lüchtig in der Stadt umherliefen und über alle Trümmerstätten hinwegkletterten. Die Stadt hat etwa die Größe von Diez und liegt sehr malerisch am Fuße mehrerer Hügel, bzw. lehnt sich an diese an, gekrönt auf der einen Seite, im Norden, von der weithin leuchtenden St. Nikolauskirche, deren massiver Glockenturm (der aus 1614 stammt) von Scharen von Tauben bevölkert, ein besonders male ­ risches Bild bietet. Gerade der Gegensatz, dieses wüste Trümmerfeld, gekrönt von der (von weitem) ganz intakten Kirche bietet einen seltsamen An ­ blick. Besieht man die ans Sandstein erbaute Kirche in der Nähe, so fällt doch auf, wie stark sie vom Zahn der Zeit und auch wohl von bübischen Händen benagt und beschädigt ist. Namentlich das südliche Portal (ans 1510 stammend) hat fast seinen ganzen bildnerischen Schmuck verloren, nur Rudinlente der zahlreichen Figuren sind noch vor ­ handen, und das Ornamentenwerk ist stark be ­ schädigt. Das Kircheninnere macht dagegen einen vollendeten und zugleich deshalb eigenartigen Ein ­ druck, als das Gebäude aus zwei räumlich und stilistisch ganz verschiedeneil Kirchen zusammen ­ gesetzt ist und das Tageslicht durch ganz moderue Kircheufenster gedämpft wird, deren Glasmalereien und Farbenzusamnlensetzungen besouders schön sind. Da die Kirche als Lazarett für 200 Kranke ein ­ gerichtet ist und voll belegt war, wurde der stim ­ mungsvolle Eindruck hierdurch nur erhöht. Die lautlose Stille, die ruhig auf ihrem Schmerzens ­ lager liegenden Verwundeten mit ihrer: schnee ­ weißen Verbänden, die in ihren malerischen Trachten geräuschlos umhereilenden (nicht katholischen) Schwestern, alles das wirkte ergreifend in dem Gotteshaus. R. A. L., der uns s. Zt. in Bouillon abgelöst hatte, machte gerade seine Visite. Einen eigenartigen Anblick hatten wir noch in der Nähe der Kirche — da lag inmitten der Trümmerhauferi, von hohen, vom Feuer schwarzen Mauern um ­ geben, ein kleiner Park, der zu dem Privathaus eines recht wohlhabenden Mannes gehört haben mußte, wie aus den niedergeschossenen Ställen, Remisen, Garagen usw. hervorging. Da lagen unter den Obstbäumen im Garten gedörrte Äpfel und gebackene Birnen in Zentnern herum, wie im Schlaraffenland hingen einzelne noch auf den Bäumen — sie waren von der Hitze der Feuers ­ brunst am Baume gebraten. Das Eigenartigste aber war, daß alle Frühlingsblumen, Primeln, Veilchen, Schneeglöckchen usw. auf den Beeten an der Mauer neu hervorgeschossen waren — die Treibhauswärme bei dem tagelangen Brande hatte sie hervorgetrieben und ihnen einen neuen Früh ­ ling vorgetäuscht. Einen sehr hübschen Blick hatte man von diesem Garten aus auf den im Nord- osten der Stadt gelegenen hohen Burgberg, den zu besteigen wir keine Zeit mehr hatten. Der Ausblick von oben auf die Stadt, die von der Aisne und deni Aisne-Kanal durchzogen wird, soll sehr schöi: sein. Wir machten dann noch von weitem am Wasser einige Ausnahmei: und besahen dabei eine in Trümmer geschossene riesige Papier ­ fabrik, in der lioch das Papier aus den Walzen lag — man sah ordentlich, wie die Arbeiter mitten in der Arbeit davongelaufen waren. Zurück fuhren wir nicht dieselbe Straße, sondern über Amagne nach Amagne-Csoucy, einem wichtigen Bahnknotenpunkt. Hier ist eine Benzintankstelle. Wir enlpfingen hier ans Grund unseres Empfangsscheines Benzin und Öl und konnten währenddessen mal wieder eine Fliegerbeschießung am blutroten Abendhimmel be ­ trachten. 30 000 Liter Benzin werden durchschnitt ­ lich täglich hier ausgeschenkt. Hier sprachen wir übrigens einen Chauffeur, der gerade von Lille kam und der uns erzählte, daß es dort sehr hart zuginge. Die Engländer hätten kolossal ausgebaute Stellungen dort und schössen durch ihre schweren Schiffsgeschütze. Die Rückfahrt ging über Amagne, bei Givry über die Aisne, Attigny (in dem ein Typhus ­ lazarett liegt) immer zur Rechten des im Mondeu ­ schein glänzenden Kanals, nach Brizy und Condo- les-Vouziers und Vouziers nach Haus. Das war in der taghellen Vollmondnacht eine ideale Fahrt. Abends kam eine dicke Post. 1. 11. Sonntag. Das herrlichste Sonnenwetter. Es war so warm, daß wir morgens und nach ­ mittags im Garten auf der Wiese saßen und uns dort auch typen ließen. Wir genossen alle so recht von Herzen das schöne Sommerwetter und bummelten im Garten und im Dorf herum. Ver ­ gessen habe ich noch zu erwähnen, daß nachmittags der Korpsarzt kam und uns fragte, wer Lust habe, nach vorn in die Front zu gehen. Es soll jetzt ein „Tauschverkehr" mit vornstehenden älteren Herren stattfinden, die sich hier hinten etwas er ­ holen sollen. Das wäre was für mich gewesen, aber die Chefärzte kommen nicht in Frage. 2 . 11 . Morgens von 9 bis 12 1/2 machten wir mit den Fahrzeugen einen Übungsmarsch über Vouziers, Conds-les-Vouziers, Vrizy und Bandy. Wetter wunderbar schön, fast zu warm; herrliche klare Beleuchtung. Ganz eigenartig wirken nament ­ lich in der Herbstlandschaft hier die überall liegenden großen Weidenfelder (Stecklinge), die blutrot scheinen und der Landschaft einen eigenen Reiz verleihen. Sie liegen nicht nur in Wiesengründeu, sondern auch an den Berghängen, namentlich an solchen Stellen, an denen früher Weinberge gelegen haben. Sie sind nötig für die hier in allen Nestern