Die Leitung der Königlichen Schauspiele hat allen Grund, die Novität, die sie uns am 1. Oktober vor ­ setzte, auf die Passivseite ihrer künstlerischen Bilanz zu buchen. Auf jenen Abend stolz zu sein, hat sie keinerlei Beranlassung. Er sollte ihr vielmehr nahelegen, künftig ­ hin bei Auswahl der Neuheiten, bei ihrer Besetzung, ihrer Aufführung eine Sorgfalt anzuwenden, die wir bei der Kleinstadt-Komödie „D a s Alter" von Paul Quensel leider vermissen mußten. Ein Stück, das die >veltfremde Ruhe der Kleinstadt vorführt, Konflikte aller ­ einfachster und alltäglichster Art vor uns hinstellt und die Binsenwahrheit predigt, daß das leistungsunfähige Alter verzichten und tatkräftiger Jugend den Platz räumen müßte, könnte gerade jetzt, wo die furchtbare Gegenwart uns aufpeitscht und an unseren Nerven zerrt, nach dem Gesetze des Kontrastes unsere Anteilnahme erregen. Es könnte uns auf kurze Frist den Auf ­ regungen des Tages entrücken und uns auf Stunden Frieden und Ruhe geben. Daß das nicht gelang, liegt nur zum Teil an die Unzulänglichkeit der Komödie, in weitaus größerem Maße an der Aufführung, die tief unter dem stand, was wir auf der Hofbühne zu sehen gewöhnt, von ihr zu fordern berechtigt sind. Ein Direktor der städtischen Kapelle, die zwar die „Schöpfung" aufführt, aber auch zu Tanzmusiken auf ­ spielt, ist alt geworden. Er läßt die Zügel am Boden schleifen, fühlt nicht, daß er kaum noch arbeitsfähig ist, will, trotz des Rates des ihm befreundeten Kantors nicht verzichten und steht plötzlich der grausamen Tat ­ sache gegenüber, daß sein jüngerer Konkurrent, ein „Kunstschuster", an seine Stelle gesetzt werden soll. Damit ist er der Not und dem Hunger verfallen. Er hat seinen Sohn zum Geiger ausbilden lassen und lebte der Hoffnung, ihn zum berühmten Künstler werden' zu sehen. Doch der junge Lindner lernt schnell die Ent ­ täuschungen der Künstlerlaufbahn kennen, verzichtet auf seine hochfliegenden Pläne, bewirbt sich um des Vaters Amt, erhält es, rettet seine Eltern damit vor dem Unter ­ gang, verliert eine Braut, die herzlos und schnodderig ist und erhält prompt einige Minuten später seine prächtige Jugendliebe als Ersatz. Das ist wenig auf ­ regend, ja nicht einmal spannend. Das ist so durch ­ sichtig, daß man das fröhliche Ende schon beim An ­ fang weiß. Und was in diesen philiströsen Menschen ­ schicksalen typisch sein soll, wirkt so alltäglich wie irgend möglich. Indes — es läßt sich denken/daß eine feine Charakterisierungskunst Personen und Schauplatz uns näher bringen könnte. Leider geschah aber alles, um das ohnehin nicht allzu kurzweilige Stück in jenes Gefilde zu rücken, in dem das Gähnen zur Notwendigkeit wird. Und wir fragen uns: was ist denn eigentlich die Aufgabe der Regie? Für die Ausstattung, die, nebenbei bemerkt, zur Schilderung der Kleinstadt sich nicht sehr in Unkosten gestürzt hatte, ist nicht sie, sind die Herren Waßmuth und Sterra ver ­ antwortlich. Man sollte daher glauben, sie würde für richtige Rollenbesetzung eintreten, die Darsteller, die sich im Ton vergreifen, auf diesen Fehler aufmerksam machen, in den Proben spüren, wenn das Unzulängliche Er ­ eignis wird, feilen, bessern, eingreifen. Bon all dieser Tätigkeit war nichts zu spüren. Der alte Musikant ist humoristisch gezeichnet und soll doch rühren. Herr B e r e n d, der ihn gab, brachte es über leise Ansätze zum Humor nicht hinaus und gab nichts, was uns zum Mitempfinden veranlaßt hätte. Herr I ü r g e n s e n , dem man die Rolle nach all seinen Erfolgen in ähnlichen Partien hätte geben müssen, hatte eine kleine Episoden ­ figur zugeteilt erhalten, gab sie allerdings so, daß seine wenige Minuten währende Szene wirkte wie eine Oase in dürrer Wüste. .Herr B ö ck l e r, der den hoch ­ fliegenden idealgesinnten Sohn verkörperte, war so trocken und nüchtern, wie nur irgend denkbar, Fräulein Stör m, die uns als Naive so oft erfreut hat, war als Operetten ­ sängerin nur schnodderig, aber ohne jeden Reiz und man fragte sich vergebens, wie Johannes sich mit ihr verloben konnte. Vielleicht hätte man sie mit Fräulein Feldhosen tauschen lassen sollen, die das klein ­ städtische Mädchen gab. Herr P i ck e r t lieh seinem Kantor auch nicht einen komischen oder humoristischen Zug, dem Dienstmann des Herrn B ü n t i n g merkte man bei jedem Wort das Unnatürliche, Gemachte an. Genug — es war ein Abend, an den man — aber nicht mit erfreulichen Gefühlen — lange denken wird. Dazu ward uns ein Dialekt als sächsisch-thüringisch vor ­ gesetzt, der von der Etsch zum Belt nie und nirgends ge ­ sprochen wird. Der freundliche Leser, der geduldig diesen Aus ­ führungen gefolgt ist und nicht im Theater war, wird vielleicht wähnen, der Referent urteile zu hart. Er sei versichert, daß das Gegenteil der Fall ist. Wenn das Urteil genau dem Gebotenen entsprechen sollte, müßte die Feder spitzer, der Ausdruck der Entrüstung noch wesentlich schärfer sein. . . . Die zweite Neuheit: Ibsens John Gabriel B o r k m a n hat sich etwa ztvanzig Jahre Zeit gelassen, um den Weg zu uns zu finden. Die gesamte Vor ­ geschichte, der Hauptlebensinhalt der handelnden Personen, liegt viele Jahre vor Beginn des Stückes. Und der Versuch, einen größenwahnsinnigen Kranken zum Helden eines Dramas zu machen, ist, wie es nicht anders sein konnte, kläglich gescheitert. Dieser John Gabriel Bork- man nennt sich „einen Napoleon, der in der ersten Feldschlacht zum Krüppel geschossen ist". Mit seinem korsischen Urbild hat er nur gemein, daß er — wie jener auf St. Helena — alle seine Taten nur begangen haben will zum Wohle der Menschheit. Er hat um äußerer Vorteile willen die Geliebte seines Herzens verraten, hat gestohlen, betrogen und gefälscht. Er hat einige Jahre in Untersuchungshaft und fünf Jahre im Zucht ­ haus gesessen und nun erwartet er allen Ernstes schon seit acht Jahren täglich und stündlich, daß man seine großen Absichten anerkennen, seine Verbrechen erlaubt finden und ihn zu neuen großen Ehren abholen werde. Er ist offensichtlich geisteskrank. Unser Mitleid kann er allenfalls finden, unsere mitempfindende Anteilnahme nicht. Das vorwiegend in feldgrauer Kleidung erschienene Publikum lachte denn auch mehrfach bei Vorgängen, die tragisch wirken sollten. Das ist bedauerlich. Aber dem Ernste, mit dem Ibsen uns für die Wahnvorstellungen eines Wahnsinnigen empfänglich machen will, kann man wirklich nur mit ironischem Lächeln begegnen. Die Art, wie die Vorgeschichte des Dramas sich vor uns entrollt, in halben Sätzen und Andeutungen, die Stimmung, die über dem Ganzen ausgegossen ist, zeigt Ibsens Künstlerhand. Wenn wir aber des Bankdirektors Geschichte erst kennen, sinkt unser Interesse auf deu Nullpunkt. Ein Verbrecher, der unheilbar geistig erkrankt ist und sich für einen Eroberer hält, ist als Dramenheld unmöglich. Und es wird nicht gelingen, dieses greisen ­ hafte Werk des alten Ibsen für die Bühne zu galvani ­ sieren. Und weil wir sehen, daß Borkmann in eine Heilanstalt gehört, interessiert uns auch das Geschick seiner Umgebung nicht erheblich, die ihn seltsamer Weise für einen Bollsinnigen hält, löst der Kampf, den der Vom Königlichen Hoslheater.