310 öfter zu regelrechten Prügeleien ausarteten, und durch die Straßen des lieben Städtchens tönte der Lärm der Kämpfer. — Die schönste gemeinsame Feier im Jahre war entschieden unser sogenann ­ tes Examensfeuer. Ursprünglich wohl zur Erinne ­ rung an die Leipziger Völkerschlacht aus den 18. Ok ­ tober angesetzt, wurde es später mehrere Wochen früher gelegt, weil es im Oktober aus dem Fest ­ platz, dem Gipfel des Wartebergs, schon etwas winter ­ lich war. Heute würde das Fest an dieser Stelle schon gar nichr mehr abgehalten werden können, denn in der geliebten Heimat ist in den langen Jahren, auf die ich zurücksehen kann, nicht nur die Bevöl ­ kerung unter der gesetzmäßigen Herrschaft des dürren Sensenritters stark verändert, auch die Berge haben ein anderes Aussehen bekommen. Die Gipfel der drei Warteberge, des Wahrzeichens von Witzen- hausen, wie der Habichtswald es von Kassel ist, waren früher kahl, nur aus der äußersten Spitze be ­ fand sich ein kleines Wäldchen. Heute sind die Gipfel bis weit hinunter mit Bäumen bestellt und das Landschaftsbild dadurch verändert. Das Feuer wurde auf dem Gipfel des ersten Wartebergs ab ­ gebrannt. Teertonnen mit Wacholderbeerbüschen ausgestopft, bildeten das Brennmaterial. Das Be ­ schaffen und Zusammenstellen ergaben für uns Jun ­ gen zwei getrennte schöne Feiertage. Zuerst wurden die Wacholderbüsche geholt, meistens vom Spon- berg von dem Gelände, wo heute der Bahnhof Witzenhausen (Nord) liegt. An der Wagendeichsel wurde ein langer Strick festgemacht, durchgesteckte Knebel dienten zum Anfassen, so daß eine Reihe von Jungen die Beförderung besorgen konnte. Die Büsche wurden in den Räumen, die heute bie Kolonialschule benutzt, einige Tage zum Trocknen aufbewahrt. Daun kam der Haupttag: der Trans ­ port der Tonnen und Büsche zum Gipfel des Warte- bergs, das Aufbauen und das Abbrennen. Der Transport besonders durch die steile Wartebergs ­ gasse bis zum Gipfel des Berges erforderte viel Vor ­ sicht. Die Tonnen wurden, meistens drei Stück, aus ­ einander gestellt und mit den Büschen gefüllt. Da ­ bei mußte mit Rücksicht auf die Windrichtung das Feuerloch an richtiger Stelle stehen. Mit dieser Arbeit waren wir den ganzen Tag beschäftigt, wir lebten wie die Soldaten im Biwak, zündeten uns Feuer an und verpflegten uns so gut es ging. Für die Leitung des Festes wurde ein Ausschuß gewählt, an dessen Spitze ein Kamerad mit dem Titel „Bürgermeister" stand. Gegen Abend kamen unsere Lehrer und Angehörigen auf den Berg. Nach ab ­ gebranntem Feuer ivurden die Tonnen, noch glü ­ hend, den Berg „heruntergekullert" und wir zogen mit fröhlichen Liedern zur Stadt zurück. „Prinz Eugen der edle Ritter" fehlte dabei niemals. Ich habe es die vielen Jahre so oft gesungen, daß ich die Verse heute noch alle auswendig weiß. Von den Festen, die sonst in Witzenhausen ge ­ feiert ivurden, möchte ich dem „Weinlesefest" oder „der Weinlese", wie es kurz hieß, noch einige Worte nachrufen, weil sie schon lange nicht mehr existiert. Im Gegensatz zum Erntefest, das als allgemeines Fest der gesamten Bürgerschaft heute noch gefeiert ivird, war die „Weinlese" ein Fest der sogenannten Honotationen. Diese fahren heute lieber mit der Eisenbahn nach außerhalb und vergnügen sich dort — eine Eisenbahn aber existierte damals in Witzen ­ hausen noch längst nicht. Erst im Frühjahr 1872 wurde die Strecke nach Münden eröffnet. Das Fest wurde eingeleitet durch das sogenannte Weinlese ­ frühstück im Rathaussaal — eine feucht-fröhliche Kneipe, bei der in Wort und Bild alles, was in dem verflossenen Jahre sich ereignet, vorgeführt wurde. Die Regie hatte hierbei regelmäßig mein Vater, und dadurch kam ich selbst schon als kleiner Knirps mir der Weinlese in Berührung. Ich ent ­ sinne mich noch wie heute, daß mein Vater eines Tages beim Mittagessen zu meiner Mutter sagte: „Zieh den Karl morgen mal hübsch an, er soll beim Frühstück mitspielen, er soll „verschwin ­ den". Meine Mutter wollte über dieses „Ver ­ schwinden" genau unterrichtet sein, aber mein Vater kam ihrem Wunsch nicht nach. „Wenn ich es sage, ist es in der Stadt bald bekannt und macht keinen Eindruck mehr." Ich wurde also hübsch heraus ­ geputzt, im Rathaussaal beim Frühstück auf einen Tisch, der unten herum dicht verhängt war, gestellt. Über mich wurde mit allerhand Orakel- und Zauber ­ sprüchen ein großer Weidenkorb gestülpt, wie sie zum Verschicken der „Kespern" gebraucht wurden. Ich kroch dann durch eine Öffnung in der Tischplatte nach unten, die Öffnung wurde geschlossen und dann der Korb entfernt. Ich war unsichtbar, sichtbar für alle aber lag auf der Tischplatte ein künstlich her ­ gestelltes Andenken an mich, das tosenden Beifall der Tafelrunde erweckte. Auch wichtige Ereignisse !der Zeit wurden beim Weinlesefrühstück vorgeführt. So erinnere ich mich z. B. noch des „Friedens ­ schlusses von Villa-Franca". „Den Friedensschluß von Villa-Franca" verkündete bei dem Weinlesefrühstück 1859 der Regisseur mit lauter Stimme. Zwei Tische standen im Saal, auf dem einen, mit Uniform und Maske deutlich dargestellt, Kaiser Franz Joseph von Österreich, auf dem andern ebenso getreu kopiert Kaiser Louis Napoleon. Die beiden Tische wurden näher und näher zusammen ­ geschoben, bis die beiden Herren sich gerührt in die Arme fallen konnten. Nach Beendigung des Früh ­ stücks zogen die schwankenden Gestalten im Zuge mit Musik zum Johannisberg, wo Kaffee getrunken wurde. In der Hand trug jeder eine lange Stange, bis zur .Hälfte mit Weinlaub umrankt. Das Wein ­ lesefest wurde durch zwei Weinlesebälle geschlossen. Über das Erntefest Jugenderinnerungen zu schreiben, hat keinen Zweck, da es heute noch begangen wird und bei der Jubelfeier in besonders schöner Form gefeiert worden ist. Manchmal bescherte uns auch der Himmel ein Schauspiel, das unvergessen bleibt. Im Sommer des Jahres 1858 Pilgerten allabendlich die Witzen- häuser nach der Werrabrücke, um den prachtvollen Donatischen Kometen zu bewundern, der mit seinem