11 „Der allerreichlichste Gewinn Ist kommen von den schweren Tagen, Da ich mußt wehren mich und schlagen. Da wuchs der Seele Flügelkraft, Da war's, wo ich am Glück geschafft." Es gibt für viele von unseren lebenden Dich ­ tern eitlen untrüglichen Prüfstein ihrer Welt- und Lebensanschauung, ihres Künstlertums. Das ist ihr Verhalten gegenüber dem Außer ­ gewöhnlichen, das unsere Zeit in die Wag- j'chale warf, dem Kriege. Ich gestehe gerne zu: Es ist mairch Echtes, tief Empfundenes auf ­ gequollen aus deutscher Brust. Aber der Menschheit ganzer Jamtner faßt einen an, wenn man die Gesamternte jener furchtbareir Tage übersieht. Wie mancher wurde losgeris- sett aus den festen Grenzen seines Dichtertums, setzte seineu Fuß auf Bahnen, die ihm fremd bleiben mußten, weil sie jenseits von seinem Wollen und Können lagen; aber auch sie woll ­ ten nicht hintenan stehen im Chore der Zeit. Wer selbst jahrelang umhergeworfen wurde im Rätselrachen des Ungeheuers Krieg, der kantl ermessen, wieviel leeres Pathos, wieviel Falsch- Gesehenes und Oberflächliches als echte Münze durch die Lande ging. Und das zeugt für Bertelmanns gefestigtes Künstlertunr, daß er sich nicht aus seinen ur ­ eigensteil Bahnen reißen ließ, obwohl ihm Helden- und balladenhafte Klänge nicht fremd waren. Diesen tief empfindenden Menschen hat der Krieg im Innersten ergriffen; denn ihm war die Liebe zu Land und Volk nicht eine herkömmliche Sache, die man im Gebaren und auf den Lippen trug, weil es das Gebot der Stunde war. Ihm war es heilige Flamme, die auf längst errichtetem Altar im Heiligtum brannte. In Sprüchen und Liedern ringt sich ihm los, was! er mit hellem Dichterauge von seines Volkes Kraft und Dulden sah, und zu besonderer Höhe hebt er sich da, wo er seiner Amtsgenossen Halten und Kämpfen, Ringen und Dulden, Qualen, Sterben und Tod verklärt. Aber von dem Lyriker Bertelmann können wir nicht scheiden, ohne noch ein Wort zu sagen über seine Stellung zu dem unendlichen, uns umschlingenden All, zu den Unergründlich- keiten der Natur, die wir schauernd ahnen. Er war Natur. Ein starker, sinnenhaster Mensch, in der Fülle gleichsam kindlich auf ­ gewachsen, eintrinkend, was ihn umgab, um es zu formen nach seinem Eigenwert. Wie er den Eindrücken der Natur gegenüber staub, mögen die Eingangsstrophen seines Gedichtes „Am Abend" zeigen: Nun räumt der Tag die Tale. Hoch oben auf den Höhn läßt er zum letzten Male sein Feuerbanner wehn. Hell über Wald und Wipfel, wo lauschend streicht die Nacht, hallt von dem höchsten Gipfel - sein Lied: Es ist vollbracht. In fernen Himmelsweiten sieht man ihn wartend stehn, und Engelsfüße schreiten und goldne Türen gehn. Erst nach seinem Tode erscheint jetzt bei Bernecker in Melsungen eilte Sammlung seiner Gedichte: „Acker- ulld Ährenklang". „Sollne und Stille, blühende Wiesen und rei- feltde Felder, Säen mrd Ernten, Tagewerk mtd Sonntagsfreude, Werden und Vergehen — das alles ist in diesem Buche." Das alles zeigen die Hessendörfer. Schneeweiße Giebel, rote Dächer, Baumkronen dazwischen als grüne Fächer, hochwaldbekränzte Hügelränder, im Gründ goldwogende Ährenbänder. Und in dem Frieden und in der Pracht ein graues Kirchlein auf treuer Wacht. Ulld die Menschen, die irr ihnen wohnen, mit ihren Vorzügelt uitd Fehlern hat er mit be ­ rufener Meisterschaft geschildert in Erzählun ­ gen, die jetzt unter dem Titel „Landvolk" erschienen sind. Es ist kein Zufall, daß diesen Künder der Liebe der alte Sagenstoff reizte, den ihre Allgewalt trägt. So erzählt er in seinem „Lieben ­ bach" die alte Mär, die in Spangenberg zu Hause ist, die der zu früh verblichene Engelhard dramatisch gestaltete ulld die auch der Lieben- bachbrunnen lebendig erhalten ivill. Es ist ur ­ altes Geschehen, das hier emporsteigt, uralte Tragik, die sich gestaltet im heilig gewordenen Glück der Jugend, die sich fand, und im berech- nenden Verstand der Alten, der iricht verstehen kann. Um das Mögliche zu verhindern, will er Unmögliches erzwingen, wie der harte Bürger ­ meister, der zum armen Kuno sagt: „Wenn übers Jahr zu Pfingsten der Quell des Broms ­ berges durch die Straßen rauscht, daun magst du Else zum Altare führen. Aber wohl ­ gemerkt, du mußt allein das Werk vollenden. Nicht Lehrling noch Geselle soll dir dienen." Und in Kuno und Else sehen wir die Kraft der tiefen Liebe, die alles überwindet, aber in seliger Süße und Unberührtheit dem raschen Tod zur Beute wird. Es liegt über alten Volkssagen ein zauber ­ hafter Glanz, eine geheimnisvolle Schicht, wie