78 Ein Kasseler Kunsthandwerker. Ältere Leute sollten eigentlich immer Lebens ­ erinnerungen aufzeichnen, schon den Enkeln zu Dank, denen damit vieles vertraut bleibt, was sonst der Ahn für immer mit sich in wie Nacht des Schweigens genommen hätte. Aber auch die Allgemeinheit hat ein Interesse an solchen Memoiren persönlichster Art, denn für die Haupt- und Staatsaktionen stehen uns andere Quellen zur Verfügung, aber auch die schein ­ bar unbedeutenden Dinge runden sich für den Freund der Kulturgeschichte zu einem keineswegs unbedeutenden Ganzen, und oft vermag eine kurze Bemerkung irgend ein Zeitbildchen blitzartig zu er ­ hellen. Der leider nur kleinen Zahl ge ­ druckter Lebens- erinnernngen von Kasselanern reihen sich jetzt diejenigen des 1903 verstorbe ­ nen Malers Rein ­ hard Hochnpfel an, dessen Enkelin in dankenswerter Weise seiire Nieder ­ schriften in geschick ­ ter Bearbeitung und Ergänzung herausgab.* Wäh ­ rend Hochapfel bis zu seiner Verhei ­ ratung ziemlich zu ­ sammenhängend über sein Leben selbst berichtet, beginnen dam: die Mitteilungen der Heraus ­ geberin, die auch einige Gedichtproben des Großvaters beifügt und vor allem durch einen reichen Bildschmuck das höchst achtbare Können dieses altkasseler Kunsthandwerkers veranschau ­ licht. Reinhard — die Braut nannte ihn Rein ­ herz — Hochapfel wurde am 28. April 1823 zu Kassel als Sohn des Hofschlossermeisters * R e i n h e r z, Lebenserinnerungen eines kunstsinnigen Handwerkers aus dem Hessenlande, herausgegeben von Pauline Fischer. Melsungen (Heimatschollen-Verlag) 1924. Heinrich Hochapfel geboren. Wie es zur Bieder ­ meierzeit in einer wohlhabenden Kasseler Handwerkerfamilie zuging, wie und ivas die Kinder auf dem Meßplatz, der Bellevue und in der Kattenburgruine spielten, wie die ersten Versuche in der Tanzkunst geübt wurden, wie es in der Bürgerschule am Königsplatz aussah, das wird in aller Schlichtheit prächtig geschil ­ dert. Der Vierzehnjährige beginnt dann seine schwere Lehrzeit bei einem Deko ­ rationsmaler, die aber schonimersten Jahr durch eine ergötzliche Winter ­ reise nach Jesberg angenehm unter ­ brochen wird. Der Lehrling, der u. a. bei der Innen ­ dekoration des Ständehauses und der Synagoge hilft, ist gleichzeitig auf der Akademie Schü ­ ler von Ruhl und Henschelund kommt dadurch in eine Gruppe junger Maler und Dich ­ ter, die schon durch ihre langen Haare und schäbigen Sammtröcke sich zur Boheme be ­ kennen und in der „Bellevue", wie sie eine Hinterhaus- mansarde am Gra ­ ben benennen, zu ­ sammenkommen. Noch nicht achtzehnjährig wird er mit größeren Wandmalereien in einem benachbarten Schloß betraut, wo er zum ersten Mal einen Blick ins Leben tut. Im März 1843 tritt er die Wanderschaft an. Wiesbaden, Frankfurt, wo er im Palais des vorletzten hes ­ sischen Kurfürsten arbeitet, Mainz, Köln sind die Etappen. 1846 geht er nach London, wo er fast wahrend seines ganzen Aufenthaltes an der Innendekoration des Britischen Museums beschäftigt ist. Mit 16 Talern war er herüber ­ gekommen, mit ebensoviel Pfund Sterling kehrt er zurück, muß aber in München, seinem Ziel, Reinhard Hochapfel. (Nach dem Gemälde von Walter Merkel 1892.)