86 fehden sind. Dennoch' weiß Grimm: „Es gibt ein stummes Geschehen bei den Menschen, dein kein Stift folgen kann. Ein Schieben und Ver ­ schieben, ein Zexflattern und Sammeln, ein Lösen und Knüpfen der Schicksalskräfte in den Seelen, tiefer als die tiefsten Grübler graben, und langsamer, als die vorsichtigsten Gedan ­ ken sich reihen können." Der stärkste Beweis für die erstaunliche Einfühlung Grimms in das Wesen Südafri ­ kas ist zweifellos die märchenhaft anmutende und doch wieder ganz handfeste „Geschichte dorr Mkulu und £nii und den fünf guten Leuten des zahmen Tiervolks", worin, durchaus in der Perspektive des Denkens und Fühlens der Eingeborenen, erzählt wird, wie ein Busch ­ mann sich aufmacht, um den aus Bosheit an die Engländer verratenen, nun so vermißten Hausgenossen, einen verkommenen Deutschen, in Begleitung eines Hundes, eines Affen, einer Meerkatze, eines Raben und ciuc§ Kra ­ nichs vom Kommandanten eines weit entfern ­ ten Gefangenenlagers — natürlich ergebnis ­ los — freizubitten. Die auch dein Umfange nach erheblichste Steigerung der tragischen Epik erreicht Grimm in der „Olewagen Saga", die das typische Schicksal des von den Engländern, wiewohl inr Einzelfalle unbewußt, verfolgten Burengeschlechts gestaltet, das, nach wieder ­ holter Flucht vor dem Krieg und Aufgabe der Siedlung, auf Vater und Tochter dezimiert, im Endkampf zusammenbricht. Es ist nicht ein Heroismus der politischen Gesinnung, dem hier das Lied — im Rhythmus einer feier ­ lichen, wiewohl immer nur vom Zug, vorn Bauen, vom Vieh, vom Verlust und vom Ge ­ winn redenden Prosa — gesungen wird, son ­ dern das Heldentum einer Beharrlichkeit, die um des nüchternsten, privatesten Zieles willen allen Schickfalsschlügen trotzt und immer wie ­ der von vorne beginnt, bis es eben gänzlich zu Ende ist und nichts mehr bleibt als ein un ­ seliges Sterben, dessen fast wortloser Jammer tiefer ins Herz greift als die pompösesten Klagegesänge. . . Hans Grimm hat noch „Die Olsucher von Vom Kasseler Schauspiel. Der weiland Theaterdirektor Goethe hat mit dem leichten Bölkchen des Weimarer Musentempels manchen Ärger gehabt. Er kannte die Psyche seiner Schauspieler und darum hat er sie nie im eigentlichen Sinne auto- kratisch behandelt, er ehrte in ihnen die Künstler. Ganz anders ist seine Stellung dem damaligen Pub ­ likum gegenüber. Die Urteilslosigkeit der Menge bereitet Duala" geschrieben, ein Buch, worin er im Auftrag der deutschen Regierung und auf Grulld objektiven Studiums die Zustände im französischen Konzentrationslager von Abo- tney ^Ost-Afrika) schildert, und „Afrikafahrt West", eine kulturpolitische Monographie, die den Auswanderer vor allem auf den la ­ tenten deutsch-britischen Gegensatz in Afrika vorbereiten soll. Diese Arbeiten haben eine vorwiegend zeitliche und allenfalls geschichtliche Bedeutung. Das Gleiche gilt von den unter den: Titel „Erlebte Politik" gesammelten Auf ­ sätzen, die, ohne imperialistisch zu sein, beu Anspruch Deutschlands auf einen seiner Be ­ völkerungsbewegung entsprechenden „Platz an der Sonne" betätigen. Dieser Tendenz er ­ mangelt auch nicht der Romail „Volk ohne Raum", der, wie der Dichter selbst ankündigt, das enthält, was einer im Auslande unb- in der deutschen Kolonie erfuhr für sein Heimat- I entb. Die Reflexion ist aber nicht das, was im Schaffeir Hans Grimms entscheidende Antriebe gibt. Deshalb ändern derartige Veröffent ­ lichungen nichts an der historischen Be ­ tz e u t u n g dieses he s fischen Dichters für das deutsche Geistesleben, einer Bedeutung, die schon jetzt formuliert werden kann, und zwar in dem Sinne, daß Hans Grimm zuerst und gleich mit der Kraft einer als klassisch anzusprechenden Reife der Gestaltung inte des Erlebens die südafrikanische Welt dem deut ­ schen Geist erschlossen hat. Mit dieser Tat zugleich rückte er in die erste Reihe nicht nur der zeitgenössischen, sondern der deutschen Er ­ zähler von Rang schlechthin, insonderheit jener Gattung, die in Heinrich von Kleist, dem Novellisten, ein geschichtliches Vorbild erblickt, ohne jedoch an dessen Problematik teilzuhaben. Aber auch für Grimm ist das schöpferische Tun ein Kampf, ein Jakobsringen um den Segen einer höheren Gewalt, von dem zuletzt doch alles Gelingen abhängt. Daß er dies erkannt und daraus den Willen zur Demut gewonnen hat, läßt seine Leistung in um so hellerem Licht erscheinen. ihm kaum Verdruß, eher hat er für das vielköpfige Ungeheuer gesunde Verachtung. „Das Publikum will ein für alle Male determiniert sein und findet sich bei aller lebhafter Opposition doch zuletzt in die Sache." Wenn er dem Geschmack der Zuschauer folgen ivollte, konnte er jeden Abend Kotzebue aufführen; so zwang er sie zu Besserem und Höherem in der Kunst, nötigte