101 dieser ausdrücklich den Streichcharakter be ­ tonenden Merkmale gezupft werden Z wird einen nicht wundern, wenn man weiß, daß das Zupfen der Saiteninstrumente eine Haupt ­ eigentümlichkeit der Mittelmeervölker ist, wäh ­ rend die dem Mittelmeer abgewandten Völker das Streichen bevorzugen. Gerade die Gitarre zeigt, obwohl sie gezupft wird und dem ent ­ sprechend auch ein Mittelschalloch hat, die ihre Fidelverwandtschaft verratenden Einschnürun ­ gen in der Mitte des Resonanzkörpers. Es liegt nicht in der Aufgabe dieser Zeilen, voll ­ ständige Entwicklungsreihen der Streichinstru ­ mente aufzustellen, lediglich möchte ich, bevor mit der Betrachtung des hessischen Geigenbaues be ­ gonnen wird, einige in weiten Kreisen unbekannte Erscheinungen aus der Welt der Streichinstru ­ mente streifen. Zuerst sei da die Viola à'amour er ­ wähnt, zumal sich gerade in Kasseler Besitz zwei herr ­ liche alte Instrumente dieser Gattung befinden. Unsere Abbild. (S. 102) zeigt eins dieser Instrumente, das ivahrscheinlich der Meister ­ hand von Jacobus Stainer « 1621 —1683 in Absam, Tirol) entstammt. Die Wiener „Sammlung alter Musikinstrumente" besitzt 2 ein unserem Exemplar sehr- ähnliches Instrument, das jedoch in seinen Formen plumper geraten ist, auch ist das Köpfchen, das zur Be ­ krönung des Wirbelkastens dient, bei weitem nicht so sorgfältig gearbeitet. Man beachte auf den Abbildungen, daß unter den mit dem Bogen zu streichenden Darmsaiten Drahtsaiten laufen, die durch den Steg hin ­ durch und unter dem Griffbrett geführt sind. Sie werden auf die gleichen Töne gestimmt wie die Darmsaiten und dienen zur Ton ­ verstärkung. Durch sie erhält die Viola, à'amour ihr besonderes Klangcharakteristikum. (Die Rückansicht des Instruments läßt die Resonanz ­ saiten deutlich erkennen.) Schon diese wenigen 1 Wie z. B. auf dem Mailänder Madonnenbild non Nicolo Pisano. _ 2 Nr. 92 des Kataloges von I. Schlosser, bei Anton Schroll & Co., Wien 1920. andeutenden Zeilen lassen erkennen, wie die Erbauer der Instrumente danach streben, eine immer günstigere Form und Besaitung zu finden. Der Abnormität halber sei hier noch erwähnt, daß sich die Kaiserin Maria Theresia 1749 von einem Wenzel Kowansky (Prag?) eine Geige bauen ließ, deren Korpus ganz aus Schildpatt mit Einlagen aus Gold an Decke und Boden gearbeitet war, während Hals, Wirbel ­ kasten, Griffbrett und Saitenhalter aus Elfen ­ bein mit Schildpatt-und Goldeinlagen bestanden. An Stelle der Schnecke befindet sich ein elfen ­ beinernes Köpfchen mit schwarz gebeiztem Haar- beutel.-^ Dieses Instrument war aber nicht zum praktischen Gebrauche be ­ stimmt, sondern wurde gleich der k. k. Schatzkammer einverleibt. Ebenso sind natürlich Marmorgeigen, wie sie bis zum heutigen Tage in der Lunigiana gefertigt werden, lediglich Attrappen, die der mar ­ morario und nicht der eostruttoro ài violini an ­ fertigt. Immerhin ist zu ­ mindest die Schildpattgeige der Maria Theresia ein Beispiel dafür, daß im Geigenbau des Suchens nach Forni und Material kein Ende ist, und wenn man eine günstige Form gefunden hatte, so kam es daraus an, das Instrument auch zu erhalten und den Ton zu Veredeln. So war die Frage nach dem Lack immer eine höchst wichtige. Seine Bedeutung ist weit ernster als nur vom dekorativen Standpunkt aus aufzufassen. Derer, die im Lackieren der Streichinstrumente Meister sind,-sind nicht sehr viele. Einen, der in Hessen auch in diesem Punkte die Bezeichnung Meister verdient, weiß ich außer Johannes Bosch nicht zu nennen. Immerhin stand und steht der Geigenbau dort, wo er im Hessenland betrieben wird, auf einer ganz beachtlichen Stufe. Lütgendorff^ nennt uns von Kasseler Geigenmachern als ersten I o h. Chr. F r i e d st a d t, der in Kassel „Hof- 3 cf. Schlosser, a. a. O. Nr. 100. 4 W. L. Freiherr von Lütgendorff: Die Geigen- und Lnutenmncher vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Frank ­ furt a. M. bei H. Keller. Johannes Bosch.