69 Hessisches aus alten Reisebeschreibungen. Von Dr. Carl KneM (S ch l u ß.) Ein anderer Tanziger, Carl B e n tz m a n n (1- am 12. Mai 1792 als Gerichtsverwandter oder Schöffe der Rechten Stadt Danzig) durch ­ wanderte in den Jahren 1755—57 Deutsch ­ land, die Niederlande, Frankreich, kam dann über Straßburg nach Mainz, Frankfurt, Kassel und reiste von da über Leipzig nach Berlin. Einen Abschnitt aus seinem Reisejournal lasse ich hier folgen^: „Den 29. (Juni 1757) um 4 Uhr Morgens mieten wir von hier (Göttingen) nach Cassel. Route von Goettingen bis Cassel: Von Goettingen bis Münden 3 Meilen bis Gassei 2 Meilen 5 Meilen .... Ohngeachtet von Goettingen bis Cas ­ sel nur 5 Meilen sind, so braucht man doch beinahe einen ganzen Tag zu dieser Reise, ein ­ mal weil der Weg dahin sehr bergig und von den Steinen, die vom Regen mitten im Wege geworfen, fast unbrauchbar gemacht worden; über dieses muß man lange in Münden auf Pferde warten. Münden ist ein kleines Städtchen, ist aber, weil es mitten unter den Bergen lieget, ziemlich plaisant. In Cassel kam ich um 6 Uhr Abends an und logirte zu Ltralsund. Den 30. Juni machte ich meine Visite bey Herrn Hofrath Arckenholz 10 11 , welcher mir (!) im sogenannten Kunst hause herumführte; par teure dieses Hauses sind die Classen nemlich die anatomische etc. und machen ein klein Gymnasium aus. 6 Profes- sores sind an diesem Gymnasio und es halten sich bis 40 pursche alhir auf, die 2 Jahr in diesem Gymnasio frequentiren müssen, ehe sie aus Academien geheu können. Die 8culptur Kammer ist auch par teure. Hier findet man die schönsten das relieks im Stein gehauen, so vormals im Schloß zur Lamperie gewesen sind. Die hochseligen Landgraf Gaul und dessen Gemahlin sind in Marmor im Brustbilde ge ­ hauen und so vortreslich gearbeitet, als man selten finden wird. Übrigens findet man hie viele andere statnen aus Stein. In der ersten 6tage dieses Hauses ist das Medaillen und das Müntz Cadinet, in welchem eine prächtige Sammlung von gemmis. Das schönste Stück darunter ist ein ganzes Frauengeschmeide von 10 Im Danziger Stadtarchiv: Handschriften 4 0 LI 13. 11 Geb. 1695, gest. 14. 7 1777 (Strieder, Hess. Ge ­ lehrtengeschichte I, S. 114 ff.). geschnittenen gemmis, welches das einzige sein soll, so existiret, porro eine große Sammlung von alten Münzen, worunter ich auch die römischen asser gesehen. Hier siehet man auch ein Modell in Silber gearbeitet und mit gol ­ den Medaillen, perlen und Adelgestein besetzet, von der Ehrenpforte, die man in Stockholm der Königin Ulrica Eleonora von Schweden bei ihrer Krönung erbauet, welches Model die Königin von dem berühmten Künstler Lert- mann verfertigen und dem hochseeligen Land ­ grafen Carl damit ein present gemachet. Die ­ ses ist ein prächtiges Stück. Man findet hir auch superde Gemälde, unter welchen eins von Mosaischer Arbeit den Heiligen Petrum vor ­ stellet, eins stellet den prospect von der 8t. Peterskirche vor, welches von Heuman ein Cassellaner gernahlet worden; man findet noch viele prächtige Gemälde mehr. Bon hier gehet man noch eine Treppe höher und kommet in die Kunstkammer, in welcher man die schönsten 8tatuen in Pronzo findet, unter welchen Ari ­ stoteles superde gearbeitet. Man zeuget auch hir die Form, in welchen die Römer zuerst ihre Münzen geschlagen, sie ist von Stein, und der Stempel ist einige male im Stein gegraben. Auf diesen Schnitt Haben sie das Metal gelegt und mit Hammern die Figuren ins Metal ge ­ schlagen. In Pronzo zeiget man auch einen Priapisrnurn. Von hier geht man in die Thier Kammer, wo man alle Gattungen voll aus ­ gestopften Thieren siehet, die vormals im hie ­ sigen Thirgarten gewesen. Die Insecten sind die vortrefflichsten, die ich in dieser Cammer gesehen, sie sind durch einen Palsam schon feint 40 Jahren conservirt worden, und man hat sich viele Mühe gegeben, diesen Palsam wieder zu erfinden, aber hat es nicht dahin bringen können. Man findet auch ein Gemälde, ans welchem alle Thiere abgemahlet sind, ivelches von Pose gemahlet worden, bereit 3 Brüoer gewesen sind, von denen aber der älteste der beste gewesen. Von hir gehet man in die Uhr ­ kammer, in welcher man viele Arten von Uhren siehet. Die rarste ist, welche der Land ­ graf Wilhelm der 4te von Jobs Phirgus 12 hat verfertigen lassen. Diese hält man für die einzige in ihrer Art. Sie schlüget alle Stunde und 1/4 Stunde, zeiget den Lauf der Sterne, die 12 Über Jost Bürgt vgl. Gundlach, Casseler Bürger ­ buch, 1895, S. 132.