ihnen selbst Friedrich Schlegels Trauerspiel „Alarcos" aus und rief während der Aufführung von seiner Loge aus drohend in den Zuschauerraum: „Man lache nicht", als heitere Ablehnungsgelüste bemerkbar wurden. Warum das hier erwähnt wird? Weil der Leitung unseres Staatstheaters ein gut Teil dieser goldenen Goetheschen Rücksichtslosigkeit zu wünschen ist. Wenn es erst soweit gekommen ist, daß es auf Wunsch (oder Drohung?) gewisser Kreise der Theaterbesucher zur Ab ­ setzung eines Dramas kommt (Pirandello: „Sechs Per ­ sonen suchen einen Autor"), ganz abgesehen von der Tatsache, daß diese Bühnendichtung anderswo volle Häuser erzielt, wenn erst literarische Klüngel und Ge- schmäckler, vielleicht gar politische Strömungen, gebiete ­ risch Einfluß verlangen, wenn der Spielleiter nicht mehr selber weiß, wann ein Stück für den Abbau reif ist, dann, verehrter Oberregisseur, such dir ein anderes Königreich .. . wie ja auch geschehen >vird. Alfons Pape geht nach München. Ist das mittler ­ weile zur Tatsache geworden, verlieren ivir einen klugen und überaus regsamen Spielleiter, der langsam und stetig bemüht war, den Spielplan ans der Gebunden ­ heit des ehemaligen Hoftheaters in freiere Formen zu führen, der den neuzeitlichen Richtungen Einlaß ver ­ schaffte, ohne gleich mit jedem auftauchenden Ismus durch dick und dünn zu gehen. Selbstverständlich kann es ein Spielleiter nicht allen recht machen, am ivenig- sten seinen engeren Kunstkollegen. Auch für sie gilt das Wort Mephistos, daß kein Mensch den alten Sauer ­ teig verdaut. Und manches auch, was wir Außen ­ stehenden erlebten, erschien nicht recht verständlich: der erste Charakterdarsteller, ohne Zweifel ein Künstler von seltener Tiefe der Auffassung, wird gar nicht oder in kleineren Aufgaben beschäftigt, während sich die Spiel ­ leitung in derselben Zeit bemüht, dem jugendlichen Helden den Übergang zum Charakterfach zu erleichtern. Mit dem Beginn des neuen Jahres sah cs im Schau ­ spiel herzlich öde aus. Die Neueinstudierung des „P r i n- z e n von Homburg", die noch in die Weihnachtstage des vergangenen Jahres fiel, war die letzte Höhe. Die Dichtung als Festgabe zu Weihnachten mag zunächst absonderlich erscheinen, und die Aufführung war in der Tat zuerst eine Vorprobe für Papes ernste Bewerbung in München, aber doch war es mehr als eine bloße Ver ­ quickung des Angenehmen mit dem Nützlichem Wieder zeigte es sich, daß eine wirklich große Dichtung nicht auf Zeitlichkeit eingestellt bleibt, daß hier unvergängliche Werte zu uns sprechen, die das Engpreußische dieses Schauspiels in Schatten stellen, und wenn am Aus ­ gange der Dichtung noch - so laut die brandenburgische Verherrlichung zu uns tönt, eines bleibt sicher, wenn Staaten blühen und vergehen: straffe Selbstzucht, die nötig ist, wenn ein Gemeinwesen bestehen will, aber neben ihr muß der Mut zum Opfer für die Gesamt ­ heit, muß die versöhnende Macht der Güte stehen. Nichts verkehrter deshalb, als das Kleistsche Schauspiel auf einseitig nationalistischer Grundlage aufbauen. Pape hat vielleicht den besten Willen gehabt, diese Einstel ­ lung zu vermeiden, die Gliederung des Ganzen in eine farbige, lebendige Reihe von historisch-romantischen Bil ­ dern bedeutete mehr eine Zuspitzung des oben angedeu ­ teten ethischen Gehaltes. Leider konnte es hier nicht ganz gelingen, da er zwar für den Prinzen über einen Künstler (Kurt llhlig) verfügte, der sich in leidenschaft ­ licher Flamme gern verglüht, der in der Darstellung der Todesfurcht am menschlichsten wirkte, in der Ergebung in den Staatswillen starkes Gefühl offenbarte — aber sein Gegenpart, der Kurfürst (Joh. Schräder), blieb Kurfürst, hausbacken, derb, wie es die Natur dieses Dar ­ stellers ist, der Staatsmann, der gütige Mensch, kam zu kurz. Nach Pirandellos Abdankung machte die Theater ­ leitung all denen eine Freude, die am liebsten die Glanz ­ zeit Georg Kothes Wiederaufleben sehen möchten, als der „Veilchenfresser" noch die Herzen aller Backfische be ­ zauberte. Presber-Steins gemeinsame Komödie: „Die selige Exzellenz", die schon vor länger als zehn Jahren entzückt hatte, feierte fröhliche Auferstehung. Von dem Geiste des klugen, immer noch nicht ganz über ­ wundenen Eugen Scribe geht etlvas durch dieses duftige uni) auch geistvolle Stück. Bolingbroke und die ränke ­ spinnende Herzogin sind am Hofe einer Durchlaucht neu erstanden, llnd wenn es auch kein Heldenstück war, was die Spielleitung hier bot, so war es doch kein verlorener Abend. War doch Gelegenheit geboten, Adolf Jürgensen, den jugendlichen Siebenziger, in einer seiner besten Rollen zu bewundern, wie er einen geriebenen Diplo ­ maten fein betont, lebendig schuf. Anfang Februar kam dann die einzige Neuaufführung dieser schauspielarmen Wochen: Bernhard Shaw, der Vielgenannte, dessen Aufführungsziffer größer ist, als die aller deutschen Dichter der lebenden Generation, kam zu Worte. Aber vorsichtigerweise nicht mit seinem jüngsten Werk, der „Heiligen Johanna", sondern mit einer fast vergessenen Tragikomödie aus dem ersten Aufstieg seiner Bühnenlaufbahn. „Der Teufelsschüler" (Oeviw Oisciple). In der Vorrede zu diesem Werk berichtet Shaw aus seiner sozialistischen Zeit: „Ich habe mich dem britischen Publikum zum ersten Male auf einem Wagen im Hydepark beim Geschmetter eines Orchesters von Blechinstrumenten vernehmbar gemacht." Diesem Drum unö Dran ist er treu geblieben. Durchs Sprach ­ rohr ruft er sein Publikum an, und laut knallt die Peitsche des bissigsten Satirikers denen, die es nicht hören wollen, um die Ohren. Hier nimmt der Dichter ein von ihm oft beleuchtetes Thema auf, das soge ­ nannte Heldentum, das offizielle, das er nicht genug ver ­ spotten kann. Hier ist's ein Teufelskerl aus dem Volke, ein in frommen Augen Verlorener, in einem nord ­ amerikanischen Städtchen. Man schreibt das Jahr 1777; die Union ringt sich los von englischer Herrschaft. Der englische General will durch Schrecken siegen und läßt in jedem Ort, den seine tapfern Rotröcke durchziehn, einen Anführer der Rebellen kurzerhand hängen. Ta soll in Dingsda auch der Pastor baumeln. Richard Dudgeon, unser Teufelskerl, warnt den Gefährdeten und wird, da er in Abwesenheit des Pastors gemütlich mit der hübschen Pastorin am Teetische sitzt, von den Sol ­ daten für den Gesuchten gehalten, verhaftet, und nun soll er am andern Tage als Pastor sterben. Er fügt sich seelenruhig dem Schicksal, denkt nicht daran, den hohen Gerichtshof ob des Irrtums aufzuklären, wird auch nicht wankend, als er merkt, daß die blonde Pastoren ­ frau ihn wegen seines Heldentums zu lieben vermag, legt sich selbst den hänfenen Strick um den Hals, wird aber im letzten Augenblick von dem Pastor gerettet, der — echt Shaw — über Nacht zum Führer und llnterhändler der stärkeren Aufständischen geworden ist. Eine besonders große Aufgabe war die Wiedergabe dieser Komödie nicht, die Berend ohne eigene Zutat spielen ließ, wie es sich für Shaw gehört, d. h. die Kaltblütig ­ keit des irischen Dichters, seine derbe Spottlust, un- gemildert dem mehr erstaunten, als verständigen Zu ­ schauer vorsetzt. Mit dem Darsteller des Teufelsschülers steht und fällt die Dichtung; daß hier Kurt llhlig in seiner Naturwüchsigkeit, seiner prachtvollen Draufgänger ­ laune am rechten Platze war, zeigte der Beifall. Auch sonst sah man viel Gutes in dieser Aufführung, alle