16 Avignon sitzend, dem Kaiser 1324 den Bannstrahl entgegenschleuderte. Feinde ringsum, Not im Lande — und leere Kasten. Zwar hatte Ludwig mächtige Fürsten und einen großen Teil der Reichs ­ städte für sich, vor allem der Bürger hing ihm an, und das gab ihm einen Rückhalt. Ein Zug nach Rom hatte ihm 1328 die heißersehnte Kaiserkrone eingebracht, aber auch Unsummen verschlungen. 3tmj waren seine Mättel völlig erschöpft, zumal ihm, der von Hause aus arm war, eine reiche Haus ­ macht nicht zur Seite stand. Zn seiner Not ver ­ schleuderte er Reichsgut, Regalien und Rechte. Kaum ein Kaiser hat je das Gut so mit vollen Händen weggeben müssen wie Ludwig. Verpfän ­ dungen und Verkäufe waren an der Tagesordnung. Hatte er doch zum Beispiel eben erst, wenige Tage vor der Verleihung der Stadtrechte an Schweins ­ berg, einen Schuldschein über 4000 Pfund Heller für zwei Frankfurter Bürger ausstellen müssen. Nun werden wir auch verstehen, weshalb der Kai ­ ser Stadtrechtsverleihungen in diesen Zähren in so großer Zahl vornahm. Zählen wir doch von 1329 bis 1332 an die 30 solcher Verleihungen, unter andern an Diez, Darmstadt, Gleiberg und Eltville. Das brachte Geld in die kaiserlichen Kasten. Auch die rigorose Ausbeutung des Zudenschutzmonopols verfolgte den gleichen Zweck. Am selben Tage, an dem er Schweinsberg das Frankfurter Stadtrecht verlieh, erlaubte Ludwig dem Ruprecht Schenk auch die Anfiedlung von vier Juden in der neuen Stadt, auch dies sicher nur gegen klingende Münze. Aber Schweinöberg wurde durch die Verleihung von Frankfurter Recht nicht etwa freie Reichsstadt. Eifersüchtig wachten die Frankfurter darüber, daß ihren Rechten durch allzu häufige Vergabung kein Abbruch geschah. So zwangen sie den Kaiser schon am 3. März 1332 zu der Erklärung, daß die an einige Städte, Markte und Dörfer erteilte Frei- beit nicht den Sinn habe, als sollten diese nun aller Rechte Frankfurts und anderer Reichsstädte teil ­ haftig werden; vielmehr sollten sie diese Freiheit nur an Wochenmärkten haben und ihr Urteil nach der Stadt Recht suchen, deren Freiheit sie erhielten. Wie kam nun aber gerade der Kaiser dazu, Schweinsberg zur Stadt zu machen? Eine Er ­ innerung an vergangene Zeiten mag da mitgespielt haben. Schweinsberg war erwachsen auf altem Reichsgut, das sich in den fruchtbaren Talgründen von Nterlau im Süden bis TFohra im Norden, be ­ sonders um Seelheim und Amöneburg bis ins 10. Jahrhundert .zurückverfolgen läßt. Teile dieses Reichsguteö, so auch Schweinsberg, besaßen die von Merlau. Zm Wappen führten sie den Adler des Reiches. Durch Heirat mit einer Tochter dieser Familie kam Gunthram aus dem Geschlechte der Vögte von Marburg, zeitweilig auch von Grün ­ berg genannt, kurz vor 1200 in den Besitz von Schweinsberg, das 1213 zum ersten Mal urkund ­ lich erwähnt wird. RUit ihm kam das Geschlecht in Schweinsberg zur Herrschaft, dem die Burg als Ganerbenbefitz noch heute gehört. Ilm 1239 er ­ warben sie das Schenkenamt der thüringisch-hessi ­ schen Landgrafen und nannten sich fortan Schen ­ ken von Schweinsberg. Zn jenem Gunthram ha ­ ben wir wohl auch den Erbauer der Burg Schweins- berg zu sehen, der heute in Trümmern liegenden ältesten Befestigung, der Oberburg. Später hat man die Burg weiter stark befestigt und vergrößert. Zu ihren Füßen entwickelte sich das sogenannte Tal, ein wohl anfangs bäuerliches „suburbium", das offenbar je länger je mehr städtischen Charakter annahm. Diese Entwicklung veranlaßte wohl auch jenen Ruprecht, den Urenkel des ersten Gunthram, das Stadtrecht für Schweinsberg zu erwerben. Hatten die Schenken dabei große Hoffnungen auf die Entwicklung ihres Städtchens gesetzt? Wir wissen es nicht. Jedenfalls blieb Schweinsberg immer ein kleines, stilles Landstädtchen, von den größeren, günstiger gelegenen Nachbarn Marburg und Kirchhain bald überflügelt. Das hatte seinen Grund. Es hatte die Stadtherrn unmittelbar über sich; die waren tapfere Kriegsleute und gute Ver ­ walter ihres Grundbesitzes. Zn ihrer Hand lagen llnter- und Obergericht, sie setzten Bürgermeister und Schöffen ein. Von Bürger f r e i h e i t haben sie wohl nicht gern etwas hören wollen. Es hat lange, bis ins 16. Jahrhundert gedauert, bis Schweinsberg, auf freiem Eigen der Schenken errichtet, unter die Botmäßigkeit der Landgrafen geriet. Schreibt doch noch um 1340 Landgraf Phi ­ lipp der Großmütige an den Grafen Bernhard von Solms: „wir haben an dem schloß Schweinsberg ein erblich gemeine öffnung (d. h. in Kriegszeiten ein Besetzungsrecht), und die nicht anders, dan zu unsern nöten, und ihnen den Schenken solches schlofses halben weiter nicht zu gebiethen noch zu verbiethen"; nur ein Kurfürst, „wie Ir vielleicht mögt seyn", fügt er spöttisch hinzu, habe ihnen zu befehlen. Aus den späteren Schicksalen der Stadt nur ein paar Bilder. 1368 hatte ein Brand 60 Häu ­ ser zerstört, doch war der Schaden offenbar bald überwunden worden. Unsäglich Schweres aber hat ­ ten Burg und Stadt im dreißigjährigen Kriege durchzumachen. Plünderung folgte auf Plünderung, und Einquartierung auf Einquartierung; und 1633 bis 1634 nistete sich ein unheimlicher Gast ein: die Pest. Aber erst der 6. Juli 1633 sollte zum schwärzesten Tag in der Stadtgeschichte werden. Wenn wir den nüchternen, sachlichen Bericht des