77 Untersuchung auch feilt anderes Ergebniß als die Ausmittelung des Betragens des Bechstädt nach seiner Vergiftung gehabt hätte, so würde dieses doch allein schon zu reichen, um ein auf Menschenkunde gegründetes Urtheil zu leiten. Ein vollständiger Beweis des begangenen Selbstmordes, wie er nach den strengen Regeln der Rechtswissenschaft gefordert werden könnte, war im vorliegenden Falle nicht wohl zu er ­ warten. Doch hat die Untersuchung nicht blos den völligen Ungrund vieler, in öffentlichen Blättern ausgestreueter Gerüchte dargethan; sondern auch den Beweis des begangenen Selbst ­ mordes bei dem Zusammentreffen so vieler Gründe der höchsten Wahrscheinlichkeit bis zu dem Grade erbracht, daß zur moralischen Über ­ zeugung nichts mehr ermangeln dürste. Indem ich jedoch die hier ausgesprochene unzielsetzliche Meinung dem allerhöchsten Er ­ messen Eurer Königlichen Hoheit ehrerbietigst unterwerfe, ersterbe ich in tiefschuldigstem Respect, Eurer Königlichen Hoheit, Caßel, am 18ten Merz, 1822." Es wurde schon gesagt, daß dieser — nicht unterschriebene — Untersuchungsbericht das einzige amtliche Schriftstück darstellt, das uns nach Verschwinden der Gerichtsakten über den Fall unterrichten kann. Und aus diesen Bericht hin, der offensichtlich alles unterstreicht, was für einen Selbstmord sprechen könnte, wurde auch in einer öffentlichen offiziellen Erklärung ein solcher angenommen. Allein die öffentliche Meinung — und mit ihr der Kurprinz selbst — ließ sich durch diese Erklärung nicht beirren, sie hielt mit Zähigkeit daran fest, daß das dem Kurprinzen zugedachte Gift dessen Lakaien hin ­ gerafft habe und daß eben nur die Gräfin Reichenbach ein Interesse an der Beseitigung des Thronfolgers haben konnte. Der Fall wird wohl für alle Zeiten unaufgeklärt bleiben, mau kann sich für die eine oder die andere Deutung entscheiden. Ob wirklich das Familienglück Bechstädts so groß war, wie es der Bericht und auch die im Wochenblatt für die Provinz Niederhessen am 9. Februar 1822 veröffent ­ lichte Todesanzeige der Witwe annehmen läßt, mag aus triftigen Gründen dahingestellt bleiben. Andererseits möchte ich noch auf ein Moment hinweisen, das bisher nicht bekannt war und das mir, durch den vorliegenden Aufsatz veran ­ laßt, ein Leser unter Vorlage der betreffenden Aktenstücke und Briefe mitteilte. Ter 1801 zu Rothenditmold geborene Kunst ­ gärtner George Müller, der mehrere Jahre in Wilhelmshöhe beschäftigt war, nahm später in Süddeutschland Stellung. In Straubing sah den ausfallend stattlichen und schönen jungen Mann die Gräfin Reichenbach und forderte ihn auf, in ihre Dienste zu treten. Müller folgte dieser Auf ­ forderung und wurde in Kassel Lakai der Gräfin, verheiratete sich und siedelte dann, als die Grä ­ fin aus Kassel vertrieben wurde, mit dieser unter Zurücklassung seiner Familie nach Frankfurt am Main über. In den zärtlichsten Briefen an seine Frau wird er nicht müde, den Zeitpunkt der Übersiedlung von Frau und Kindern nach Frankfurt herbeizusehnen. Nach erfolgter Über ­ siedlung bezieht die junge Familie eine be ­ scheidene Wohnung in Sachsenhausen. 1831 ernennt die Gräfin Müller zu ihrem Haus ­ meister gegen ein lebenslängliches Gehalt von 600 Gulden und sichert gleichzeitig dessen Ehe ­ frau im Fall seines früheren Ablebens eine Pension von 200 Gulden zu. Zwei Jahre später wurde Müller aus seiner Privatwohnung abends gegen 6 Uhr zur Gräfin ins Palais be ­ stellt und bleibt seitdem spurlos verschwunden. Die trostlose Gattin, deren fieberhafte Nachfor ­ schungen ergebnislos bleiben, ist überzeugt, daß ihr Gatte von der Gräfin beseitigt wurde, eine Annahme, die auch heute noch von den Nach ­ kommen geteilt wird. Nach Aussage der Gräfin ist ihr Hausmeister „entwichen und mutmaßlich tot". Bereits im März 1833 teilt der Geheime Finanzrat Deines der Witwe im Auftrag der Gräfin mit, daß diese ihr eine Pension von 350 Gulden aussetzen werde, sobald sie sich bereit erkläre, ihren Wohnsitz von Frankfurt „nach Rothenditmold oder der dortigen Ge- gend"zu verlegen; auch solle ihr in diesem Falle eine besondere Umzugsunterstützung von 100 Gulden bewilligt werden. Die Witwe siedelte darauf nach Kassel über. Der Verbleib ihres Mannes blieb bis heute unaufgeklärt. Eine Schuld der Gräfin Reichenbach läßt sich in keinem der beiden Fälle, die aller Wahr ­ scheinlichkeit nach nie aufgeklärt werden, er ­ weisen; immerhin bleibt es ein seltsames Zu ­ sammentreffen, daß sich in einem elf Jahre umspannenden Zeitraum zwei so rätselhafte Fälle im Bannkreis der Gräfin ereigneten.