380 Vom Kasseler Staatstheater. „Auch war der Anfang unsern Wünschen hold .. Wie gern möchte ich das Schillerwort dem neuen Theaterjahr, dem neuen Herrn zuni Geleit geben. Aber der August verstrich, Goethes Geburtstag, der sonst nach altem Herkommen mit irgendeinem Schmuckstück seines unergründlichen Schatzes ausgezeichnet wurde, ver ­ lies diesmal feierlos. Dafür erlebten wir wenige Tage später die Erstaufführung eines Werdenden, E u g e n Ortne r, und seiner Tragödie „ M i ch a e l Hunde r t- Pfund". Eine Dorfgeschichte, die von Anzengruber und Rosegger den dramatischen Antrieb erhielt, aber mehr novellistisch blieb. Der Held ist einer von jenen lln- glücklichen, die der Krieg entwurzelt hat. Nur oben, hoch im Schwarzwalde haust noch ein alter Ohm mit seiner Frau, Köhlersleute' auf schmalem Gütchen. Nun ist der Matrose Michael im Urlaub zu ihnen hinaufgekom ­ men, hat sich sein Mädel, die Marie aus dem „Gol ­ denen Stern", gleich mitgebracht. Die hält ihn, den Ruhelosen, den Mann vom Meere, und der heimatliche Wald. Er überschreitet seinen Urlaub, nun kann er nicht mehr Zurück, ein Heimatrecht hat er nicht, ein Lump will er nicht werden, seine Marie schreit nach ihm mit allen ihren Sinnen, da wird er zuni zweifachen Tot ­ schläger an den alten Leuten, die, kinderlos, ihm doch ihr Häuschen einst vermacht hätten. Was tragisch an diesem Heimatlosen ist, hat der Dichter wohl erkannt. „Ihr laßt den Armen schuldig werden", dieser Schicksals ­ spruch umdüstert auch sein Haupt. Aber schließlich ist's doch nur ein bitterböser Zufall, daß Michael von der Absicht der beiden Alten, den jungen Leuten ihr Besitztum zu vererben, nichts erfahren hat, und der Doppelmord er ­ scheint zwecklos. Belastend für die Dichtung ist das Be ­ streben des Dichters, seine selben zum Sprachrohr seiner eigenen parteilichen Meinungen jti machen. Der neue Herr im Schauspiel, Oberspielleiter Dr. R o l f P r a s ch , hatte dem Stück sorgende Liebe ge ­ schenkt, die von dem Schaffen dieses Künstlers Gutes er ­ hoffen läßt. Die natürliche Umwelt der Dichtung wurde gewahrt, Zusammenspiel war auf seltener Höhe. Uh - l i g s stark zugreifende Kunst schuf aus dem Widerspruchs ­ pollen Matrosen ein Schicksal, das hinaufwuchs zum allgemein Menschlichen. Trude T a n d a r gab eine Alte voll überzeugender Kraft und Tiefe. Eva Hofs m a n n half der matteren Marie durch die festen Linien ihrer herben Kunst. Die Komödie Karl Slobodas, „Die Wette", die kurz darauf folgte, war wohl weniger das Ergebnis der literarischen Bestrebungen des neuen Spielleiters, als vielmehr der Wunsch, sich dem Zuschauerkreise m einer Glanzrolle zu zeigen. Das ist ihm auch vorzüglich ge ­ lungen. Er spielte den Helden, einen Don Juan in Lack und Dreß, einen „Seelenarzt", dem keine Frau widerstehen kann, in vornehmer Eleganz und spielerischer Sicherheit. Dre hohe Erscheinung des Künstlers, die leicht bewegliche Liebenswürdigkeit, der tiefe Klang seines bieg ­ samen Organs, erinnern die älteren Theaterbesucher an den gefeierten Darsteller des Lustspiels der Schönthan- Kadelburg-Periode — Georg Kothe. Er fand in Ernst W e h l a u einen trefflichen Gegenspieler, der eine bis ins kleinste fein karikierte Zeichnung eines nach dem Lineal gerichteten überkorrekten Juristen schuf. Um der ausgezeichneten Darstellung willen konnte man über die gehaltlose Zweideutigkeit der Komödie, die ein in der Geste gesteigerter Schnitzler ist, hinwegsehen. Mit der ganzen Wucht künstlerischen Ernstes erfaßte Dr. Prasch zwei Denkmale der Weltliteratur. Zunächst den großen C a l d e r o n spanischer Vergangenheit uno Herrlichkeit. Sein „Leben ein Traum" mit der düsteren Lehre von der Nichtigkeit alles Irdischen, mit der klagenden Stimme des ins Jenseits tauchenden Dichters hat gewiß glanzvolle Bilder romantischen Ent ­ zückens, aber in dem Schicksalswege des traumhaften Prinzen Sigismund unb der ehrgekränkten Rosaura bleibt vieles brüchig, unverbunden und läßt uns trotz dröhnender Worte und rasselnder Rüstungen kalt. Man hatte den Eindruck, daß mit dieser wirklich glanzvollen Ausstattung dem Spanier reichlich viel Ehre angetan war. Ludwig Meidner hatte Dekorationen geschaffen, die uns über die hohle Theatralik hinwegtäuschen sollten, die bei aller Farbenpracht erfreulicherweise eine gesunde Abwendung vom Expressionistischen zeigten und ein Wiederfinden der reinen naturalistischen Linie. Weniger glücklich schien die Frage der Kampfbilder gelöst, die bei geschlossenem Vor ­ hang genügend Lärm boten, in offener Szene die leicht humoristische Entgleisung nicht entbehrten. E b h a r d t s Sigismund stellte die Wandlung dieses Wilden, da ihn die erste Ahnung von Traum und Wirklichkeit ergreift, packend dar. . Die andere große Leistung Prasch's war der Aufbau der „ T r o e r i n n e n " des Euripides nach Franz W e r- f e l s freier Übertragung. Der Weltkrieg hat diesen feinen Lyriker, der sich an Stefan George unb Rilke gebildet, zum Manne geschmiedet. Im ersten Jahre des deut ­ schen Schicksals schuf er die Nachdichtung der „Troerin ­ rinnen", die in der Fülle und Gewalt seiner Sprache fast als eigenes Werk anzusprechen ist. Durch die Szene flutet, braust und donnert ein furchtbares „Wehe" über den Krieg. Das zerstörte Troja, dessen rotrauchende Trümmer während der Geschehnisse unheimlich am Hori ­ zonte aufleuchten, wird zum Symbol vom Zusammen ­ bruche seines Vaterlandes. Für diese Umwelt von Grauen und Entsetzen, die von dem Zuschauer viel Nervenkraft verlangt, hatte die Spielleitung einen um ­ fassenden Rahmen geschaffen. Breite Treppenstufen er ­ füllten den Vorderraum der Bühne, ein seltsam fahl be ­ leuchteter Hintergrund mit dem Schattenbild der unglück ­ lichen Stadt schloß im Halbkreis ab. Auf der höchsten Stufe die klagende Hekuba, die unglückseligste aller Königinnen und Mütter, war von Trude T a n d a r in fast überweltlichem Maße dargestellt. Keine Qual dieser gefolterten Seele, die von der Künstlerm nicht durch ­ lebt wurde, deren erschütternder Ausdruck die Zuschauer nicht gewaltig ergriff. Zu Seiten die klagenden Troerin- nen, choristische Leistungen bietend, nue wir sie in ihrer Geschlossenheit noch nicht gehört haben. Ein seltsamer Theaterabend, reich an äußeren Gegen ­ sätzen und solchen der Empfindung, band zwei Dichter französischer Zunge zusammen, die einander nichts zu sagen haben: Frankreichs größten Lustspieldichter Mo ­ kiere und den Romancier R o m a i n R o l l a n d. Es ivar die Stegreifkomödie „Georges D a u d i n ", die geniale Verspottung des reichgewordenen Bürgers, der eine verarmte Adelige erkürt und von ihr gehörnt ward, in dessen Schellenkomik Ernst Wehlau die dunkle tragische Linie fein eintrug. Ihr folgte „Ein Spiel von Tod und Liebe", die jüngste Tafel aus den Revolutionsdichtungen des Belgiers. Nach dem breiten Vorwort will der Dichter „kein heroisches Drama einer- vergangenen Epoche schreiben, sondern den Beweis lie ­ fern für die Macht und die Grenzen des Lebens". Doch werden genug große Worte um den in seinen Grundlagen aufgewühlten Staat hineingetragen. Es ist kurz nach dem