ess«i> 332 swgib der Baukunst bricht, die den Stempel der Origi ­ nalität nicht klar an der Stirn tragen, die sich vielmehr in ihrer äußeren Form in einem alten bewährten Gewände zeigen, das dm Einfluß der Renaissance oder ihres großen Vorbildes, des Griechentums, nicht verleugnet, wie z. B. das Kasse ­ ler Rathaus und die neue Stadthalle. Seine herbe und abfällige Kritik an diesen beiden bedeutendsten neueren öffentlichen Gebäuden Kassels werdm auch diejenigm, die Bocks Standpunkt schätzen und wür ­ digen, nicht billigen können. Grade diese beiden Bauten haben weit, über die Grenzen des Hessen ­ landes hinaus in Laien- und Fachkreisen berech ­ tigte Bewunderung gefunden und werden immer zu den besten Werken der Baukunst gerechnet werden, die in den erstm Jahrzehnten des 20. Jahr ­ hunderts geschaffen wordm sind. Wieviel Bauten gibt es in Deutschland aus der Zeit der Erbauung unseres neuen Rathauses, die ihm ebmbürtig an die Seite gesetzt werden könnm, die eine gleiche Beherrschung der Form und der Raumwirkung er ­ kennen lassen? Wieviel neuere Bauten besitzen die Qualität und zeigen den Ausdruck einer einzigen klaren künstlerischen Vorstellung im Grund- und Aufriß wie unsere Stadthalle? Sie sind in Deutsch ­ land, und im Ausland noch mehr, mit der Laterne zu suchen. Es ist doch nicht angängig, Bautm von künstlerisch hervorragendem Wert, wie diese beiden, nur abfällig zu bmrteilen, weil sie von dem Gesichtspunkt aus betrachtet, ob sie die ori ­ ginale Schöpferkraft besitzen, nichts bedeuten, ohne gleichzeitig zu würdigm, daß sie hoch über den Durchschnittsleistungen ihrer Zeit stehen und zu dem Besten gehören, was in den letztm 80 Jahren ge- schaffm ist. Aber Herr Professor Bock kennt nur die Num ­ mern 1 und 5, ganz ausgezeichnet und minder- wertig. Diese Verleugnung aller Mittelwerte ist in der Baukunst besonders bedenklich. Denn die Baukunst ist keine freie Kunst, wie die Malerei; inan kann das Malen lassen, wenn das Talent zu höchster Leistung fehlt, nicht aber das Bauen; ge ­ baut muß werden, ob nun Meister ersten Ranges zur Verfügung stehen oder nicht, und Schöpfungen gmialen Stils sind nicht zu erzwingen. Die Ver ­ leugnung der Mittelwerte ist dazu gefährlich bei einem Zuhörerkreis, von dem nur wenige die Grundlagen aller Bauwirkung, Verhältnisse und Raumgestaltung, sicher aufzufassen gelernt habm können. Für die Entwicklung des Bausinns ist es mindestens ebenso wichtig, dm Unterschied zwischen Nummer 5, offenbare Pfuscherei, und Nummer 3, ehrliche Baugestaltung unter Anlehnung an gute Muster, aufzuhellen, als den zwischen Nummer 1 und 3. Bei dem heutigen Stande unserer Bau- kultür, wo die Sorge um die Qualität, mehr ujm das Wie als das Was, noch unsere ganze Kraft in Anspruch nimmt, wo unser Gefühl für architek ­ tonische Werte noch nicht gereinigt, und unser Sinn für Rhythmus undHarmonie noch nicht geschärft genug ist, kann nicht einzig und allein der mehr oder weniger große Gehalt an originaler Gestal ­ tungskraft maßgebend für die künstlerische Würdi ­ gung eines Hauses sein. Bei der Baukunst, die nicht vom Geschmack allein, sondern von Bedürfnis ­ fragen und von der Technik bedingt ist, liegm die Verhältnisse nicht so einfach, wie z. B. beim Kunstgewerbe. Wir brauchen zuvorderst Qualitäts ­ leistungen, mögen sie nun mehr von dem eigen ­ willigen Gestaltnngsgeist, dessen Blüte in der mittelalterlichen Kunst liegt, haben, die uns Deut- schm als die bodenständigere und ursprünglichere erscheint, oder mehr von dem Geist der Renais ­ sance, die für uns, besonders in Kassel, auch Boden ­ ständiges hat. Qualitätsleistungm aber sind Rat ­ haus wie Stadthalle, auch wenn sie die Schule der Renaissance nicht verleugnen, also nicht den von Herrn Professor Bock verlangten „Deutschen Stil" habm. 'Gegen die Entwicklung, wie sie nun einmal war, läßt sich nicht anstürmen, und die Beein ­ flussung deutschen Schaffens durch die Renaissance läßt sich nicht gewaltsam zurückdrängen. Es wäre verkehrt, nicht anzuerkennen, worin uns die Re ­ naissance beim architektonischen Schaffen gefördert hat, nicht zu würdigen, daß sie uns die Vorstellung vom äußeren Raum gebracht und uns städtebau ­ lich groß hat dmkm lernen. Diese Erkenntnis wird unsere neuen Ausdrucksformm, die hoffmtlich ton ­ angebend auch für unsere Nachbarvölker werden, in ihrer Entwicklung ebenso beeinflussen müssm, wie wir wünschen, daß sie vom Geist gotischer Bau ­ kunst befruchtet werdm möchtm. Der nme Stil kann nur aus einer gewissm Wechselwirkung mit den Architekturen anderer Länder entstehen, wmn er nicht eine völlige Ausschließung vom Völker ­ verkehr bedeuten soll. Die Furcht, daß wir dabei Französlinge werden könnten, liegt heute für ein innerlich so starkes Volk nicht mehr vor. Weniger „Deutscher Stil", als „deutsch denken auch beim Bauen", d. h. wahr, echt und edel bäum, muß die Forderung heißen. Wahr, echt und edel sind aber Rathaus wie Stadthalle.