356 gräflichen Hauses und seiner Nebenlinien, sowie der thüringischen Landgrafen, zur Geschichte einer Anzahl hessischer Landgrafen. Ferner sammelten die Schminckes Nachrichten zur hessischen Gelehr ­ ten-, Kirchengerichte, Statistik und älteren Geo ­ graphie einschließlich der Wüstungen. Von ganz besonderem Werte stnd auch die Kollektaneen zur Geschichte hesstscher Adelsfamilien und namentlich das Diplomatarium Hassiae, eine streng chrono ­ logisch geordnete Sammlung von Urkundenabschrif ­ ten aus der Zeit von 774 bis 178z; ste umfaßt 12 starke Foliobände. Neben dem jüngeren Schmincke wirkte an der Bibliothek der schon genannte Friedrich Wilhelm Strieder. Dieser Mann war aus ganz an ­ derem Holze geschnitzt. Schon in frühester Jugend hatten die Bücher zu seiner täglichen Umgebung gehört, denn er war 1739 als Sohn eines Univer- sttätsbuchhändlerö in Rinteln geboren. Da der Vater aber dem Trünke ergeben war, ging sein Geschäft zurück, und Strieder war es nicht mög ­ lich, seine wissenschaftliche Vorbildung zu einem richtigen Abschlüsse zu bringen. Er trat daher 1758 als Fähnrich in die hessische Armee bei dem Gräffendorfschen Regiment ein. Ende 1765 erhielt er die frei gewordene Stelle des Registrators bei der Kasseler Landesbibliothek. Dieser hat er fast ein halbes Jahrhundert seine unschätzbaren Dienste gewidmet, von Stufe zu Stufe steigend. 1786 wird er Erster Bibliothekar, erhält nach zwei Jah ­ ren den Titel Hofrat und Hofbibliothekar, und nach abermals zwei Jahren, 1790, wird er auch Geheimer Kabinettsarchivar. Als solcher ordnete er die Hofbibliothek und das Geheime Kabinetts ­ archiv auf Schloß Wilhelmshöhe. Der Mißwir ­ schaft der Luchet und Nerciat stemmte er sich ebenso mutig wie vergeblich entgegen; bei seiner trotz allet Tüchtigkeit untergeordneten Stellung hörte man nicht auf ihn, und daß unter solchen Umständen für ihn an einen Aufstieg nicht zu denken war, ist selbst ­ verständlich. Seine rein dienstliche Tätigkeit, so unschätzbar ste an sich auch sein mag, gehört nicht hierher*). Aber in jener Zeit hat der wackere, treu ­ deutsche lMann so recht das Franzosentum hassen gelernt. Und als sein geliebter Landesherr Kur ­ fürst Wilhelm I. 1806 durch Napoleon entthront nnd Kastel die Hauptstadt des neugeschaffenen Kö ­ nigreichs Westfalen unter Napoleons jüngstem Bruder Jerome wurde, erhielt Strieder seine Ent ­ lastung. Er hat während der ganzen siebenjährigen l") Darüber vgl. Wilhelm Hapf: Die Landesbibliothek Kassel in ibrer geschichtlichen Entwicklung 1580—1930, Marburg 1930, S. 40 u. 45 ff- (Teil 1 der Festschrift z»m 330 jäbr. Jubiläum der Landesbibliothek: Die Landesbiblio- thek Kassel 1380—1930.) Fremdherrschaft seine in der oberen Karlöstraße ge ­ legene Wohnung nicht mehr verlassen. Wie mag der alte Mann aufgejubelt haben, als der ange ­ stammte Landesherr wieder die Zügel der Regie ­ rung ergreifen konnte.' Der Kurfürst ernannte den Hochbetagten Anfang 1614 wieder zum Direktor der Landesbibliothek in Kastel und der Hofbiblio ­ thek und des Geheimen KabinettSarchivS auf T8il- helmshöhe, und als solcher ist er am 13. Oktober 1815 im 77. Lebensjahre auch gestorben. — Daß eine Persönlichkeit von so hohem sittlichen Ernste, von solch unermüdlicher Arbeitskraft und so star ­ kem wissenschaftlichen Streben wie Strieder, der alles, was er geworden war, lediglich sich selbst zu verdanken hatte, daß ein solcher Mann auch pein ­ lich genaue und wissenschaftliche Arbeit leistete, ist so selbstverständlich, daß man kein Wort darüber zu verlieren braucht. Außer kleineren Arbeiten zur hessischen MAitärgeschichte und einem Genealogi ­ schen Handbuche von dem fürstlichen Hause Hessen, das zuerst 1780 und nochmals umgearbeitet 1804 erschien, veröffentlichte Strieder seine berühmte „Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftstellergeschichte", mit der er sich ein unver ­ gängliches Denkmal gesetzt hat. Das Werk be ­ handelt in Form von alphabetisch angeordneten Biographien alle Hessen von der Reformation bis 1806, die sich durch wissenschaftliche Arbeiten einen Namen gemacht haben. In den Jahren 1781 bis 1806 gab Strieder selbst 13 Bände her ­ aus. Wachler, Justi und Gerland schlossen noch einige weitere Bände an, die das Monumental- werk nach Strieders Tode über 1806 hinaus bis in die neuere Zeit fortsetzten. — Überdies aber hat der treffliche Strieder auch noch sehr bedeutsame handschriftliche Sammlungen zur Geschichte hes ­ sischer Adels- und bürgerlicher Familien hinter ­ lassen, die leider nicht ganz vollständig in den Besitz der Landesbibliothek gelangt stnd, aber auch so für jeden, der sich mit hesstscher Familiengeschichte be ­ faßt, unumgänglich stnd. Von seinen übrigen M'a- nuskripten muß an dieser Stelle wenigstens sein kurzer Abriß der Geschichte der Landesbibliothek er ­ wähnt werden, der bis zum Jahre 1783 reicht. Aus der neuesten Zeit stnd schließlich noch die Kollektaneen des 1922 verstorbenen langjährigen Bibliothekars und Direktors der Landesbibliothek Hugo Brunner zu erwähnen. Sie stellen eine riesige Sammlung von heimatkundlichem M'ate- rial dar, allerdings nirgends abgeschlossen, aber doch als Anfänge zu eingehenderer Forschung sehr wohl zu brauchen. Brunner notierte so ungefähr alles, was ihm irgendwie bemerkenswert schien, mochte es nun die allgemeine Landes- oder die Orts ­ geschichte, die Familien- oder die Kulturgeschichte,