172 dämonisch Gewordene. Er glaubt noch heute an ein Hinüberwirken aus jenen in die Lebenden, die'Schwäche- ren, und diese haben sich eigentlich nur zu fürchten vor den Totenerscheinungen, die ihnen eine Tatsache sind: die Borfahren haben solche erlebt, wie sie in den Familien hören, sie selber.manchmal wohl auch (oder glauben es doch); jedenfalls stehen einzelne in dem besonderen Ruf, die Gabe zu haben, „etwas zu sehen", und werden darum bedauert. Denn die Gabe ist dem Inhaber gefährlich. Gefährlicher noch erscheint dem Bolle der Mutwille, der die Geister herausfordert. Das erläutern u. a. merk ­ würdige eigene Erlebnisse in seinen Walddörfern, die dem Bortragenden den Stoff geliefert haben. Dahin gehören besonders noch die Erscheinungen, die das Volk unter dem Begriff „das zweite Gesicht" zusammenfaßt, die Fernwirkung der Sterbenden, die gerade während des Weltkrieges wieder viel empfunden wurde und von sich reden machte. Dergleichen läßt zeitweise nach, um in der Not sich zu erneuern. Der Glaube an lebendige Menschen von übernatürlichem Können, die sich in die Welt der Geister, der Toten wie der Dämonen (des Teufels), hineindrängen, dorther ihr Wissen beziehen, wahrsagen, Heilungen vornehmen, Diebe entlarven, das sind dem Volke unheimliche.Sterbliche, die es in der Not dennoch aufsucht. Dabei unterscheidet es scharf die Männer und Frauen der weißen und die der schwarzen Sympathie: jene sind ungefährlich, diese sehr bedenklich und unmittelvar gefahrbringend für dieses und für jenes Leben. Der Dämonenglaube: auch er von wunder ­ barer Zähigkeit und in der Tiefe kaum berührt vom Christentum, zurückgedrängt natürlich. Angst vor der Krankheit, Angst vor dem Tode, Angst um sich selbst, um die Seinen, um das Vieh und allen Besitz, und dann die unausrottbare Zuversicht, durch Zauber Herr- alles Schlimmen zu werden, wenigstens es doch auf ­ zuschieben — das sind die Triebfedern dieses Glaubens. Schwerlich werden die zahlreichen Hörer dieser schönen Borträge in den mitgeteilten Einzelheiten als solchen Neues gefunden haben. Ich denke, sie haben dennoch wohl alle das Ganze mit Genuß gehört. Das liegt zunächst in der Anmut der Form. „Leget Anmut in das Geben" fordert Goethe, und Bötte versteht das. Weiter liegt es in der Konzentration auf das vom Vor ­ tragenden selbst Erlebte oder sozusagen Miterlebte. Bötte bietet auch hier nicht eine fleißige Sammlung aus aller Welt, Verbürgtes wie Unverbürgtes aus Nord und Süd, wie man dergleichen gewöhnlich liest öder hört, selbst bei Mannhardt, sondern er greift zu dem, was er in seinen Rhöndörfern, allenfalls im anderen Hessen angetroffen hat in jahrelanger Vertiefung in Art und Unart seiner Bauern. Diese beiden Vorträge sind leben ­ diges, organisches Leben, kein totes Mosaik. Daß wir von einem zuverlässigen Zeugen erfahren, wie es um jenen scheuen Glauben in jenen Walddörfern noch heute steht, darin sehe ich den Wert der Leistung. Und dann in gewissen Einzelheiten, die den Mitforscher angehen. Z. Ä. das Volk sagt mit vorsichtiger Scheu, ja Angst, von Menschen, denen es übernatürliche Kräfte zuschreibt, „der oder die kann oder weiß etwas" sehr allgemein. Das hat seine Analogien. Medea heißt „die Kluge", sie war eine von der schwarzen Sympathie. Von hier ­ her ist die Gestalt als eine aus dieser niederen Sphäre j in die hohe Heldensage getretene Gestalt zu verstehen. i Einen weiblichen Dämon, uns nur noch als Seegeist > bekannt, nannten die Griechen „eine die etwas kann" (Dynamene); auch andere Geister heißen „die Mäch- ! tigert" (Dyuatoi), wie die Toten „die Stärkeren" uss. i Das mag doch dem Vortragenden ein Lohn für seine treu beobachtende Arbeit in seinen Wäldern sein, daß das, ivas seine Getreuen dort noch heute glauben und wie sie es glauben, auf anderen Wissensgebieten allerlei Dunkel erhellt und Licht schafft. Es sind ganz prächtige Analogien. Professor Ernst M a a ß. H o eh s ci) ii I ii a eh r i eh t e n: M a r b u r g: Am 24. Oktober wurde, zum ersten Mal wieder nach vier Jahren in der alten Form, der Rektorwechsel vollzogen. Ein ­ geführt wurde der für das Amtsjahr 1920/21 gewählte Rektor Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Hofm a n n , Direktor des Physiologischen Instituts. Geheimrat .Hof ­ mann sprach über „die Beziehung zwischen den Vor ­ gängen im Gehirn und im Denken". Der scheidende Rektor, Geh. Reg.-Rat Pros. Dr. B u s ch , zog einen Vergleich zwischen der Zeit der Wiederaüfrichtung des Deutschen Reichs vor 50 Jahren und der Gegenwart. Nach 'den bis jetzt vorliegenden Meldungen sind in dem großen Völkerringen 4 Mitglieder des Lehrkörpers und 850 Studierende au) dem Felde der Ehre geblieben, gegen einen Gesamtverlust von 4 Studierenden im Kriege 1870 71. Geheimrat Busch begrüßte den Nachfolger des Universitätskurators, Geh. Ober-Reg.-Rat v. Hülsen, sowie den Nachfolger des Leiters der Bibliothek, Geheim ­ rat S ch u l tz e - Königsberg, im Namen der Universität Ferner gedachte er der Stiftung des Prof. D. Simons, der seine Villa am Rotenberg dem „Verein für das Deutschtum im Ausland" zu einem Heim für studierende Ausländsdeutsche zur Verfügung gestellt hat. Mit Beginn des neuen Semesters wird das neue Verwaltungs- und .Hörsalgebäude, das den Namen „Landgrafenhaus" er ­ halten hat, vollständig in Benutzung genommen. Immatrikuliert sind 2605 Studierende (darunter 386 Frauen), gegen 3207 (410) im Sommersemester und 3376 (344) im vorigen Wintersemester. Es studieren 186 Männer und 8 Frauen Theologie, 443 Männer und 11 Frauen Jura, 782 Männer und 60 Frauen Medizin und 858 Männer 'und 257 Frauen Philosophie. — Der Staats- und Völkerrechtslehrer und demokratische Reichstagsabgeordnete für Hessen-Nassau, Prof, Dr. Walter j Schücking, der als staatsrechtlicher Sachverständiger an den Verhandlungen in Versailles teilnahm, hat einen Ruf an die Berliner Handelshochschule zum nächsten Sommersemester angenommen. Er ist bekanntlich j ein Enkel des Romanschriftstellers Levin Schücking. — | Dem Privatdozenten Prof. Dr. Glaser wurde ein Lehrauftrag zur Vertretung der romanischen Sprach ­ wissenschaft erteilt. — In der philosophischen Fakultät habilitierte sich Gras v. Degenfeld-Schomburg.' '— Ter Hilfsbibliothekar an der Göttinger Universitäts ­ bibliothek Dr. G. W i e e z o r e k wurde zum Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Marburg ernannt. — Gießen: Der o. Prof, und Kustos am botanischen Institut zu Bonn Dr. Ernst K ü st e r wurde zum ord. Prof, für Botanik als Nachfolger des Geh. Hofrats Hansen ernannt. P e r s o n a l ch r o n i k. Der Senior der Eschweger Philologen und Ehrenvorsitzende des Werratalvereins Prof. Dr. Pontani beging feinen 75. Geburtstag. Am 8. November feierte der Chef des städtischen Gesundheitswesens Geh. Medizinalrat Dr. Heine- m a n n in Kassel seinen 70. Geburtstag. Die Augsburger Schillerstiftung hat ihren diesjährigen Preis dem Lehrer an der Homberger Taubstummen ­ anstalt Heinrich Ruppel für fein Novellenwerk „Rhönbauern" und seinen Gedichtband „Die zu Häupten Frührot haben" zuerkannt. Ruppel ist auch den Lesern unserer Zeitschrift durch seine Gedichtbeiträge und die Erzählung „Bonaventnra Rothämel" bekannt.