75 oder aus beiden zugleich, entstanden sey? dar ­ über läßt sich nicht mit Bestimmtheit ent ­ scheiden. Nur so viel hat die Untersuchung in dieser Hinsicht ergeben: daß Bechstädt zuweilen über Brustbeschwerden geklagt habe, daß seine Brust nur nräßig gewölbt, seine Lunge aber mit dem Brust- und Zwergfelle stark ver ­ wachsen gewesen. Bey Menschen aber, die eine flache und enge Brust haben, die für die Be ­ wegung des Herzens und der Lunge nur wenig Spielraum läßt, kann man eine natürliche An ­ lage zur Schwermuth schon annehmen. Indessen wird auch die weitere Behauptung sich rechtfertigen lassen: daß Bechstädt nicht blos im Allgemeinen melancholisch gewesen sey, sondern auch an einer fixen Idee, wie sol ­ ches bey dem Particular-Wahnsinn überhaupt der Fall ist, gelitten haben müsse. Ein Mensch, der sich in diesem Zustande be ­ findet, verwechselt fortwährend Einbildungen mit Empfindungen; er faßt irgend ein Bild mit Wohlgefallen auf und auf dieses wird, an ­ haltend und stark, feine ganze Aufmerksamkeit gerichtet. Mit diesem Bilde vergesellschaften sich dann eine Menge verwandter Vorstellun ­ gen, bis es sich fest in das ganze Gedanken- System eingewebt hat und alle anderen Emp ­ findungen an Klarheit uitb Lebhaftigkeit über ­ trifft. 1 Ein Gemüthskranker dieser Art handelt in Beziehung auf andere Gegenstände durchaus vernünftig; auch zeigt sich an ihm, oft in lan ­ gen Zeiträumen keine Spur von Schwermuth; wenn aber in dem Kranken: die einmal lieb ­ gewonnene Idee wieder aufgeregt oder wohl gar verletzt wird; so handelt er in Beziehung darauf thörigt und unsinnig; er wird in einen Zustand excentrischer Empfindlichkeit versetzt, welche die Thätigkeit aller anderer vernünftiger Vorstellungen lähmt. Es scheint daß die Idee, welche seit langen Jahren in der Seele des Verstorbenen so tiefe Wurzel geschlagen, sich nur auf dessen Dienst ­ verhältnisse bezogen und in einem ungeregelten Stolze ihren ersten Grund gehabt habe. Denn in anderen Vorgängen seines Lebens hat sich jene excentrische Empfindlichkeit nirgends ge ­ zeigt, wohl aber jederzeit dann, wenn ihm in Beziehung auf den Dienst etwas Unangenehmes begegnet, oder wenn eine desfalfige trübe Vor ­ stellung bei ihm entstanden war. In der Zeit der westfälischen Zwischen- Regierung war Bechstädt schnell zur Stelle eines Oberlakais gelangt; und es gab damals eine Menge höherer Hofdienerstellen, zu denen er seine Hofnungen unb Wünsche erheben konnte. Außerdem hatte die Epoche der Staats ­ umwälzungen, und vorzüglich die der fran ­ zösischen Revolution, Beyspiele genug der auf ­ fallendsten Dienst- und Standes-Erhöhungen gegeben! In Paris war es zuerst, wo die eingetretene große Catastrophe die Hofnungen des Ver ­ storbenen gänzlich zu vernichten drohte, in Caßel wurde nur noch ein Schimmer derselben erhalten: in Wilhelmshöhe und Nendorf schien es ihm, als ob auch dieser Schimmer wieder erlöschen solle. Überall chatten gleiche Ursachen auch gleiche Wirkung! Was aber die Emp ­ findlichkeit des Verstorbenen, in dessen Sinnes ­ richtung, fortwährend verwunden mußte, war: daß er vom Oberlakai wieder jüngster Lakai geworden und daß er bis zu seinem Tode Per ­ sonen im Dienste über sich sah, die sonst unter ihm standen. Sobald einmal feststehet: daß ein Mensch, welcher sich selbst das Leben genommen, am Melancholie oder Wahnsinn gelitten habe: so erscheint es nicht mehr angemessen, jene That durch ein wichtiges Ereigniß, welches den nächsten Anlaß dazu gegeben, nocs) weiter be ­ dingen zu wollen. Denn so wie die Krankheit eines solchen Menschen selbst nur in eingebildeten Übeln ihren Grund hat, eben so kann auch das ver ­ anlassende Ereigniß nur ein geringfügiges, vielleicht auch nur eingebildetes seyn. Der ­ jenige zumal, der die Lust am Leben verlohnn und sich vielleicht schon Jahre lang mit dem Gedanken des freiwilligen Todes vertraut ge ­ macht hat, ein solcher bedarf zur Ausführung des gefaßten Entschlusses oftmals nichts weiter als — einer schicklichen Gelegenheit! Unzählige Fälle beweisen die Wahrheit des hier Gesagten; und selbst der Fall ist nicht selten, daß Men ­ schen, die um ihrer wirklich glücklichen Verhält ­ nisse willen von Tausenden ihrer Mitbürger beneidet wurden, aus blosem Lebensüberdruß sich selbst den Tod gegeben. Eben aus diesem Grunde kann daher auch auf den scheinbar entgegen stehenden Umstand: daß Bechstädt in glücklichen Familien Verhältnißen gelebt habe, kein besonderes Gewicht gelegt werden. Schon der oben angeführte Vorgang in Nenn ­ dorf beweist zur Genüge, wie wenig häusliches Glück- und Vater- und Gattenpflicht den Ver ­ storbenen von verzweifelten Entschlüßen abzu ­ halten vermochte; und wie es ihm damals ge ­ nügt, seine Frau und Kinder fremder Vorsorge zu empfehlen.