309 künstlerische Niederlagen gebracht hat, sich unwür- und dennoch nicht verzweifeln, verlangt wahrlich digen Aufgaben beugen mußte. Aber selbst diese einen hohen Mut. Das ist vielleicht das Beste, bekamen in solcher Inkarnation Blut und Leben, was der Mensch Jürgensen einem >verdenden Ein Wort des Hasses oder des Neides habe ich aus Menschen zum Erbe geben konnte. Für dieses Erbe, Jürgensens Munde nie gehört, ebensowenig ein nach wahrem Menschentum zu streben und es durch ' Wort der Überhebung oder der Enttäuschung über jede Kunst leuchten zu lassen, sei Dir Dank, ver ­ arge Undankbarkeit: er wußte genau, womit man ehrter Meister, und für das, was Du als Künstler unter Menschen zu rechnen hatte. Dies genau wissen den Menschen gabst, gloria Dir, Adolf Jürgensen! Or. Stichtenoth. Zugenderinnerungen eines Wihenhäusers. Von Karl Grosheim, Professor i. R., Lochen (Anhalt). (Schluß.) L>o etwa verlies die schöne Jugendzeit, so lange sie sich nur in der Entengasse und der allernächsten Nachbarschaft abspielte. Eine Änderung trat ein, so ­ bald sich die Pforten der Schule öffneten. Nun ging es hinein in eine erweiterte Welt, mit neuen Men ­ schen und bisher unbekannten Dingen. Die Schule erfordert Pflichten, um sie erfüllen zu können, mußte der Körper gesund erhalten werden. So bewegte sich das Leben nunmehr gleichsam um zwei feindliche Pole: die Schule mit allem, was drum und dran hing, und das Leben mit den lieben Mitschülern außerhalb der Schule. Ich gestehe offen, daß mir das letztere als das Bessere und Schönere erschien. Ich habe ans dem Berkehr mit der gleichaltrigen Jugend aller Stände für mein späteres Leben und meinen Beruf viele Vorteile gehabt, wohl ebensoviel wie von der Schule. Hier gab's sehr viel Religion — Bibel, Gesangbuch, Katechismus füllte einen sehr großen Teil des Stundenplanes aus —; noch mehr aber gab es Prügel nach dem Vorbild, wie es im „Prinzen Rosa Stramin" zu lesen ist, und zwar nicht nur über die Anzahl der Hügel, auf denen Rom er ­ baut ist. Hier weiß ich heute Bescheid. Ich bin aber oft über Vorgänge aus der biblischen Geschichte geprügelt worden, von denen ich noch heute keine Ahnung habe. Unrechr wäre es, wenn ich nicht dankbar mich vor allem des Herrn Kantor Kraft erinnern wollte, der meine angeborene Liebe zur Musik wach- gehalten hat. — Zwei Lehrer aber muß ich noch erwähnen, die beide in einem zur 700-Jahrfeier er ­ schienenen Bericht über Witzenhäuser Schulverhält-- nisse nicht genannt sind: die Beherrscher der Rektor ­ schule, Konrektor Witzel und seinen Nachfolger Rek ­ tor Schütte. Ersterer war streng oft bis zur Roheit, aber ein tüchtiger Lehrer, vor dem wir Respekt hatten, der leider nur kurze Zeit in Witzenhausen ivar, dann als Lehrer an das Kadettenhaus nach Kassel versetzt wurde. Er verstand es ausgezeichnet, seine Schüler besonders für die deutsche Geschichte zu inter ­ essieren — das danke ich ihm heute noch. Das Gegenstück war sein Amtsnachfolger, der unglückliche Rektor Friedrich Schütte. Sein Regiment ist durch Überlieferung heute noch nicht ganz vergessen. Mit heutigen Augen angesehen erscheint es unbegreiflich. Es wäre kaum möglich, zu erzählen, was sich in der Schule des Rektors alles zugetragen. Meinst du nicht auch, Freund Andreas? Ich verzichte daraus und will ihin wenigstens eine gute Tat nachrühmen, die mir und den noch lebenden Mit ­ schülern sicher in freundlicher Erinnerung geblieben ist — das von ihm eingerichtete Soldatenspiel im Jahre 1861. Der Rektor war ein großer Verehrer des Sol ­ datenstandes und suchte uns dafür zu begeistern. So wurden denn zunächst Uniformen und Waffen beschafft. In einfachster Weise: Ein Helm aus Pappe hergestellt, schwarz beklebt, mit dem Löwen geziert, Achselklappen aus Tuch vom Eckennachbar hergestellt, dazu ein kurzer Holzsäbel und ein hölzernes Gewehr. Als Ausbildender wurde ein ausgedienter Soldat gewonnen. Das Tagebuch, das ich über dieses Soldatenspiel noch besitze, berichtet, daß wir am 20. Juli 1861 mit Musik durch die Stadt mar- schierten und auf dem Marktplatz eine Art Parade ­ marsch ausführten. Die Namen der -lieben Mit ­ schüler sind noch alle vorhanden — es waren 34 Jungen. Ich selbst besitze noch heute die kleinen Epauletten, die ich damals getragen habe, aus rotem Tuch hergestellt, umsäumt mit gelben Fransen. Ich muß wohl eine hohe Charge in dem Fähnlein eingenommen haben. * Die Erholung außerhalb der Schule wurde damals nicht in der Weise sportmäßig betrieben wie heute. Man kannte das Wort Sport bei uns kaum. Es wurde nicht >vie heute die Leibesübung z i f f er ­ nt ü ß i g als ehrgeizige Überholung betrieben, es wurde nicht jeder Ball notiert, nicht jede Sprung ­ weite genau nach Maß festgestellt, auch nicht jede Marschleistung genau taxiert nach Länge und Zeit, es gab auch noch keine Zeitungen, die über solchen ziffernmäßigen Sport täglich berichteten. Wir trie ­ ben unsern Sport im Sommer an den Hängen des Wartebergs und besonders des Sponberges — da spielten wir Räuber und Gensdarmen, Ballschlag aber auf dem Kirchplatz, und Wassersport trieben wir am Sandrasen in der lieben Werra. Im Winter aber wurden die Schneeballschlachten geschlagen. In zwei feindliche Lager war die Jugend geteilt, durch festverbürgtes Herkommen. Die Linie von Osten nach Westen durch die Mitte der Stein- und Erm- schwerdter Straße schied die nördlich gelegene Unter ­ stadt von der südlichen Oberstadt. Sobald der nötige Schnee gefallen war, begannen die Gefechte, die