284 Vom Italiener ging es zum Iren B. Shaw, dessen Frühwerk „Frau Warrens Gewerbe" in einer sein durchdachten Aufführung geboten wurde. Der un ­ ermüdliche Sittenprediger des modernen Europa be ­ trachtet auch in dieser Jugenddichtung die Bühne als leine moralische Anstalt. Frau Warren bezieht ihre Ein ­ künfte aus dem Ertrag einiger „Familienpensionen", will sagen Freudenhäuser, in Brüssel, Budapest usw. Und als ihre wohlerzogene Tochter die ganze Wahrheit hierüber erfährt, sagt sie sich los von dieser Mutter. Und doch steht diese als Siegerin in der großen Aus ­ sprache zwischen beiden. Denn Frau Warren und ihr verbrecherischer Geschäftsteilhaber sagen der vorheuchelten Gesellschaft kräftig die Meinung über diese dunkele An ­ gelegenheit. Und wenn gelegentlich eines Aktschlusses ein alter Pastor dieser berüchtigten Geschäftsfrau höflich den Arm reicht, um sie zu Tisch zu führen, dann liegt in dieser grotesken Handlung der ganze Shawsche Hohn über die seltsamen Widersprüche unserer sogenannten Kultur. Hellmuth Schubert hatte in die szenische Auf ­ machung einen seltsamen, aber feinsinnigen Gedanken geworfen. Ein bildhafter, kreisrunder Ausschnitt in einer Zwischenwand vermittelte sinnbildlich die verwor ­ renen, gegensätzlichen Geschehnisse der Handlung. Wally Rossotv als Frau Warren war mehr als eine gewöhnliche Kupplerin. In dieser Frau strömte Herzblut, aus ihr sprach bitterste Lebensnot. Martha Krull, die Tochter, die Studentin, tvar überlegen, herb, kühl und doch ein ganzer Mensch. Hans Clasens dunkler Ehrenmann war die stärkste Leistung. Auf gleicher Höhe bewegte sich die vierte Maske, W e d e k i n d s „Büchse der Pandora", die, längst erwartet, zur Höhe eines literarischen Tagesereig ­ nisses aufstieg. Der große Tanz um die Verderberiu Lulu, aus dem „Erdgeist" sattsam bekannt, begleitet hier die drei letzten Stationen dieses Dirnenlebens aus dem Zuchthaus über Paris nach London, wo sie dem berüch ­ tigten Jack ein Opfer wird. Eine Dirne als Heldin, ein Vorwurf nicht eben neu, aber alles rein Menschliche fehlt diesem Geschöpf, das nur einen Trieb kennt, sonst aber ins Nichts starrt. Der Moralist Wedekind läßt sie die unmoralischsten Dinge sagen und tun, die letzten Masken fallen, die wilde Geschlechtsbestie bleibt. Für ihre Darstellung war eine allererste Kraft gewonnen, Rahel Sanzara aus Berlin, die in allen Farben faulen ­ den Verderbens bösartig schillerte. Eine große, einheit ­ liche, fesselnde Leistung. Unter den Künstlern des Kleinen Theaters waren ebenbürtige Gaben, so Scheurmanns Schigolch, Wally Rossow als Gräfin Geschwitz und Cla ­ sens prächtiger Athlet. Damit war der Ernst von dieser Bühne verbannt, Ludwig Schmitz aus Mannheim lockte trotz steigen ­ den Thermometers die Freunde der lachenden Muse in sein heiteres Reich. Was mit diesem Gast an Komödien einzog, ist eigentlich nebensächlich. Er schafft sich seine Possen selbst, ganz gleich, ob er als „Charleys Tante", als „Schneider Wibbel", als einer von den „Drei. Zwillingen" oder als „Wahrer Jakob" über die Bretter wirbelte. Von dieser ausgelassensten aller Launen, dresem nicht unterzukriegenden Humor, diesem über allen komischen Zufällen sicheren Herrscher lassen wir uns den blödesten Blödsinn auftischen, schlucken ihn herunter und erklären ihn nachher für geistreich und wohlbekömmlich. Denn der Künstler bleibt bei aller zuweilen beliebten rheinischen Derbheit doch immer vornehm, sein frohes Augenspiel versichert uns nach jeder Entgleisung, „Kin ­ der, es war nicht bös gemeint, lacht dazu, das Leben ist ernst genug ..." Er wird Mittelpunkt des Kleinen Theaters bis zum Beginn der herbstlichen Spielzeit bleiben. A. L a t w e s e n.' Witzenhausens Siebenhundertjahrfeier. Schon oft ist in diesem Jahre gesagt worden, daß in Deutschland mit seinen gegenwärtigen wirtschaftlichen Nöten zu viel gefeiert werde, und das Wort „Deutsch ­ land feiert sich zu Tode" dringt immer wieder an unser Ohr. Mit tiefem Bedauern muß festgestellt werden, daß in vielen Kreisen unseres Volkes trotz allen inneren und äußeren Nöten, in denen wir stecken, dem Vergnügen mehr als nötig geopfert wird. Andrerseits braucht ein Volk, das am Boden lag und wieder emporstrebt, eines Haltes, an dem es sich wieder aufrichten kann. Und wenn sein Wohlergehen immer Ausfluß eines starken Heimatgefühles war, so wird det besonders stark betonte Ausdruck eines solchen Heimatgefühles, verbunden mit einem besinnlichen Rückblick in seine Vergangenheit, wohl geeignet sein, ihm zu weiterem Ringen Mut und Kraft zu geben. Wer Grebenstein, dann Fritzlar und fetzt wieder Witzenhausen miterlebt hat, wo wirklich ein ­ mal der leidige Parteihader unter der Wucht dieses Heimatgefühls vergessen werden konnte und die alten Landsleute aus weiter Ferne herbeieilten, im Schatten ihrer alten Geburtshäuser wieder jung wurden und Jugendfreundschaften neu besiegelten, der wird solchen Festen doch nicht alle Berechtigung absprechen können. Die Witzenhäuser hatten das ihre in den August ver ­ legt, dessen Wetterbeständigkeit längst sprichwörtlich wurde. Fast wäre ihre Hoffnung, da der heurige August recht übel aus der Art schlug, zu Schanden geworden, aber sie kamen gerade an ihren Jubiläumstagen mit einem blauen, heiteren Auge davon. Das Herz konnte einem aufgehen, wenn man das saubere Städtchen betrat und sah, mit wie viel Liebe und mit welchem guten Geschmack die Witzenhäuser ihre Häuser, Straßen und Gassen geschmückt hatten. Die ganze Stadt war ein großer Festsaal, in dem sich wahr ­ lich Feste feiern ließen. Der Vorabend brachte einen wirkungsvollen Fackelzug durch die illuminierte Stadt und dann draußen im Festzelt einen Kommers, der, aucki abgesehen von den Massenchören der Gesangvereine, der gehaltvollen Ansprache des Bürgermeisters D o m k e und den Darbietungen des rühmlichst bekannten Stadtmusik- drrektors Philipp, schon durch die Seßhaftigkeit manches trunk- und ehrenfesten Bürgers seine Aner ­ kennung fand. Dem großen Wecken in der Frühe des L-onntags folgten die Festgottesdienste. Dann sangen die Witzenhäuser Kinder auf dem Marktplatz ein paar präch ­ tige Lieder, und nun füllte sich die riesengroße Fest ­ halle mit Einheimischen und Fremden, die, namentlich aus Kassel, Göttingen und Eschwege den dichtgefüllten Sonderzügen entstiegen waren. Der Festakt, dem u. a. auch der Oberpräsident, der Regierungspräsident, der Landeshauptmann und der Rektor der Göttinger Univer ­ sität beiwohnten, bildete den geistigen Höhepunkt dieses Tages. Meister Philipp und die Gesangvereine der Stadt unter Lehrer Müller boten auch hier wieder ihr Bestes. Ein Prolog, den der bekannte Dichter Karl Graf von Berlepsch in nachbarlicher Freundschaft verfaßt hatte, gab der weihevollen Stimmung würdigen Ausdruck. Dann betrat ein Witzenhäuser Kind, Geh. Regierungs ­ rat Profesior Or. Edward Schröder von der Göt ­ tinger Universität, das Podium und hatte schon nach