401 Aufgabe glänzend gelöst. Hellmuth S ch u b e r t hatte grelles Licht und düstere Stimmung den beiden Ton ­ höhen der Dichtung glücklich angeglichen. Das Ratten- uno Mottenreich des Theaterdirektors konnte in der Ranmbeschränkung kaum besser gedacht werden. Eine schauspielerische Glanzleistung des Abends war neven der stark innerlichen Mutter John Anna Reichhardts und dem pathetisch-romantischen Hassenreuter S ch eur- manns, die Polin Piparkarka der Martha K r u l l. Hier schuf .sich Wucht der Leidenschaft, verbunden mit kluger Erfassung und Packeno sicherer Zeichnung ge ­ bieterisch Geltung. Ein noch größeres Wagnis war die Aufführung von Ibsens „Klein Eyolf", an dem seltsamerweise auch das Staatstheater vorbeigegangen ist. Es ist das Werk tief ethischer Prägung, ein Vermächtnis des alt ge ­ wordenen Dichters, der von „Rosmersholm" kommend, Adelsmenschen sucht, die entsagen können. Verzichtet aus eigenes Wohlbehagen, das ihr nicht verdient habt, ver ­ zichtet zu Gunsten der Kinder der Ärmsten, zu Gunsten des zukünftigen Geschlechtes. Das könnte für viele von uns eine ernste Bedeutung haben. Chmelnitzky war mit feinem Verständnis auf die verborgenen Schwm- gungen der Seelenkämpfe zwischen Gatten, zwischen Ge ­ schwistern, deren Liebe doch nicht rechte Geschwisterliebe ist, eingegangen. Mit dieser Leistung hat das „Kleine Theater" den Befähigungsnachiveis für Kammerspielkunst erbracht. Annemarie Loose, die wieder als Gast gewonnen war, fehlte ztvar als Rita des ersten Aufzuges das starke Blut, desto wundervoller bot sie die Trauernde,- Überwindende, und Clasens Alfond war, wie stets bei die ­ sem Künstler, klar durchdacht und mit dem Herzen ergriffen. Für den Kasseler Goethekreis war die Aufführung des „ U r f a u st " ein Erlebnis. Der hundert Jahre ver ­ staubt vergrabene Schatz aus des Dichters dumpfen uno hellen Jugendtagen, von Erich Schmidt entdeckt, ist dann an zahlreichen Bühnen ins helle, allzu helle Licht gestellt. Gewiß nicht im Smne des Meisters. Denn >vas aus dem Urfaust lebendig bleiben sollte, hat der Dichter m das „Fragment" und in der Tragödie von 1808 über ­ nommen. Der künstlerische Beirat der Kammerspiele hielt deshalb eine entschuldigende Vorrede, in der betont wurde, daß die kleine Bühne den „Werdenden" gelten solle, und 0er junge Goethe gehörte zu diesen Glücklichen, die nach einem bekannten Goethewort immer dankbar sind. Darum durfte auch die Aufführung dieses Jugend ­ sturms begrüßt werden, die den Herrn Professor und Doktor gar jung zeigt, wirklich jung mit dem lachenden Idealismus der Sturm- und Drangzeit, wo noch „Freund ­ schaft, Liebe, Bruderschaft" dem „Verstand und rechten Sinn" vorgezogen wurde, wo uns seines Liebesstammelns Raserei weit glaubhafter erscheint als den durch Hexen ­ kunst verjüngten gelehrten Herrn. Dieser Jugendsturm durchtönte, durchbrauste auch die Aufführung, die Chmelnitzky mit Geschmack leitete, ja die „Erdgeist"- Erscheinung, von der man zivar nichts sah, aber desto Besseres hörte — Chorstimmen sprachen die feierlichen Rhythmen wie aus weiter Ferne klingend — diese Dar ­ stellung dürfte vorbildlich iverden. El äsen als Faust war ganz Himmelsstürmer, glühte von innerer Leiden ­ schaft, Annemarie Loose hatte in der Kerkerszene, die in ihrer farbigen Prosa weit elementarer wirkt als in der Versübertragung, ihr blond-sanftes Frauentum ab ­ gelegt, diese Seelenkämpfe mit dem letzten Aufschrei muß ­ ten aufs tiefste erschüttern. Auch Scheurmanns Mephisto hatte die jugendliche Wandlung zum dämonischen Hofmann mitgemacht, und Marie Wolfs trug als Martha ein Mäsklein zum Entzücken, sie war vielleicht die größte künstlerische Gabe des Abends. Endlich darf noch die Uraufführung von Fritz Steins „Krallen" aus die Habenseite der Kleinen Bühne verbucht werden, worüber freilich der Kassierer anderer Meinung sein wiro. Es ist das Werk eines Jungen, eines der vielen, die im Schmerz tvühlen, leidenschaftlich Ge ­ fühle zusammenballen. In der Fabel ist er stark von Schönherr beeinflußt. Aber tvas bei dem Österreicher erdverwachsen, dem Menschlichen verpflichtet bleibt, ist bei Stein sorgfältige Konstruktion, Psychologie von des Gedankens Blässe angekränkelt. Seine Heldin ist eine Dirne, diese Nadja hat Blut vom „Weibsteufel". Sie möchte hinaus aus dem Schmutz ihres Daseins, hinauf zum Licht. Doch die Krallen der Sünde halten sie uno die Männer fest, die sie begehrend umschleichen. Es firtö sämtlich Weibgesellen, der Schiffer, der Gendarm, der junge, seltsame Idealist, der zum Mörder geivorden ist, weil er das Tier im Menschen haßt, der eher in ein Irren ­ haus gehört, denn in ein Drama. Er erwürgt am Ende auch Nadja, bekennt seine Tat in selbstzerfleischender Ekstase und bricht unter der Faust des Gendarmen zu ­ sammen. Diese Menschen im engen, dumpfen Raum eines Schleppkahns zusammengedrängt, dazu Laute tieri ­ scher Brunst, vergebliche Bemühungen eines halbver ­ blödeten Schiffers, seine Mannheit zu beweisen, Ver ­ zweifelte und Vernichtete, und wir haben die unerquick ­ liche Umwelt dieses Dramas. Und doch soll das Bemühen der Spielleitung, dieser wenn auch verfehlten Dichtung eine würdige Stätte zu bereiten, anerkannt werden. Was im „Kleinen Theater" der anderen Muse, die jenseits der heiligen Neun ihr fröhliches Zelt aufgeschlagen hat, geopfert wurde, ivar mit gleichem künstlerischen Ernst ergriffen, rauschte aber schneller vorüber, als es Direktor und Kassierer vielleicht angenehm ist. Walter Harlans „Jahrmarkt zu Pulsnitz" mit seinem stillen, feinen Humor, der allerdings durch das Groteske der einzelnen Gestalten fast Verschüttet wird, hätte beim Zuschauer mehr Verständnis finden dürfen. Ein vielversprechender Versager war Ludwig Fuldas neuester Schwank „Der Ehevulkan", der trotz liebevollen Eingehens aus die Wünsche des Theater ­ besuchers von heute nur Wiederholungen bringen konnte von besserer Komödie früherer Zeiten, der trotz der man ­ nigfachen geistreichen Anmerkungen zum modernen Leben keine Höhe wurde, sondern diesmal ein „Fuldatal" blieb. Da versteht Kurt G ö tz sein Handwerk besser. Seine „Tote Tante und andere Begeben ­ heiten" sind zwar ein dramatisches Nichts, aber so voller köstlicher Einfälle und lachender Wirklichkeit, daß man dem Dichter gern die absonderlichen Reitersprünge verzeiht. Seine Satire gegen die kitschige, falsche Roman ­ tik im „Märchen", gegen die heuchlerische Moral in der ganz im Simplizissimusstil gezeichneten „Toten Tante" haben das befreiende Lachen für sich. Mit einem „Spiel zwischen Scherz und Ernst" kamen dann noch die beiden Lothar und B a ch w i tz und nannten das Ganze „Die javanische Puppe". Aber der zu Ernst gehobene Finger ist nicht recht glaubhaft: gestörte Hoclp- zeitsnacht, der junge Ehegemahl ein Paragraphenschuster, die junge Frau mit Vergangenheit in allerlei entzückenden Verkleidungen, das sind schließlich ein paar neue Aus ­ stattungsstückchen zu einem bekannten Spiel. — Aus dem Künstlerkreise des Kleinen Theaters ist es besonders die lebendige, temperamentvolle Li R i m b ö k, die diesen Komödien den Geschmack des Mondänen verleiht, mit ihr die Schauspieler Fred M e r l i tz mit wechselndem Ge ­ schick ; Willi B r a u n e, Hans K l e i n a u und die aus ­ gezeichnete, wandlungsfähige Martha K r u l l, die meist greifbaren, köstlichen Gestalten zum eigenen Leben ver ­ helfen. A. L a t w e s e n.