Draußen im Ort wollte ich noch einige Einkäufe machen, da kaur ich in ihr Haus zu den drei Denderghemer Schustern. Drei „närrsche Kerle", lvie unser Dialekt sagt: Alle drei Junggesellen, alle drei fast gleichaltrige Dreißiger, alle drei unter einem Dache wohnend, alle drei Schuster. Zn denen kam ich mit einigen Kameraden. Haben uns die bewirtet: Kaffee gekocht, Butterbrote zurechtgemacht, Zucker und Milch dazugestellt, Wurst uns ver ­ kauft, dicke, harte, tiefdunkelrote, fast schwarze Wurst (und doch hat sie gut geschmeckt!). Und dabei ge ­ schäftig und bedacht auf alles, was sie uns nur von den Angen ablesen konnten. Ängstlich und bittend fast uns ansehend . . . Und dann haben sie erzählt. .. Der Älteste von ihnen sprach leidlich deutsch, wenn schon wir nach und nach uns auch aus flämisch ver ­ ständigen konnten, und erzählte von den Tagen, da er auf „Walze" durch Deutschland gekommen, und von den Engländern, die vier Tage zuvor hier ge ­ wesen seien und so gar nicht als Freunde .. . und ivas wir Deutschen als starke Kerle für Eindruck ans sie machten, wie sie gegen uns doch nicht be ­ stehen konnten, und woher wir zu so Tausenden <»• kämen... und wie der Krieg ein Unglück sei, der uns keinen Segen brächte, wie sie in Armut und Leid versinken müßten, und Hunger unb Not sie weinen ließe, sie, die Armen ... ja, die Reichen, die seien, so's noch Zeit war, mit ihrer Habe nach London oder Paris geflohen .. . aber die Armen, denen der Krieg das Letzte nähme ... — Und dabei arbeiteten die Dreie und beschlugen unsere Stiefel. Und als gar einige von uns sich ihnen als Kollegen offenbarten und nun nach ihrer Art das Werkzeug handhabten, da war das Hin und Her ohne Ende... Mir aber war's ganz seltsam zu Mute, als ich die drei Schuster von Denderghem verließ und über den Kirchplatz ging, wo dicht gebrängt Ge ­ schütz an Geschütz stand, und in die düsterhelle Kirche trat. Still habe ich mich ins wärmende Stroh gewühlt, aber lange wollte kein Schlaf kommen. Unverwandt starrten meine Augen zum Muttergottesbilde im goldblauen Rahmen gründe mir gegenüber, und schwer, wie die drei Kerzen der Heiligen zu Füßen flammten, gingen meine Gedanken.... In derselben Nacht noch hörte ich dumpf in weiter Ferne langsamen Kanonendonner. (Fortsetzung folgt.) Mein Junge! Mein Junge, nun schau mir mal ins Gesicht Hör, was ich Dir will sagen: Noch hast Du nicht schwer, mein kleiner Wicht, Des Lebens Bürde zu tragen. Noch darfst Du tun, just was Dir gefällt, Und gäb's keine Schule auf Erden, Ich glaube, Du würdest mit dieser Welt Schon recht gut fertig werden. Selbst Deine Wildheit nehm' ich nicht krumm, Ich lasse Dich jagen und toben, Du weißt, ich bin nicht böse darum, Kehrst Du das Unten nach oben. Das alles darfst Du, mein Sausewind, Auch bringt es mich nicht mehr in Rage, Wenn in der Stube versammelt sind Die Kinder aus jeder Etage. Nur eins, mein Imrge, — schau mir ins Gesicht! Nur eins, mein Junge, eins darfst Du nicht: Nicht lügen! Gibt's mal 'nen Krach, einen kleinen Skandal, Wir wollen uns drob nicht erbosen, Ich laß mir gefallen gar manches Mal Zerrissene Strümpfe und Hosen. Und paßt es auch zuweilen schlecht In Kosten sich zu stürzen. Was hilft's? Es ist Dein Iungenrecht, Und niemand soll es Dir kürzen. Bist Du gar trotzig, ich find' das nicht schlimm Und denk', so wird es nicht bleiben, Ich zahl' auch, wenngleich mit verhohlenem Grimm, Zerbrochene Fensterscheiben. Nur eins, mein Junge, schau mir ins Gesicht! Nur eins, mein Junge, eins darfst Du nicht: Nicht lügen! Denn später mußt Du den Kampf bestehen Mit Weltentücken und Nöten, Dann sollst Du aufrecht durchs Leben gehn Und sollst vor keinem erröten. Und wenn Dein Schaffen nicht immer gliickt, Umdrohen Dich dunkle Gewalten, Wenn hartes Schicksal Dich niederdrückt — Die Seele mußt rein Du erhalten; Mußt bleiben Dir selber treu und wahr, Mußt kämpfen und überwinden, Und läufst Du in angstvoller Stunde Gefahr Den Richtweg nicht zu finden, — — Dann denke, der Vater steht hinter Dir, Und Du bist wieder mein Knabe, Und wieder hörst Du die Worte von mir, Die einst ich gesprochen habe: Mein Junge, nun schau mir mal ins Gesicht! Nicht wahr, mein Junge, eins tust Du nicht? Nicht lügen! Kassel. Helix Blumenfeld.