Monatsschrift für Landes- und Volkskunde, Kunst und Literatur Hessens Herausgeber Dr. C. H i tz er o t h, Marburg a L., Markt 21 /23/24, Fernfpr.2054 und 2055. Enthaltend zugleich die „Mitteilungen" des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde. «4. Mrgmig. gest 5/6. Marburg. Mm/,mm im Vom Streik um die Linienführung der Main-Weserbahn (1832-1844). Ein Beitrag zur Geschichte der kurhessischen Eisenbahnen. Vor nunmehr hundert Jahren, im Dezember 1832, schrieb der kurhessische Oberberginspektor Schaffer eine Abhandlung „Über die Vorteile und Auöführungsmittel einer großen Kontinental ­ eisenbahn zur Verbindung der Ost- und Nordsee mit dem (Main, der Donau — dem Schwarzen Meere". Zum ersten (Male wurde Kurhessen vor die Frage eines großzügigen Bahnbaueö gestellt, und in der Folgezeit stand das Projekt einer Nord- Süd-Bahn wiederholt im Mittelpunkt des öffent ­ lichen Interesses. (Mehrfach wurde in leidenschaft ­ licher Weise für diese oder jene Linienführung ge ­ kämpft, bis es zum Ban unserer Main-Weser- Bahn kam, die noch heute einen wichtigen Bestand ­ teil des ehemals kurhessischen Eisenbahnnetzes bildet. Hesten-Kastel ist, verkehrspolitisch gesehen, ein Durchgangöland, dessen Haupteisenbahnen nur im Einvernehmen mit den Nachbarstaaten gebaut werden konnten. Die Grundlage für einen die Staatsgrenzen überschreitenden Durchgangsverkehr war aber geschaffen im deutschen Zollver- e i n. Noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts war jedes deutsche Land von Zollmauern umgeben, die Handel und Verkehr zu keiner Entwicklung kom ­ men ließen. Dieser Zustand erfuhr eine Wand ­ lung, als sich in den ersten Monaten des Jahres 1828 ungefähr gleichzeitig Preußen mit Hesten- Darmstadt einerseits, Bayern mit Württemberg anderseits zollpolitisch zusammenschlossen. Zwi ­ schen diese beiden Zollvereine schob sich der im Sep ­ tember 1828 in Kassel begründete mitteldeutsche Handelöverein, dem außer Kurhessen noch Sachsen, Von Dr. G. H e n s e l l - Hamburg. Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Thüringen, Nassau und Frankfurt angehörten. Sehr energisch hatte man sich preußischerseits bemüht, Knrhesten znm Anschluß an den preußisch-darmstädtischen Zollverein zu bewegen, da auf diese Weise eine Zollbrücke zwischen den östlichen und den westlichen Provinzen Preußens geschlagen worden wäre. Der Versuch mißlang. Nach L 0 s ch H wehrte sich hier „der gesunde deutsche Individualismus, der instink ­ tiv die Gefahren der sogenannten Einheitspolitik ahnte". Wesentlich anders urteilt TreitschkeH über den Handelöverein: „Eine so krankhaft un ­ natürliche Mißbildung", heißt es bei ihm, „war dem Partikularismns noch nie zuvor gelungen. In einem weiten Widerhaken reichte das Vereinsge ­ biet von Bremen nach Fulda, dann westwärts znm Rheine, gegen Osten bis zur schlefischen Grenze, von dem englischen (Markt Hannover bis zu dem gewerbereichen Sachsen, über einen bunten Länder ­ haufen, welchen, Preußen gegenüber, nur ein ge ­ meinsames Interesse zusammenhielt: Angst und Neid". Vom wirtschaftspolitischen Standpunkt aus gesehen, war der Verein jedenfalls ein unmög ­ liches Gebilde; er wurde gesprengt durch den Aus ­ tritt Kurhefsens, das sich im Jahre 1831 genötigt sah, dem prenßisch-darmstädtischen Verein beizu ­ treten. Erst jetzt war dem Kurfürstentum die Mög ­ lichkeit gegeben, Verkehröpolitik großen Stiles zu treiben und die Beteiligung am Bau einer „Kon ­ tinentaleisenbahn ins Auge zu fasten, wie es Schäffer in der oben angeführten Abhandlung tat. Wenden wir uns ihr nunmehr zu. 1 2 1) PH. Losch, Geschichte des Kurfürstentums Heffen. Marburg 1922. S. 147. 2) H. von Treitfchke, Deutsche Geschichte im ig. Jahr ­ hundert. Z. Teil. LejpgiA 1896. S. 636. 66