42 künstler und Stimmungslandschafter, nach der Technik als Impressionisten und Freilichtmaler. Und hat man erst das Milieu, die Schule und die Richtung glücklich herausgebracht, da macht das Übrige nicht viel Sorgen mehr. Thielmann ist nicht so ein von der Umwelt Über ­ wältigter und Emporgehobener, nicht sie hat ihn ge ­ tragen, sondern er sie, und er ist zu ihr gekommen, weil er in ihr die Erlösung seiner schöpferischen Energien er ­ sehnte. In diesem Sinne ist seine Pilgerfahrt nach Wil ­ lingshausen allerdings der Wendepunkt seines Lebens. Dort konnte er so recht seiner Neigung zum Einfachen, Natürlichen, Angestammten, Schollenverwandten, Knor ­ rigen und 'Kernigen, feiner Andacht zum Kleinen, das nicht minder groß sein konnte, nachgeben. Hier fehlte jedes Pathos und die Leidenschaften enthüllten sich scheu und naiv nur halb. In dem geräuschlosen Menschentum und in der idyllischen Natur dieses Wetterwinkels war Gemüt und Charakter, Ehrlichkeit, Wirklichkeit und ein letzter Abglanz von Romantik. Thielmann hat nicht nur sein Leben lang neue Motive gesammelt und gehäuft, das zeigt uns die viel ­ seitige Ausstellung, die Bilder aus den verschiedensten Jahren enthält und deutlich die Hauptlinie der inneren geistigen Entwicklung erkennen läßt. Nicht nur aus seinem eigenen Nachlaß, sondern vielfach auch aus Privatbesitz, von der Stadt Kassel, der Städtischen Galerie, dem Landesmuseum in Darmstadt und der Berliner National ­ galerie wurden Stücke für diesen Aufbau zusammen ­ gebracht. Der frühere Thielmann ist ernster, herber, dunkler, realistischer, sorgfältiger. Er ringt mit der Farbe, zu der er sich erst nach einer längeren zeichnerischen Bor ­ bereitungszeit entschloß, er hängt am Einzelwesen und seinem individuellen Seelenausdruck. Das Rein-Mensch ­ liche und Schwermütige packt ihn zunächst am stärksten. Je mehr er sich aber umtut, um so mehr hellt sich der Himmel über und in ihm bei seinen Themen und Ge ­ stalten auf. Er wird koloristisch lebendiger, lichtfroher, leichter, sensibler, schwungvoller, fließender, er wirkt schöngeistiger und abgeklärter. Die Komposition er ­ scheint nicht mehr so zufällig und atelierhaft, sondern be ­ wußter aufgeteilt und zusammengesetzt. Alles Harte und Eckige wird gemildert, mit Schleiern umwoben und sonnig überhellt. Man vergleiche einmal die wortkarge düstere Unerbittlichkeit des Leids in den „Trauernden" mit den „beiden Alten im Fenster", ihrer friedlich-freund ­ lichen versöhnten Herbstlichkeit, >vo das Schwälmer Schwarz zum silbrigen Grau auf farbigem, klarem hei ­ teren Hintergründe geworden, daß man fast an .Hollän ­ disches oder Bretonisches denken muß. Mag sein, daß für diese Wandlungen Thielmanns italienische Reise mit von Einfluß gewesen ist, aber der tiefere Grund ist doch >vohl die Liebe zu dem einmal erwählten Schaffenskreis, dessen Eigentümlichkeiten er bei einem tieferen Eindringen in all das Sinnen und Trachten seiner Menschen von innen heraus durchleuchten und adeln wollte. Vielleicht hätte der Rastlose auf diesem Wege noch eine letzte Höhe des Ausdrucks, die ganze Reife und Vollendung seines Altersstiles erreichen können, aber. das vermögen wir nur eben noch zu ahnen. II. Um die Wandlungen der Thielmannschen Maler- und Künstlerpsyche eindringlich zu verdeutlichen, hat man für die Ausstellung genügend Material gesammelt, dessen vollständige Prüfung hier natürlich nicht möglich ist. Von den Gemälden seien zunächst genannt: die noch etwas genrehaft und konventionell anmutende hübsche Szene „Großvater an der Wiege", Thielmanns erstes Bild, das verschwommene „Im Atelier", der „schlafende Mann am Tisch" in alter Manier und die Profilstudie „Zwer alte Männer", letztere beide dunkeltonig und gleich ­ förmig gehalten. Dann die schon bedeutend lebhaftere Gruppe der „Drei Schwälmer Juugen" und die be ­ rühmte „Langgönserin" (Mädchen aus Oberhessen in Abendmahlstracht), in der die Kraft bildhafter Meuschcn- darstellung höchster Konzentration zustrebt. Mit der „Rückkehr Philipps des Großmütigen" versuchte sich Thielmann auch als Historienmaler, aber das Aktive und Dramatisch-Zugcspitzte dieser Gattung lag ihm nicht recht. Sein Haupterleben knüpfte an die Feste, die Freuden- und Schmerzenstage der Schwälmer mit ihren wechselnden Gestalten, Trachten, Farben und Stim ­ mungen an. Die „Trauernden" und „Alten im Fenster" wurden schon genannt. Der „Kirchgang", sicher raum ­ gegliedert und von plastischer Silhouettenwirkung, und die etwas steiferen „Taufgang" und „Nach der Taufe" be ­ ruhen mehr auf Flächeneiudrückeu, während das farb ­ strotzende „Beim Fest" und „Die Mädchen im Fest ­ staat" uns die unmittelbare Nähe und Bewegtheit pul ­ sierenden Lebens in der gebändigten Art Thielmanns offenbaren. Matter sind die von leichtem Sorgengrau überspielten „Drei Mütter", während im „Kirmestanz" alles in gleitende Farbenflut aufgelöst scheint. Die gra ­ vitätische „Festrede" hat humoristisch-satirischen Ein ­ schlag. Die „Gemeinderatssitzung" mit ihren Gegensätzen von Jung und Alt und ihrer zwanglosen Anordnung ist ein vortrefflich gelungener Ausschnitt. Sonst sei noch an das zarte, duftige Frühlingsbild „Mutter mit Kind in der Gartenlaube" erinnert, das Thielmanns Gattin und Kind darstellt. Im Landschaftlichen arbeitete Thielmanns Hand nicht so selbstverständlich und mit unfehlbarem Griff, anmutig wohl, aber meist blaß und typisch, weil ihm hier die tiefsten Blicke versagt blieben. Die Naturansichten sind ihm nicht Evangelium an sich, sondern nur etwas in diesem, nur Staffage, Hintergrund, Rahmen, Mittel, im besten Falle Abbild für das in sie hineingestellte Menschen ­ tum. Darum kann er sie nicht beziehungslos betrachten, muß er Menschen, Dampfer oder sonst etwas in sie hrneinpflanzen, das ihnen Halt und Bedeutung gibt. Im „Bauernfrühstück" ist das Landschaftliche schon von der bäuerlichen Gruppe unter dem Baum überwunden, während in der „Landschaft mit altem Mann" geheim ­ nisvolle Fäden zwischen der Unrast des Wegmüden und dem Schillern der Horizonte gesponnen sind. Sonst bietet die Ausstellung die herbe Weite der „Landschaft bei Wil ­ lingshausen", die Gegend bei Wabern, an der Antrest, am Wasser bei Münden, eine blühende Weserpartie und andere schwellende, saftige Wald- und Wiesenstücke. In den Aquarellen, die meist der späteren Zeit angehören, ist zeichnerische Feinheit mit einer gesteigerten Farbenfreude vereint, so daß sie gegenüber den Gemälden entschieden einen glänzenderen, prächtigeren, eleganteren und gewinnenderen Eindruck machen. Es finden sich allerdings auch mehr schummerig gehaltene neben den helleren, die sich merklich der neuimpressionistischen Licht ­ ekstase Paul Baums nähern. Die Sujets sind auch hier sehr verschieden, besonders herausgehoben seien „Im Gartenhaus", das auf der großen Orangerie-Ausstellung 1922 hing, „Tanzpause", „Veteranen" und die Studie zur „Langgönserin". Bei den Radierungen, Bleistift- und Rötel- Zeichnungen des Graphikers, die in großer Zahl ausgelegt sind, bewundert man bei aller Weichheit und graziösen Zartheit der kultivierten Strichführung die hel ­ sichtige, klare und überzeugende Schilderungskunst, die selbst in die verborgensten Winkelchen hineinblickt, um