294 mancher andern Burg, einem adligen Geschlecht zuzufallen, dem der Klingenberger, die ihn zum Mittelpunkt ihres nicht unbedeutenden Hegauer Besitzes machten, bis sie, durch Tei ­ lungen geschwächt, dem immer kühner um sich greifenden Württembergischen Herzogshause weichen mußten. Mit klugem Blick hatte Herzog Ulrich in den trüben Tagen, da er sein Land flüchtig verlassen mußte, den Hohentwiel, der Klingenberger Herren unbezwingbare Feste, als Zufluchtsort ausersehen; und mit aller Zähigkeit, deren er fähig war, wußte er sich, allen Bemühungen des Hauses Österreich, die Burg an sich zu bringen, Trotz bietend, zum alleinigen Besitzer des Hohentwiel zu machen. Ja, man kann wohl sagen, daß der Hohentwiel gerade dem vertriebenen Herzog Ulrich, dessen Land der schwäbische Bund erobert und 1520 an Österreich verkauft hatte, die Möglichkeit eröffnete, an die Wiedereroberung seines Lan ­ des zu gehen und sie mit Hilfe des hessischen Landgrafen Philipps des Großmütigen durch ­ zusetzen. Doch erst der Passauer Vertrag von 1552 sicherte dem Herzog Christoph, Ulrichs Sohn, den in jenen unruhigen Zeiten doppelt wertvollen Besitz. Hatte die Burg in den endlosen Fehden der verflossenen Jahrhunderte den Ruf ihrer Un- einnehmbarkeit gewahrt, so sollte sie die Feuer ­ probe erst iu dem 30jährigen Kriege bestehen, der bis 1634 den äußersten Südwesten unseres Vaterlandes recht glimpflich behandelt hatte, aber nunmehr, nach der für den Kaiser sieg ­ reichen Schlacht bei Nördlingen, das gründlich nachzuholen schien, was er bis dahin versäumt hatte. Wieder, wie 100 Jahre zuvor, mußte der Herzog von Württemberg, Eberhard III., außer Landes flüchten; in seinem Lande schal ­ tete das übermütige österreichisch-spanische Kriegsvolk aufs erbarmungsloseste; mit der Aufteilung des Landes war bereits der An ­ fang gemacht; der Stern des Hauses Württem ­ berg schien zum zweiten Male in Nacht zu versinken. Nur der Hohentwiel bot noch den Kaiserlichen Trotz; kein Wunder, daß ihn gar bald das Kriegswetter arg umtobte. Auf der Burg gebot als Kommandant seit Mitte September 1634, also wenige Tage nach der Schlacht bei Nördlingen, der württem- bergische Major Konrad Widerholt, der rechte M a n n am rechten Orte. Geboren war Widerholt am 20. April 1598 in Ziegenhain und entstammte einer Fa ­ milie, die, ohne dem Adel anzugehören, seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts in hessischen Diensten zu Ansehen gelangt war — die ersten Ahnen der Familie begegnen uns als Land ­ vögte und Amtleutej —, so daß sie eine Zwischen ­ stellung zwischen Adel und Bürgertum ein ­ genommen zu haben scheint. Auf die wilden Knabenspiele Konrads und seiner Spielgefähr ­ ten auf Burg Ziegenhain mag die Erzählung von der ruhmwürdigen Verteidigung der Festung durch Heinz von Lüder bedeutsam ein ­ gewirkt haben; man möchte meinen, Konrad habe sich den treuen Heinz geradezu als Vor ­ bild genommen, jenen hessischen Edelmann, der als Priester und Held, als Hospitalpfleger und Festungskommandant seinem Herrn, dem Landgrafen Philipp, trefflich diente und, als er 1547 auf Befehl des gefangenen Landgrafen Ziegenhain an Kaiser Karl V. ausliefern sollte, damit es gleich den andern hessischen Festungen geschleift würde, in gehorsamem Unge ­ horsam erklärte: davon könne keine Rede sein; man solle zuvor seinen Herrn freilassen, damit er seinen eigenen Willen habe; wenn der kaiserliche General nicht bald abziehe, wolle er ihm den Weg mit den großen Karthannen weisen. — Im Jahre 1622, im Alter von 24 Jahren, trat Konrad Widerholt in würt- tembergische Dienste; die Beziehungen seiner Heimat zu Württemberg waren seit den Tagen des Land-grafen Philipp und des Herzogs Ul ­ rich rege geblieben. Die Dienste des jungen Kriegsmannes müssen ersprießlich gewesen sein; sonst hätte schwerlich Herzog Eberhard, als sich im Jahre 1634 die Kriegsfurie mit un ­ heimlicher Schnelligkeit seinen Landen näherte und der Fürst selbst nach seiner linksrheinischen Grafschaft Mömpelgard flüchten mußte, un ­ serm Konrad die Verteidigung des am weitesten nach Süden vorgeschobenen, rings von öster ­ reichischen Besitzungen umgebenen Hohentwiels anvertraut. Mit geradezu verblüffender Ent ­ schlossenheit ging Widerholt an seine schwierige Aufgabe. Da ihm sein Herzog nur ungenügende Geldmittel für die Verproviantierung der Feste zur Verfügung stellen konnte, so galt es zu ­ nächst, durch Beutezüge das Fehlende zu be ­ schaffen; und so erfolgreich waren diese Strei ­ fereien mit ihren unvermeidlichen Erpressun ­ gen, daß im Frühjahr 1635 der kaiserliche General von Ossa von Engen und der Herr ­ schaft Stühlingen aus den Hohentwiel scharf beobachten ließ; freilich ohne jeden Erfolg. Widerholt setzte seine Streifzüge fort, ohne in nennenswerter Weise von den Kaiserlichen daran gehindert zu werden. Für ihn und seine Besatzung war das um so notwendiger, als