379 jf)Cin$ ^famulier« 3u seinem 60. Geburtstag. Am 2. Dezember vollendet Hans Altmüller sein 60. Lebensjahr. Es entspricht der Bedeutung des Jubilars, wenn auch an dieser Stelle seiner ge ­ dacht wird. Hans Altmüller, 1865 in Kassel im Hause seines Großvaters, des Geh. Regierungsrats Arnold, als Sohn des Lyrikers und Novellisten Or. Karl Alt ­ müller geboren, besuchte das Kasseler Friedrichs- gymnasinm, studierte in Berlin Kunstgeschichte und Philosophie, war dann nach längeren Studienreisen durch Italien und Frankreich zehn Jahre lang wissenschaftlicher Hilfsarbeiter an der Murhardschen Bibliothek, dann Lehrer am Kasseler Konservatorium lind lebt in Kassel als Privatgelehrter. Altmüller ist in Kassel, seiner Vaterstadt, nicht unbekannt. Um ihn schart sich ein Kreis von Verehrern, der seine Fähigkeiten erkennt und anerkennt. Auch in der Volkshochschule versammelt er allwöchentlich eine größere Anzahl Zuhörer um sich. Aber in der breiteren Öffentlichkeit sonnte Altmüller noch nicht durchdringen. Er teilt dieses Schicksal mit seinem Vater, dem leider allzufrüh verstorbenen Karl Altmüller,demDichter des Hessen ­ liedes: „Ich weiß ein teuerwertes Land", das u.a. Lewalter vertont hat und das wohl jedes hessische Schulkind singt, ohne gerade über den Dichter viel zu erfahren. Beide, Vater und Sohn, haben es aber reichlich verdient, min ­ destens in Hessen immer wieder genannt zu werden, und es wäre eine dankbare Aufgabe für die heimatlichen Blätter, diesen „hes ­ sischen Köpfen" zur Anerkennung zu verhelfen. Hans Altmüller ist Denker und Dichter, Schrift ­ steller und Künstler. Ein Mensch von durchaus in ­ dividueller Eigenart und eine Persönlichkeit von ganz ausgeprägter Geistigkeit, wie sie unsere nivellierende Zeit nur selten noch hervorbringt. An die Öffentlich ­ keit tritt er vor allem durch seine Vorträge über Kunst und Kultur, Literatur, Musik und Philosophie. Was er in diesen Vortrügen in anziehendster, geist ­ reichster Form vertritt, ist das klassische Bildungs ­ ideal, das er als vollgültig und höchst erstrebenswert auch und gerade für unsere im technischen Pro ­ blem einseitig gefesselte Gegenwart hinstellt. Er ist selbst ein vollendeter Repräsentant dieses Ideals, im Wesen und in der Erscheinung. Originell im Ausdruck, neu und schöpferisch im Gedankenbau, be ­ geisternd und mitreißend in der Rede, handhabt er seinen unerschöpflichen Vorrat an stofflichem Wissen mit einer seltenen rhetorischen Meisterschaft. Der Wirkung dieser Persönlichkeit entzieht sich auch der nicht, der manches ablehnen zu müssen glaubt, was der Vortragende mit Einsatz seines ganzen Ich als seine Überzeugung freimütig vertritt. Schriftstellerisch ist Altmüller schon 1892 mit einem Frühwerk: „Deutsche Klassiker und Roman ­ tiker" hervorgetreten. Für Heidelbachs „Hessenland" hat er dann manchen Beitrag in Poesie und Prosa geliefert. 1920 erschien sein „Unsterblichkeits ­ problem", dem sich 1924 das Buch „Höchste Lebens ­ werte" anschloß, in dem der vorgenannte Vortrag mit zwei weiteren über „Das Wesen des Ehristen- tuins" und „Die Bedeutung un ­ serer Klassiker für die Gegenwart" zu einem 122 Seiten starken Bande vereinigt wurde. Dieses Buch enthält in konzentrierter Form das Wesentlichste seiner Weltanschauung, die durchaus positiv, sich bei aller Anlehnung an klassische Vorbilder als ein selbständiges Ergebnis langer und fruchtbarer Denkarbeit dar ­ stellt. Wer diese Vorträge liest, hört den Verfasser sprechen! Die meisten seiner schriftstelle ­ rischen Produkte, insbesondere die Mehrzahl feiner Gedichte, ruhen aber noch unveröffentlicht im Schreibtisch. Im heutigen Deutschland sind Persönlichkeiten wie Altmüller nicht zahlreich vorhanden. Kassel und Helsen dürfen stolz sein auf diesenSohnderheimatlichenErde, dessen ganze Persönlichkeit fest in ihr wurzelt, tvenn auch sein Werk auf Universales zieht. Dieses Ziel ist immer die Erziehung des Menschen zur freien, harmonischen Persönlichkeit, die sich ihrer sittlichen Bestimmung und Verpflich ­ tung bewußt ist. Es geht immer uni ethische Dinge, und Tagesfragen gelten Altmüller nur insoweit, als sie in Beziehung zu diesen Endabsichten zu bringen sind. Darum ist er auch ganz und gar un ­ politisch und im Grunde unberührt von den Tages ­ meinungen und doch in hervorragendem Maße be ­ rufen und auserwählt, an seinem Teile praktische Wiederaufbauarbeit zu leisten und unser Volk inner ­ lich reif und fähig für eine bessere Zukunft zu machen. Hoffen wir, daß nach einem Jahrzehnt diese lich ­ tere Zeit angebrochen ist und daß bei der 70. Geburts- tagsfeier dem Jubilar Gerechtigkeit in einem Um- fnnge zuteil wird, die seiner Bedeutung entspricht. A. Bei t. Hans Altmüller.