MBL 28 ( liebten Studenten ist originell (wenn der Baum mit dem in seiner Krone verborgenen Lauscher fehlte, die wir aus Fritz Reuters „Onkel Bräsig" kennen) und von großer humoristischer Wirkung. Pickert muß Silchers Biographie genau studiert haben. Er bringt berühmte Zeitgenossen von ihm aus die Bühne und läßt Franz Liszt und Uhland, ohne zwingenden Grund zwar, aber doch aus einiger ­ maßen plausiblen Ursachen vor uns erscheinen. Man weiß ja, wie historische Persönlichkeiten, die uns teuer sind, wenn sie porträtähnlich zwischen den Kulissen sich zeigen, wirken. Darin, in den Aktschlüssen, in mancherlei Details zeigt sich der erfahrene Bühnenfachmann. Das ganz aus Stimmung aufgebaute Werk läßt diese Stim ­ mung keinen Augenblick vermissen. Glaubt man, sie könne nachlassen, so ertönt eine der Silcherschen Volks ­ weisen Md sie ist wieder da. Uno da der musikalische Teil von Wilhelm Vogger sehr geschmackvoll bearbeitet ist, fehlte >es nicht an Huldigungen für den Verfasser. Die Künstler nahmen sich des Stückes mit kollegialem Feuereifer an. Fräulein Keysell erfreute durch ihr natürliches Spiel und ihre schöne Stimme, Herr Jür- gensen gab dem Silcher patriarchalische Würde und herzliches Gefühl, die vier Studenten der Herren War- beck, Clemm, Friedrich und Uhlig sorgten für die nötige Heiterkeit, und der Verfasser spielte einen alten lüsternen Fürsten, dessen Figur eigentlich etwas aus dem Rahmen des Stückes fällt. Die Regie, die Herr Pickert füh'rte, hatte jede Einzelheit liebevoll bedacht. Alles in allem ein Stück, das gewiß über eine Anzahl Bühnen gehen und manchen unterhaltsamen Abend bereiten wird. Dann gab es die köstliche Satire Thoma's „Moral". Wir haben das Stück vor Jahren hier schon im Residenz- theater gehabt, es ist erst nach der Revolution für unsere erste Bühne möglich geworden. Man kann nicht sagen, daß die Satire durch die Umwälzung an Aktualität verloren hätte. Nuk würde ein Satiriker von heute sich vielleicht — und sicher mit demselben Glück — ein anderes Ziel suchen können, als den Cant, die heuchlerische Sexualmoral derer, die man früher „die besseren Klassen" nannte. Vielleicht schärft Thoma einmal seinen Griffel, um die angeblich uneigennützige „Gesinnnngstüchtigkeit" im modernen Deutschland dem Gelächter preiszugeben. Abgesehen von einigen Längen des ersten Aktes, die den Rotstift ruhig vertragen können, ist das Stück mit ziel ­ sicherer Bestimmtheit aufgebaut. Daß ein Satiriker über ­ treiben muß, weiß jeder, und so wird man denn die scharfen Spitzen, mit denen Sittlichkeitsbestrebungen und bourgeoise Anschauungsweisen bedacht werden, nicht tra ­ gisch nehmen. Von den Darstellern sei vor allem des Fräulein Storm gedacht, die die Lebedame Ninon de Hauteville in Kleidung, Haltung, Ungeniertheit und schlauer Über ­ legenheit entzückend verkörperte. Der Fritz Beermann des Herrn Berend war in seinen Ängsten sehr glaublich, Herr Wehl au gab den Justizrat mit kaustischem Humor, Herrn Pape lag der schnodderige Assessorton sehr gut, Herr Jürgensen ließ in dem Kammerherrn eine gut gesehene Abart des alten aristokratischen Hofmanns vor uns erstehen, der Polizeipräsident des Herrn Schräder entsprach offenbar den etwas stark auftragenden Absichten des Dichters. Der deutschtümelnde Professor des Herrn Hellbach allerdings wirkte wenig eindrucksvoll. Dann ward uns als Neueinstudierung Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen" be ­ schert. In seiner Selbstbiographie nennt sich Grill ­ parzer den größten Dichter, der nach Goethe und Schiller gekommen. Vielleicht, wenn er in anderen Verhält ­ nissen gelebt, daß er den beiden Unsterblichen gleich ­ gekommen wäre. So aber empfinden wir in allen seinen Werken etwas Unausgeglichenes. Gewiß, er hat die herzbewegende Sage von Hero und Leander mit feinstem dichterischen Empfinden zu einer modernen Tragödie geformt, er hat den einfachen Konflikt, der ohne' jede Künstelei aus der Liebe eines jungen Menschenpaares sich ergibt, mit großer Charakterisierungskraft, mit tief schürfender Seelenkenntnis gestaltet. Man darf aber mit Recht zweifeln, ob dieser in seiner Behandlung modern anmutende althellenische Stoff die Synthese von Griechen ­ tum und heutigem Empfinden darstellt. Der Verkennung ist — wie bei Hebbel — eine Überschätzung des Dichters gefolgt. Wir fühlen, er hätte Ewigkeitswerte schaffen können und es blieb ihm „ein Erdenrest, zu tragen peinlich". Darum kann man auch begreifen, wenn trotz der Schönheit »der Sprache,- der Feinheit der Psychologie das Publikum nicht mitgerissen wird... Fräulein Hopf war nicht nur eine anmutige Hero, sie rührte und be ­ wegte, Herr Uhlig war ein feuriger, kraftvoller Leander. H. B l u m e n t h a l. , Aus Heimat und fremde. H e s s i s ch e r G e s ch i ch t s v e r e i n. Der Besuch des Herrenabends am 7. Februar wies wegen der Ober ­ schlesierveranstaltung in der Stadthalle nicht ganz die übliche Stärke auf. Nach Erörterung kleinerer Vereins ­ angelegenheiten wies der Vorsitzende General Eisen- traut auf die Gefährdung des Schandpfahles in Elms ­ hagen bei Hoof hin, wohl des einzigen, der sich in Hessen erhalten hat, schilderte die historische Bedeutung dieses» für die Kulturgeschichte wichtigen Altertumes, berichtete über die von den Herren von Schaumburg in Hoof, Breitenbach, Elmshagen und dem Großen Hof bei Martin ­ hagen ausgeübte Gerichtsbarkeit und über ähnliche Denk ­ mäler, wie Staupsäulen usw. und sprach die Hoffnung aus, daß die Gemeinde zu Elmshagen alles tun werde, um den Pfahl, an dem in früheren Zeiten besonders Feld- und Walddiebe zur Schau gestellt wurden, vor weiterem Verfall zu schützen. Auf eine aus der Versamm ­ lung heraus gestellte Anfrage erörterte Geheimrat Scheibe die seit Jahrhunderten schwebende Streitfrage über den Geburtsort des Dichters und Humanisten Eobanus Hessus und entschied sich auf Grund aller in Betracht kommenden Momente für Halgehausen bei Frankenberg, für das namentlich auch Eobanus' Schüler Wigand Lanze und sein Biograph Krause eingetreten waren. Amtsrichter Rabe teilte eine kulturgeschichtlich außerordentlich auf ­ schlußreiche Bittschrift der Gemeinden Weidenbach, Sicken ­ berg, Asbach und Hennigerode aus 1611 mit, die um die Versetzung ihres Pfarrers baten, dessen trunksüchtige Ehefrau durch ihren skandalösen Lebenswandel den kirch ­ lichen Wandel der Gemeinden in größte Gefahr gebracht hatte. Rechnungsdirektor Woringer entwarf ein lebensvolles Bild aus der Geschichte des Schlößchens Wabern bei Fritzlar, das Landgraf Karl 1704—1707 als Lustschloß für seine Gemahlin Marie Amalie erbaut hatte und das seitdem vielfach zum gelegentlichen Aufenthalt des Hofes diente. 1753 übernachtete Voltaire auf einer Reise von Berlin nach Paris in dem Schloß, und wäh ­ rend öes siebenjährigen Krieges diente es wiederholt, so dem Prinzen Ferdinand von Braunschweig, zum Haupt ­ quartier. Nach dem Krieg brach dann eine neue Glanzzeit für das Schlößchen an, indem es durch Landgraf Fried ­ rich II. von 1763 bis zu dessen Tod 1785 alljährlich