97 Hessenland Mlißriertk Monatsbliittkr für Kkiiilatflirslhilng, Knust und Literatur Schriftleiter Paul Heidelbach, Kassel. Anker Mitwirkung von Bezirkskonservator Dr. Friedr- Bleibaum. Kassel; Direktor der Landesbibliothek Dr. Hops, Kassel; Lyzeallehrer Keller, Kaffel: Staatsarchivrat Dr. Knetsch, Marburg: Oberbibliothekar Pros Dr. Losch, Steglitz; Schriftsteller Heinrich Nuppel, Homberg: Pros. Dr. Schaefer, Kommissar für Naturdenkmalpflege im Reg.-Bez. Kassel; Geheimrat Aniversitätsprofeffor Dr. Schröder, Göttingen: Aniversitätsprofeffor Dr. Schwantke, Marburg; Dr.Werner Sunkel, Marburg: Pros. Dr. Vonderau, Fulda; Aniversitätsprofeffor Dr. Wedekind, Marburg. Im Einverständnis mit den Vereinen: —->»> Verein für hessische Geschichte und Landeskunde; Hessischer Gebirgsverein; Knüllgebirgsverein; Deutscher Sprachverein, Zweig Kassel; Verein für Naturkunde, Kassel; Geologischer Verein, Marburg; Biologische Vereinigung, Marburg; Gesellschaft für Familienkunde in Kurhessen und Waldeck, Hessischer Volksschullehrer- verein: Vereinigung der Kurheffen in Berlin; Kasseler Museumsverein. - - Bezugspreis vierteljährlich 2.— Mark ■ 40. Jahrgang Heft 4 Kassel. April 1928 Die Vitalisnacht zu Hersseld Zu ihrer 550jährigen Wiederkehr. Die 1200jährige Geschichte der Lullusstadt ist reich an wechselvollen Geschicken. Die gros ­ sen Ereignisse der deutschen und preußischen Geschichte spiegeln sich vermöge ihrer Lage an der alten Heeres- und Handelsstraße Nürn ­ berg-Leipzig so eindrucksvoll wieder, wie sel ­ ten in einer anderen hessischen Stadt. Der 30jährige, der 7jährige Krieg, der Zusammen ­ bruch Preußens nach Jena und Auerstedt mit ihren kriegerischen Folgeerscheinungen haben hier kräftige Spuren hinterlassen, und der Name eines Tilly, Broglio, Napoleon und mancher anderen Feldherrn ist mit der Ge ­ schichte der Stadt aufs engste verknüpft. Man ­ cherlei Kriegselend, mancherlei Plünderung hat die Stadt über sich ergehen lassen müssen, und noch heute reden die kahlen Wände der einst so stolzen Basilika eine beredte Sprache von französischer Barbarei und Zerstörungs ­ wut. Zweimal ist die Stadt dem Untergang geweiht gewesen, und zweimal ist sie glück ­ lich gerettet worden. Wenn von der Errettung Hersfelds die Rede ist, denken die meisten an jenen 20. Fe ­ bruar 1807, als auf Befehl Napoleons die Stadt dem Erdboden gleichgemacht werden sollte und durch die Geistesgegenwart und den Edelmut des badischen Oberstleutnants Lingg Von Dr. Wilhelm Schoof-Hersfeld. von Linggenfeld vor dem Schlimmsten bewahrt blieb. Die Geschichte von den badi ­ schen Jägern zu Hersfeld ist durch Hebels „Schatzkästlein" weit und breit bekannt ge ­ worden und noch heute in allen deutschen Le ­ sebüchern zu finden. Weniger bekannt ge ­ worden ist merkwürdiger Weise, daß schon einmal vier Jahrhunderte vorher der Stadt ein Retter in dem hessischen Ritter Simon von Haune erstanden, der es mit seiner Ritterehre für unvereinbar hielt, friedfertige Bürger in hinterlistiger Weise bei Nacht und Nebel zu überfallen und durch seinen Fehde ­ brief erwirkte, daß die Angreifer die Hers ­ felder Bürger auf ihrem Posten fanden. Sein Andenken hält noch heute die Simon-Haune- Straße hinter der Stadtmauer fest, aber ein Denkmal, wie es die Stadt ihrem zweiten Retter Lingg von Linggenfeld auf dem heuti ­ gen Linggplatz gesetzt hat, hat er bisher nicht aufzuweisen. Und doch ist die Tat des edlen Ritters Simon von Haune nicht geringer zu bewerten wie die des Oberstleutnants Lingg von Linggenfeld. Beide brachten den sittlichen Mut auf, einer Anordnung zu trotzen, deren Ausführung sie mit ihren Anschauungen von Ritterlichkeit und Anstand nicht zu vereinen mochten. Man kann