so ist auch dies ein Zeichen des nahen Todes. Hier dürfte meinem Dafürhalten nach nur die Übertragung einer Beobachtung vorliegen: wenn ein Tier stark krankt, so fallen die Fliegen stark zu; sie mögen wohl die Witterung haben, daß der Tod seine und damit auch ihre Beute schon ergriffen hat. Die todkündenden Tiere dringen aber auch in das Innere des Hauses. Wenn dort ungewöhnlicherweise ein Heimchen erscheint, so bedeutet das für das Haus einen Sterbfall. Hier darf darauf verwiesen werden, daß das Heimchen eine der Formen darstellt, in die sich die abgeschiedene Seele zu hüllen beliebt. Es wäre also immerhin die Annahme nicht ganz abzuweisen, daß man in dem so ungewöhnlich erscheinenden Heimchen ur ­ sprünglich die Seele eines Ahnen gesehen hätte, der da kommt, getrieben von dem dump ­ fen Empfinden, daß demnächst einer seiner Nachfahren zu ihm ins Schattenreich eingehen wird. Und wenn in der stillen, schweigenden Nacht im Getäfel der Stube der Holzwurm (Anobium pulsator) eifrig tickt, so ist auch da dem „Wissenden" klar, was das zu bedeuten hat: haben ihm doch „die alten Leute" über ­ liefert, daß das die „Totenuhr" ist und, wo die sich hören läßt, bald jemand stirbt. Klei ­ nere Kinder, die noch nicht bewußt reflektieren, deren Sinne daher noch allen ^Eindrücken offen und zugänglich sind, werden vom Volksglauben folgerichtig der Tierheit zugerechnet, d. h. sie können gleich dieser zu Todverkündern werden. Wenn sie daher im Spiel ein Begräbnis dar ­ stellen oder im Chor mit auffälligem Eifer und sichtlicher Freude ihre „Lieder ohne Worte" singen, so sagen die Erwachsenen, die den: Spiele zusehen oder die „Engelstimmen" hören, kopfschüttelnd: „Gebt acht, es stirbt bald wieder jemand im Dorf." 9. Selbst die liebe Sonne, die doch als die letzte Quelle alles Lebens ans der Erde streng ge ­ nommen gar nichts mit dem Tod zu tun haben sollte, wird dem Glauben an Todankündigung dienstbar gemacht. Wenn sie aus umwölkten: Himmel plötzlich einen Strahl hervorschießen läßt und dadurch ein b e st i m m t e s Haus in hellstes Licht setzt, so stirbt bartu bald jemand. Allbekannt ist ferner, daß die Zahl „dreizehn" eine Unglücks- bzw. Todeszahl ist. Findet es sich daher, daß man zu dreizehn am Tisch sitzt, so muß einer aus der Tischgesellschaft in Jahresfrist sterben. Man leitet .(im Lumda ­ tal) manchmal diesen Aberglauben von Jesus und seinen Jüngern her, weil von diesen drei ­ zehn einer sterben mußte, meist weiß man je ­ doch keinen Grund anzugeben. Hierher gehört auch der Glaube, daß, wenn eine Tasse, ein Teller und dergleichen mitten entzwei bricht, dies auf den Tod einer geliebten Person hin- weist. Ähnlich, wenn ein Spiegel oder ein Fenstervorhang herabfällt oder ein Glas ohne erkennbare Ursache zerbricht. (Kehrein, Volks ­ tümliches aus Nassau, Ansg. v. 1891 S. 269.) Das Krachen der Möbel in der Stube eines schwer Erkrankten oder das Herabfallen eines Wandbildes deutel dessen Tod an. So wurde auch der Tod des „Leichenritters" von Wil ­ helm I., des Jagdjunkers Ludwig v. Eschwege, dadurch! angekündigt, daß in der Todesnacht des Kurfürsten Eschweges Bild von der Wand stürzte und im Fallen eine auf der Kommode stehende Tasse mit dem Bilde der Löwenburg in Scherben schlug (s. den Bericht über einen Vortrag von Woringer in der Kass. Allg. Ztg. Nr. 73 Jhrg. 1921, 4. Blatt). Ferner gehört hierher der ganze Vorstellungskomplex, dem der Verfasser dieses Aufsatzes unter der Überschrift „Das »zweite Gesicht' in Hessen" gerecht zu werden versucht hat. Endlich mag noch eine Reihe von Vorstellungen, weil sie an Vorgänge in oder nahe dem Hause anknüpfen, gleichfalls nn dieser Stelle mitgeteilt sejn. Wer am Samstag krank wird, steht von der Krankheit nicht mehr auf. Wenn sich Sonntags der Zu ­ stand eines Kranken bessert, so stirbt er bald; verschlimmert es sich aber mit ihm an dem genannten Tage, so wird er in kurzem wieder gesund. Ziemlich allgemein läßt mar: daher den Kranken nicht am Sonntag zum ersten Male wieder aufstehen. Wer „mit den Füßen zum Fenster hinaus schläft", d. h. in solcher Richtung, daß 'der Blick aufs Fenster geht, wird bald, die Beine in dieser Richtung, zu Grabe getragen. Wenn die Stubentür von selbst auf- und zugeht, so stirbt bald jemand im Hause. Klingt die Säge eines Schreiners, der die Särge macht, während sie ungebraucht an der Wand hängt, so wird bald jemand sterben. Auch dies ist wieder ein Beweis für das tiefe Bedürfnis des Volkes, die Gegen ­ stände zu beseelen: die Säge, die zu so melan-. cholrschem Geschäft verwendet wird, fühlt mit, ja fühlt es voraus. Was von der Säge des Sargschreiners, das gilt von der Schaufel des Totengräbers: wenn sie im Hause ihres Eigen ­ tümers von selber umfällt, so 'muß dieser bald ein neues Grab machen. Im Alter soll man nicht zu bauen anfangen; tut man das, so 391 !