154 Kerlchen. Von Else Groß. Das war am zweiten Mobilmachungstag: Gol ­ dene Sonne, in den Gärten üppigstes Sommer ­ blühen, alles in Gluten getaucht, Blumen und Menschen. Ein Brand, ein Lodern, alle Tiefen und Höhen wach, hier Jauchzen, dort Tränen, aber immer wieder Jauchzen. Nur nicht denken. Sich tragen lassen von der Welle; wir fühlen es alle, wo die Wogen ims so hoch heben, da ist auch Tiefe, grausig und kalt, doch die kommt von selbst, nur nicht denken jetzt. Es ist etwas Unwahrscheinliches, dieses Höchst ­ gespannte, es kommen Augenblicke, da ist es, als müßten die Nerven zerreißen, als müßte man in jähem Fall zurücksinken in die Bedeutungslosig ­ keit früherer Tage. Was lvar das alles gewesen 1 Armseliges Alltags ­ geschick. Nun war das Gewaltige da, ungemessen von unserm Verstehen, nur zu ahnen in seiner erz'nen Wucht: Der Krieg. Das Leben ging nicht, es raste, taumelte, es sang: „Deutschland über alles." Noch gestern, der Sonntag, der Sonnentag. Alles voll schriller Geräusche, Geräusche, die unsere matten Nerven sonst gepeinigt hätten, heute als Auftakt im jauchzenden Lebenslied wie Musik. Hier ein Trupp Schüler, die sich als Freiwillige gestellt, Mützen schwenkend, hochrot vor Begeiste ­ rung. Dort ein Trupp angekommener Reser ­ visten, in der Hand den gelben Karton, über ­ wältigt untertauchend im Pulsschlag der Stadt. Gestern noch ein Armer im Schatten, heute ein Held, ein Besonderer. Und jetzt — noch leise, von weitem der Klang einer Auto hupe — eine von den vielen, und doch die bekannte Eine. Unser junger Kaisersohn, „Hurra, Prinz Joachim", Tücherschwenken „Was glänzt dort im Walde im Sonnenschein, Hör's näher und näher brausen" — krächzt die Hupe, alle singen mit und lachen und grüßen. Der Tag der großen Einheit ist gekommen, anders, als viele geträumt, gewaltiger, als alle geahnt. Langsam sinkt die Sonne, als könne sie sich nur schwer von diesem Tag trennen. Es ist nicht mehr heiß, kühl weht es von den Bergen, da — ein Hall, ein scharfer Rhythmus, wie das Stampfen eines Riesen, — einsetzende Musik näher und näher — unsre . . .er rücken aus. Ganz still wird es, atemlos. Mittend im Jubel das Unabwendbare, — das Schicksal. Das war gestern. Nun heute ein neuer Tag. Tag und Nacht und Tag — alles wie sonst. Klein ist auch das Größte vor den urewigen Gesetzen. Fast wie ein Trost ist dieser Gedanke. Alles muß seiner Bestimmung folgen und vergehn. Und einmal ist ein Tag, da ist auch dieses gewesen iiuö lebt nur als Erinnerung. Eine Sehnsucht nach Einsamkeit ist in mir, als müßte alles gut und still werden, wenn man hinaus flüchtet. Die Elektrischen sind überfüllt, ich springe auf die erste beste, weiß nicht, wohin sie will, aber irgendwo muß sie doch still stehen, wo es ruhiger ist, wie hier. Ich kann das aufgepeitschte Leben plötzlich nicht mehr ertragen. Zusammengepfercht mit vielen stehe ich auf der Plattform, sehne mich hinaus ins Grüne. Überall, rechts — links — Feldgraue. Mich quält die Farbe, die wache Nacht nach dem über ­ wachen Tag hat mir allen Jubel genommen, ich höre immer nur den verhallenden Tritt unsrer .. er. Neben mir steht ein bildschöner Offizier — marschfertig. Seine Hand liegt im Arm eines weißgekleideten Mädchens. Fest liegt sie da, die Finger Krämpfen sich in den schlanken Arni, es muß ein weher Druck sein. „Du, Kerlchen," sagt er und muß sich tief runter biegen, „also Männe und Hexe werden Dir heute gebracht. Verwöhne sie nur nicht zu sehr, dann hab ich nachher meine liebe Not". Kerlchen hebt die lieben Augen: „I wo, sie kriegen schon mal ihre Keile." Klingt alles so leichthin, ein bißchen schnodderig, ein bißchen angenommene Leutnantsmanier von ihr, der jungen Gffiziersbraut, vielleicht auch Gfftzierstochter. Es liegt etwas Abweisendes, Herbes in ihrer Haltung, ist vielleicht in dieser Stunde ihr einziger Halt. Kerlchen. „Auch so ein neuer Übername", hörte ich neulich zwei alte Damen naserümpfend mäkeln. Aber so müssen sie heißen, diese gerten ­ schlanken, jungenhaften Mädels. — Ganz weiß ist Kerlchen, von Kopf bis zu Füßen, alles knapp und doch weich. Hut, Rock, Schuhe, Bluse, alles weiß, der Schlips von alter Wappennadel ge ­ halten. Der junge Körper trügt seine Form selbst ­ bewußt und aufrecht. Da ist kein verschnürendes Mieder, all die junge Schönheit ist durch Sport und Pflege fast zur Vollendung kultiviert. Das Haar voll Glanz und Weichheit einfach geschlungen und gesteckt. Das ist alles nur durch sich selbst lieb und schön, keine Modetorheit, keine Täuschung, und