12 alter Edelrost über leuchtenden Turmriesen. Gar schnell und leicht haben unberufene Hände ihn verwischt unb blödes Alltagsgut bleibt da zurück, wo vorher kostbares Edelgut strahlte. Unter unseres Dichters Händen ist die alte Mär voll Leben geblieben und schaut strahlen ­ den Auges in neuem Gewände in das Fluten unserer Tage. Auch den Weg des Dramas ist er gegangen. 1912 erschien „Schumannoderder Sol ­ dat e n a u f st a n d zu Eschwege", dessen Held der Fourier Jakob Schumann ist, der als Opfer der Fremdherrschaft in der Karlsau zu Kassel sein Leben ließ. Auch an dem Preis ­ ausschreiben der Stadt Kassel zur Gewinnung eines Festspieles zu ihrer Jahrtausendfeier be ­ teiligte er sich. Ich weiß aus eigener Arbeit an der Beurteilung der eingereichten 38 Stücke, daß sein Werk das dichterisch wertvollste war. Nur aus bühnentechnischen Gründen ward ihm der zweite Preis. In engeren Bahnen verlies feilt äußeres Leben. Er kannte wohl die flüchtige Welt des Tages. Er mied sie. Diesem schlichten und bescheidenen Menschen war so ganz und gar der moderne Götzendienst fremd, dessen höchster Gott das eigene Ich und sein Ruhm ist. Hätte er nur etwas von dieser modernen Sucht be ­ sessen: sich selbst zu zeigen, aus allen Märkten mit dröhnendem Trommelschlag für sich wer ­ ben zu lassen — sein Name wäre weithin be ­ kannt und geschätzt. Aber dieses Gebaren war ihm fremd, mußte ihm fremd bleiben, weil es erst, wie so vieles, landflüchtig ans der Fremde zu uns herüberkam und uns aus unseren eigen ­ Stunden der Gnade. Wenn ich in den Bergen meiner Heimat gehe, Ach wie ist das Herz so klar und still in mir Und wie hell sind alle Dunkelheiten. In das Innre jedes Felsens kann ich sehen, Fühle jedes Strauches weichen Kern. — Bin des Baumes Schatten und sein Mark, Bin der Bruder jeder kleinen Beere, — Habe meine Heimat in dem roten Mohn Und im zackig ausgewaschnen Kalkgefels. — Sooden-Werra. sten Bahnen riß. Er verstand es so gar nicht, etwas aus sich zu machen. Es war, als ob ihn eine unerklärliche Scheu davor zurückhielt, viel ­ leicht in dem Gedanken: „Das Ewige ist stille, laut die Vergänglichkeit; schweigend geht Gottes Wille über den Eröenstreit." Jäh riß die eingeschleppte Schlafkrankheit am 29. Mai 1920 den Lebensfaden des 53- jährigen ab. Es wäre billig, sich in den Prophetenmantel zu hüllen und zu sagen, was er der Zukunft noch hätte sein können. Es ist auch überflüssig. Seines Lebens abgelaufene Bahn zeigt unbeirrt die steigende Linie. Es ist ein Weg, der aufwärts führt von seinem Erst ­ lingswerk „In F r ü h r o t und Abend ­ schein" bis zu feiner „Hessischen Höhenluft". In den Spuren dieses Weges liegen viel Schweiß des ernsten Mühens, viel edles Wollen und ringende Sehnsucht. Aber sie führten zur Höhe. Als seines Lebens Ende kam, da hatte sich erfüllt, was er in seinem Gedicht „Am Abend" wünschte:' „Ich hebe meine Hände Voll Sehnsucht heiß empor: So möcht auch ich am Ende Als Sieger stehn im Tor." Am 15. Juni d. Js. weihte der Kreislehrer ­ verein Hofgeismar dem allzu früh Verstor ­ benen an seinem Geburtshause eine Gedenk ­ tafel. Die damit verbundene würdevolle Feier ließ die Wahrheit des Wortes von Gorch Fock ahnen: „Die tiefsten Wirkungen sind den Toten vorbehalten." Da ich leb im Flug und in der Brust des Vogels, Wohn ich in dem seligen Gesicht des jungen Weibes, Schalle aus dem harten Tritt des Bauern, Wurzle in der Ruh der stillen Wiese — Bin in Allem, was da ist und sein wird! O wie hell sind alle Dunkelheiten, Ach wie ist das Herz so klar und still in mir, Wenn ich in den Stunden dieser Gnade stehe. K. A. Schimmelpfeng.