13 Die Vergiftung des Lakaien Bechstädt. Von Paul Hnvubach. Kurfürst Wilhelm II. von Hessen hatte Ende Februar 1821 die Regierung angetreten. Seit Jahren schon hatte er sich mit seiner Gemahlin Auguste, der Tochter König Friedrich Wil ­ helms II. von Preußen, überwarfen und lebte mit seiner Mätresse, der schönen Goldschmieds ­ tochter Emilie Ortlöpp, zusammen, die nach seiner Thronbesteigung zur Gräfin Reichen ­ bach erhoben war und einen starken Einfluß auf den Fürsten und selbst auf die Regierungs ­ geschäfte ausübte. Es konnte nicht ausbleiben, daß unter diesen Umständen Kurprinz Friedrich Wilhelm, der spätere letzte Kurfürst, der treu zu der von der Bürgerschaft verehrten Mutter hielt, sowohl dem Vater als auch dessen Favo ­ ritin einen heftigen Widerstand entgegensetzte. Das erste Regierungsjahr des Kurfürsten lvar noch nicht abgelaufen, als ein Ereignis eintrat, das den allgemeinen Haß gegen die Gräfin ins Ungemessene steigerte. Die „Kas- selsche Allgemeine Zeitung" vom 7. Februar 1822 berichtet darüber: „Ein schauderhafter Vorfall beschäftigt seit einigen Tagen die Aufmerksamkeit sowohl der Behörden als der Einwohner hiesiger Stadt. Donnerstag ben 31. v. Mts. auf dem Masken ­ ball im Stadtbausaal wandelte einem Hof- lakaieu Sr. Hoheit des Kurprinzen eine Plötz ­ liche Unpäßlichkeit an, so daß er nach Hause gebracht werden mußte. Hier stellten sich bald die heftigsten Zufälle ein, unter welchen der Unglückliche am 1. Februar Morgens verschied, nachdem er wiederholt versichert hatte, daß ihm eine maskierte Person ein Glas Grog an ­ geboten habe, nach dessen Genuß ihm sogleich unwohl geworden sei. Die Leicheueröffnung vermehrte noch unter diesen Umständen den Verdacht der Vergiftung und die Behörden sind seitdem mit unausgesetzter Thätigkeit bemüht, sowohl die Anzeigen über den Thatbestand zu sammeln, als den Spuren des Urhebers des vermutheten Verbrechens nachzuforschen." Dieser Lakai namens Bechstädt hatte in der verhängnisvollen Nacht den damaligen 19- jährigen Kurprinzen zum Maskenball beglei ­ tet, und alsbald nach seinem qualvollen Tod verbreitete sich das Gerücht, daß es sich um eiu Attentat auf den Kurprinzen gehandelt und der unglückliche Lakai lediglich einer Ver ­ wechslung zum Opfer gefallen sei. Wenn aber ein Anschlag aus das Leben des Thronfolgers beabsichtigt war, so konnte dieser, wie man felsenfest annahm, doch nur von einer Seite ausgehen, der der junge Prinz im Wege stand, und mit unverhohlenem Mißtrauen wurde die kurfürstliche Mätresse als dessen Urheberin be ­ trachtet. So war es erklärlich, daß die Wellen des ungeheuren Aufsehens über diesen Vorfall die kurhessischen Grenzen weithin überfluteten, noch Jahre lang in der Erinnerung der Zeit ­ genossen nachzitterten und selbst in den Ge ­ schichtswerken — es sei nur an Heinrich von Treitschkes „Deutsche Geschichte des 19. Jahr ­ hunderts" erinnert — ihren Niederschlag fan ­ den. Die damals sofort eingeleitete gericht ­ liche Untersuchung förderte nichts zu tage. Unaufgeklärt wie der ganze Vorfall bleibt auch der Umstand, daß die umfangreichen Unter ­ suchungsakten völlig verschwunden sind. Ledig ­ lich ein 1892 von dem Privatmann W. Schmidt der Murhardbibliothek geschenkter und jetzt im Kasseler Stadtarchiv (W 55, 1822) aufbewahr ­ ter Bericht des Obergerichtsdirektors Wieder ­ hold vom 18. Mai 1822 an den Kurfürsten über die Vergiftung Bechstädts hat sich erhal ­ ten. Obwohl der Vorfall schon wiederholt be ­ handelt wurde*, ist dieser Bericht selbst bisher noch nicht veröffentlicht worden und sei des ­ halb hier im Wortlaut wiedergegeben: „Die Vergiftung des, im Dienste Sr. Hoheit des Kurprinzen gestandenen Lakaien Bechstädt erregte, da sie zuerst kündbar wurde, eine all ­ gemeine Bestürzung. Wenn im Genüße zwangloser Freude und munteren Scherzes, einem arglosen Menschen durch Gift der Tod gegeben wird, so ist die That schon an sich unerhört und empörend ge ­ nug. Aber dem stets geschäftigen Argwohne gelang es, der That noch eine schauderhaftere Bedeutung zu geben; die beängstigendsten Ge ­ rüchte durchzogen das Land und das ganze treue Volk fühlte sich tief verwundet in seiner- innersten, achtungsvollsten Liebe. So sollte mit einem Mal ein Verbrechen, welches das deutsche Vaterland in allen seinen Jahrhun ­ derten noch nicht erlebt, in einer Fürstenstadt zum Versuche gekommen seyn, die bis dahin nur voir den vielfältigsten Beyspielen der un ­ wandelbarsten Unterthanen-Treue eine glück ­ liche Zeugin gewesen. Jetzt, da die Untersuchung der That, zwar noch nicht gänzlich beendigt, aber doch soweit gediehen ist, daß der Ungrnnd vieler selbst in * Bgl. Rogge-Ludwig, Mitteilungen d. V. f. Hess. Ge ­ schichte 1880, II, 3; £>. Brunner, Mitteil. 1901, 31 u. 33, Franks. Ztg. 1902, Nr. 130 u. 131.