293 Der Letzte. Aus dem Nachlaß voir I Sie sind, einer nach dem anderen, den Weg ge ­ gangen, den wir endlich alle gehen werden. Nicht ein einziger von ihnen begegnet mir mehr an der Stelle des Tiergartens, an der wir uns viele Jahre lang jeden Morgen zur gleichen Stunde getroffen haben. Nicht, daß wir irgendwie bekannt mit ­ einander gewesen wären; ich wette, daß keiner den Namen des anderen wußte. Doch eine jener Ge ­ wohnheiten hatte sich gebildet, die mit zunehmendem Alter für vieles Ersatz bieten und dem Herzen mmlchmal so teuer werden, wie vordem Freund ­ schaft und Liebe. Gleichsam ein stillschweigender Bund oder Vertrag bestand zwischen uns, den niemand gern gebrochen hätte, weil jeder sich sagte, lvie sehr ihm der andere fehlen würde, wenn er einmal ausbleiben wollte. Das Verhältnis war ein ideales, und keiner von uns dachte daran, es durch eine von den Höflichkeiten zu zerstören, wie sie sonst unter Leuten, die gemeinsame Zwecke ver ­ folgen und ein gemeinsames Ziel haben, sich von selbst ergeben. Man grüßte sich nicht, man sah sich nicht einmal mit einem noch so flüchtigen Blicke an, sondern ging aneinander mit dem tiefen Gefühl der Befriedigung vorüber, dem ich kaum ein zweites an die Seite zu setzen wüßte: der Empfindung, abermals einer großen Gefahr glücklich entronnen zu sein. Denn wir waren sämtlich alte Herren, voll denen der eine den Zug fürchtete, der andere davor zitterte, sich um eine Minute zu verspäten, der dritte vielleicht, in seinem Nachdenken unter ­ brochen zu werden. Wir lebten vor einander in beständiger Angst und mußten uns an jedem Morgen aufs neue vergewissern, daß keiner von dem anderen etwas zu besorgen habe. Denn auf diesem Vertrauen beruhte das Einverständnis unserer Seelen; ein Wort, und es wäre für immer dahin gewesen, und die trostlosen Greise würden zum Beschluß ihrer Tage sich in unentdeckte Gegenden des Tiergartens gestürzt haben. Doch das Wort ist niemals gesprochen worden, so drohend es auch auf den Lippen eines kleinen Herrn saß, und so schwer es ihm auch werden mochte, darauf zu verzichten. Dieser kleine Herr, von einer außerordentlichen Munterkeit bis in sein hohes Alter, war offenbar ein Witzbold, und schon von weitem, wenn er an seinem Stückchen daher kam, meint' ich es ihm, je nach dem Zwinkern seiner Augen und dem Lächeln um seinen Mund, ansehen zu können, ob es ein politischer, ein Börsen ­ witz oder einer aus der Gesellschaft sei, den er als den neuesten mit sich herum trug; und jedes ­ mal dacht' ich dann: nun wird es explodieren! Aber es geschah nicht. Armer Mann! Jetzt ist er gestorben und hat seinen Witz mit sich in sein Grab genommen. Ein anderer, im Gegenteil, sah so griesgrämig aus, als ob er in seinem Sehen noch nie gelacht habe und auch nicht vertragen könne, daß jemals gelacht lverde. Dieser Mamr l i u s R o d e n b e r g 1'. war von untersetzter Statur und schritt an einem schweren Stabe mißvergnügt daher, wiewohl er in dem oberen Knopfloch seines Rockes, in dieser frühen Stunde schon, irgendein buntes Bändchen trug. Aha, dacht' ich, ein Herr Geheimer Kanzlei ­ rat! Nicht selten konnt' ich bemerken, daß er die Lippen bewegte, wie wenn er mit sich selber spräche. Wenn der, dacht' ich weiter, nur nicht eines Tages gerade vor dir stehen bleibt und auf die ganze Welt zu schimpfen anfängt! Aber auch das hat er nicht getan, er ist jetzt ganz still geworden, und nur noch die dicke Kiefer, die mitten aus dem Fuß ­ pfad linker Hand in der kleinen Sternallee steht, erinnert mich an ihn. Dann war noch ein anderer, um zwei Köpfe mich überragend, wenn er an mir vorbeischritt, ganz schlank, aufrecht und von hagerer Gestalt, den Rock stets — auch an den heißen Somincr- tagen — bis unters Kinn zugeknöpft und selbst im Winter mit keinem wärmeren bekleidet. Diesen hatt' ich in Gedanken den Oberst genannt — mög- lich, daß er mehr, möglich auch, daß er weniger war —, ein pensionierter Soldat war er auf jeden Fall. Er jedoch sah nicht aus, als ob man sich eines unvermuteten Angriffs von ihm zu ver ­ gegenwärtigen habe, denn es war eigentlich nichts Martialisches mehr an ihm, außer seinem kerzen ­ geraden Gang und seinem greisen Schnauzbart. Im übrigen glich er einem, der in seinem Leben genug kommandiert, attackiert und nun Frieden geschlossen hat; er marschierte noch ein Weilchen im Nachtrab mit, bis er zur „großen Armee" stieß, von welcher niemand wiederkehrt, weder Offizier noch Gemeiner. Wir hatten ferner unter uns einen Herrn voir einiger Korpulenz, die ihn jedoch nicht genierte. Vielmehr zog er tapfer und fröhlich seines Weges, nicht in großen, wohl aber trippelnd gehenden Schritten, fuchtelte dabei mit seinem eleganten Bambusrohr in der Luft herum und sah aus lvie einer, der sich auf etwas freut — aus ein gutes Frühstück, auf eine gute Zigarre, auf ein gutes Mittagessen, auf ein gutes Glas Wein —. lauter- gute Dinge, zu denen er den soliden Grund scholl in dieser frühen Stunde zu legen pflegte. Welche weite Perspektiven von Glück öffnen sich denl Mann, der das Leben von dieser Seite betrachten kann! Er muß ein Philosoph der epikureischen Schule oder ein Rentier sein, und ich glaube, dieser war beides. Vier Wochen in jedem Jahr, um die Zeit, wo die beleibten Leute nach Karlsbad gehen, blieb er aus; und jedesmal, lvenn er wieder- kam, hatte seine heitere Weltauffassullg einem ge ­ wissen kleinlauten Wesen Platz gemacht, und das Gewand, das er trug, hing ein wenig schlotternd an ihm herab; indessen, er überwand cs, erholte sich und füllte Rock und Weste bald wieder aus. Ulld als er einmal ganz ulld gar ausblieb unb