie ganz im Knrstaat verbleiben kann. Das Fuldatal müßte allerdings zwischen Hersfeld und Fulda verlassen werden, da hier der Flnß auf 2 1 /£> Meilen das Ge ­ biet des Großherzogtums Hessen durchströmt. Die Strecke über Marburg—Gießen würde zwar ein an landwirtschaftlichen Erzeugnissen reiches Land erschließen und auch für die beiden Univer ­ sitätsstädte von größter Wichtigkeit sein. Nach der Meinung Ficks hat aber die Eisenbahn in erster Linie der Förderung des Handwerks und der In ­ dustrie zu dienen; da die Linie über Hersfeld—Fulda eine gewerbereiche Gegend durchzieht, ist ihr der Vorzug zu geben. Dem Techniker wird allerdings die Überwindung der Wasserscheide bei Schlüchtern Schwierigkeiten machen. Man muß wohl die Züge