22 die schwarze Nacht hinaus. Im Graben unterhielt sich der Leutnant mit den Posten der Kompagnie, wovon viele Hessen waren, besuchte den Feind und kam nach ein paar Stunden durchnäßt und dreckig wieder in den Stollen mit den Worten: „Na, Kon ­ rad, nun haben wir dem Franzmann mal wieder ein krachendes Nachtwächterlied gesungen und einen Haufen Handgranaten gemispelt, und die spektakeln doch noch besser als der Base Sabine ihre Tassew- scherben!" Vor ein paar Wochen hat mich mein Leutnant hier besucht. Er verlor sein rechtes Auge beim Rückzug 1918. Da haben ihn ich und Willi noch getragen. Mein armer'Kamerad ist dann am nächsten Tag von einer Granate zerrissen worden." Sabine bemerkt, daß sie sich über den fremden Besuch gewundert habe, Anna hätte ihr aber dann erzählt, es hätte ein Student Konrad besucht und das sei sein Kompagnieführer gewesen und er hätte ihm eine Kiste Zigarren mitgebracht. „Die Glocke hat zehn geschlagen", fällt ihr Konrad in die Rede. „Der Krieg ist vorbei und die Nachtwächterei im Schützen ­ graben auch. Also ins Bett!" Nach herzlichem Abschied verlassen wir mit den andern Gästen die behagliche Stube. Anna leuchtet uns noch den glatten Hausstein' hinunter, dann läuft sie mit den Worten: „Kommt bald mal wieder" zurück, während wir uns beeilen, nach Hause zu kommen. „Macht's gut, Sabine, bestellt einen schönen Gruß an Vetter Hansjörge, Base Annekatharin und euern Rudolf!" In wenigen Minuten sind wir daheim. Der Nachtwächter, der bei der Linde steht, wünscht uns „Guten Abend" und der Steinkauz ruft seinen Eulenschrei vom hohen Kirchturm des hessischen Dorfes Süß. — Zur Erinnerung an Wilhelm Strippel. Von Walter Am heiligen Abend verschied in Marburg der ehemalige Apotheker Wilhelm Strippel aus Men ­ dorf an der Werra. Mit ihm ist ein Hesse von altem Schrot und Korn heimgegangen. Seine Familie stammt aus Maden, wo sein Urgroßvater Landwirt , und Gerichtsschöffe, sein Großvater Bürgermeister war. Sein Vater war Pfarrer in Dörnberg bei Kassel, verheiratet mit Ernstine Kehr aus Wolfj- hagen. Wilhelm Strippel, am 20. Februar 1843 in Dörnberg geboren, verlor schon mit 13 Jahreni seinen Vater und siedelte mit seiner Mutter nach Wolfhagen über. Noch in hohem Alter erkannte er dankbar den guten Unterricht an, den er dort in der. Rektorschule genossen. Nach seiner Konfirmation trat er in Allendorf a. d. Werra bei seinem Oheim Christian Kehr als Apothekerlehrling ein, war drei weitere Jahre in verschiedenen Apotheken, so in Grebenstein und Herborn. Ostern 1865 bezog er die Universität Marburg, wo die Professoren Wi ­ gand, Zwenger und Kolbe seine Lehrer waren. Seine Prüfung bestand er in der Wildschen Sonnen-' apotheke in Kassel, schlug dann eine ihm von Pro ­ fessor Zwenger angebotene Assistentenstelle am chemisch-pharmazeutischen Institut in Marburg aus, um in die ihm liebgewordene Stellung in Herborn zurückzukehren. Bei seinem ausgeprägten Lehr ­ geschick und glänzendem Gedächtnis ist es vielleicht zu bedauern, daß er ans die akademische Laufbahn verzichtete, er wäre sicher ein hervorragender Lehrer geworden. 1876 entschloß er sich, die Apotheke in Allendorf a. W. zu kaufen. Es gelang ihm, seine Apotheke so aus die Höhe zu bringen, daß er eine zweite Apotheke in Allendorf aufkaufen konnte. Er machte auch einen leider mißlungenen Versuch, die Soodener Soole für den Kurgebrauch trinkbar zu machen. Nach dem Tod seiner Mutter hatte er sich 1884 mit Marie Schaub aus Allendorf verheiratet, Kürschner. die ihm 4 Söhne und eine Tochter schenkte. In seinem Hause herrschte ein vorbildliches harmonisches Familienleben. Zu der bisherigen Verwandtschaft mit den Familien Kehr, Eschstrnth traten nun nwch die in Hessen ebenfalls weitverbreiteten Familien aus der Verwandtschaft seiner Frau, Schaub, Zülch, Most, Baumann u. a.; eine von seinen Söhnen während des Weltkrieges geführte Liste aller Vettern führt fast 100 an, die im Feld standen, von denen 19 gefallen sind. Für alle Verwandten hatte er stets ein warmes Herz und ein gastfreies Haus. Im Jahr 1893 nötigte ihn sein Gesundheitszustand — er litt viel an Schlaflosigkeit — seinen Beruf auf ­ zugeben; er zog zunächst nach Sooden, in sein dor ­ tiges selbst gebautes Haus, und arbeitete, in den Gemeinderat gewählt, rastlos wie bisher an der Hebung des Bades und der Kinderheilanstalt mit. Als seine Söhne heranwuchsen, zog er nach Marburg und kaufte in der Ockershäuser Allee ein Haus, das er bis zu seinem Tode bewohnte. Seine Herzens»- güte und stete Hilfsbereitschaft machte auch dieses Haus bald wieder zum Sammelpunkt eines großen Freundeskreises und der dort zahlreich studierenden Vettern. Mehrere Anfälle von Herzschwäche hatten ihn in den letzten Jahren heimgesucht, einem solchen ist er dann ohne längeres Kranksein erlegen. Das Bild seines arbeitsreichen Lebens würde unvoll ­ ständig sein, wollte man seine aufopfernde Tätigkeit für die Allgemeinheit außer acht lassen. Bald nach! seiner Übersiedelung nach Allendorf gründete er dort einen Verschönerungsverein, um die nach seinen eigenen Worten einem ungeschliffenen Edel ­ stein glerchende schönste Gegend Hessens besser zu erschließen. Er fand einige Mitarbeiter, besonders den damaligen Oberförster Danz und den Probator Neuenroth und ging mit Eifer daran, durch An ­ legen von Wegen, Ruhebänken, Schutzhütten, Wege-