27 die einen so gescheiten Ausweg fanden in aller Wirnns des Daseins; zu - sich - selbst - kommen — bei-sich-selbst-sein. — Jetzt hätte er den Alten gut verstehen können — und hätte auch die schöne Henriette nicht nur nach ihrer schlanken Gestalt, ihren grauen Augen und ihrer aschblonden Flechten ­ krone eingeschätzt . .. Henriette Allandt. — Er hatte von seiner Mutter erfahren, daß sie „ihr Leben selbst machen müsse", da Pfarrer Allandts Kisten und Kasten leer blieben, bei seiner Art hauszuhalten — das heißt offene Hand und offenes Herz für jeden zu haben, der Not liff” Gern hätte Fritz die Scharte ausgewetzt, die er an jenem Tag davontrug. Henriette war Lehrerin an einer Töchterschule. Er überlegte nicht lange. Sie waren beide über diese Dinge hinweg ­ gekommen : Liebe, die mit Ärger kämpft — Ärger, der die Liebe dämpft — Waren sie es wirklich? So suchte er denn Henriette am nächsten Sonn ­ tag auf. Er wurde unbefangen willkommen ge ­ heißen. Das Zimmer duftete nach Rosen, in dem beide saßen. „Sie sind billig heuer, es gibt ganze Rosenfelder vor den Toren ..." Fritz lächelte wehmütig: „Du hast sie ehrlich erworben! Weißt du eigentlich, daß ich einmal Rosen für dich gestohlen hatte — und einen Vers obendrein?" Henriette schüttelte den Kopf: „Nein, nie! Wann tatest du es?" „Damals — als ich dich unter den Holunder lockte, als du lieber auf die Unterhaltung in der Laube lauschtest, als auf das hörtest, was ich dir gerne gesagt hätte —" „Ja — damals, als du mich nicht ernst nehmen wolltest." „Das weißt du noch?" Henriette errötete und sagte ehrlich: „Heute kannst du es ja wissen, nach soviel Jahren — wo es belanglos geworden ist — es hat mich sehr geschmerzt — es war meine erste große Ent ­ täuschung, die ich an — einem Mann erlebte. Junge Backfische haben ihre Ideale. Ich maß dich an Großvater Allandt ..." „Und warst bitter enttäuscht?" „Ich will dir alles sagen — weil du behauptetest: Ignorabimus — strebte ich allein danach, dem Leben einen Sinn zu geben und seinen Wert zu ergründen." „Und fandest ihn?" „Bitte, lache nicht — ich besann mich auf mich selbst — im Kampf mit den Widerständen — diese Worte lagen mir immer im Ghr." „Ich lache gewiß nicht — im Gegenteil, ich denke, wie töricht und glücklich ich damals war. Heute bin ich nicht glücklich und sehr verständig und nehme dich ernst." Henriette schwieg verlegen. Die Unterhaltung hatte eine Wendung genommen, die sie nicht vor ­ ausgesehen hatte. Fritz fragte: „Du bist nun glücklich?" „Ich freue mich, daß wir heute auf gleich und gleich stehen." „Du meinst, das genügt nun — für alle Zeiten? Sagte nicht Großvater Allandt: ,Wo die Liebe erwacht, stirbt das Ich?*" „Ich verstehe dich nicht!" Henriette schlug die Augen nieder, denn sie war in diesem Augenblick nicht ganz aufrichtig. „Bleiben wir bei deinem Ideal, Henriette. Der Alte sprach an jenem Morgen, als er mich am Ghr zog: ,Es ist wirksamer, aus Eignem Un ­ gereimtes zu geben, als einen Dichter zu zitieren — in so eigenster Angelegenheit — ‘ und wenn man liebt. Ich rede ganz ungereimte Dinge, Henriette — aber ich befolge die Vorschriften deines Großvaters." Henriette wehrte nicht ihrem Jugendfreunde, als er ihre Hand nahm, um sie an seine Lippen zu führen und dann zu sagen: „Du hast mir den Sinn und Wert des Lebens erschlossen." Am andern Tag gingen die beiden nach jenem Friedhof, der mitten im lauten Getriebe der Groß ­ stadt liegt. Sie standen unter dem Holunderbaum. Das Grab war zerfallen, auf dem er wuchs, kein Stein verkündete den Namen des Schläfers, der dort ruhte. Einen Strauß Rosen kaufte Fritz von der Blumen- ' frau, die an der Mauer saß, und Henriette legte ihn auf den Hügel, der Frau Hollens heiligen Baum trug. -8^5 Staatliches Theater. Es ist modern geworden, verstorbene Komponisten auf die Bühne zu stellen und durch Vorführung ihrer volks ­ tümlichen Melodien Effekte zu erzielen. Gustav Pickert, über den wir uns in so mancher komischen Rolle freuen konnten, hat dieser Mode seinen Tribut gezahlt. Nach ­ dem wir Schubert und Haydn in Lebensgröße auf den weltbedeutcnden Brettern mitagierend geschaut, zeigt er uns in seinem Liederspiel „M a n s a r d e n q u a r t e tt" einen Halbvergessenen, dessen Weisen jedem bekannt sind, Friedrich Silcher. Die Handlung ist nicht besonders tief angelegt, aber sie ist mit großem Geschick so geführt, daß das Publikum nie sein Interesse und seine Freude am Spiel verliext. Das Schwarzwaldmädel, dessen schöne .Stimme Silcher ausbilden will und das deshalb sein Dors verläßt, um nach einem etwas unvermittelt ein ­ tretenden Herzensabenteuer mit ihrem Jugendgeliebten dorthin zurückzukehren, erobert sich schnell die Sym ­ pathie der Zuschauer. Der zweite Akt mit den ver-