8 Unter Gähnen und Necken erhob sich einer nach dem andern bis auf Karl Witt, der immer noch in die Flammen starrte. „Junge, Junge, " rief ihm der Hankuri spöttisch zu: „Bist wieder mal vor Paris!" — „Bin ich auch — das war zu schön." — Das Wort Paris lockte alle wieder zurück. Zuletzt auch den Vorarbeiter. „Mußt uns rasch noch eins erzählen", kam's aus der Reihe. Karl Witt hob den Kopf und ließ seine Augen umgehen. Er kniff das linke Auge zu und schüttelte: „Ein andermal! Es ist nichts für den Jungen." — Damit deutete er mit dem Daumen rückwärts auf den Frieder. „Ach, Dein Frieder hat das alles längst durch. Nicht wahr, Junge, wenn man in Südwest mit dabei war, kennt man auch was von dem Rummel", sagte der lange Stoffel und schlug dem Burschen auf die Schulter. Alle nickten zustimmend und grinsten. Der Frieder aber wandte sich ärgerlich ab und zog die Schäfte seiner Stiefel an. Mit verächtlichem Seitenblick erwiderte er: „Behalt nur Deinen Kien für Dich, hast ja doch nichts Gescheites erlebt!" — „Was willst Du dummer Hund? Bildest Dir was auf die Schwarzen ein! Ich hab's mit ganz Anderen zu tun gehabt. Ich könnt' heut Baron sein oder so was. — Und nun will ich's grad erzählen." — Er schlug die Arme unter und nickte stolz. Der Vorarbeiter sah sich unruhig um und zog die Uhr: „Aber dann kurz, Karl, der Förster wird bald hier sein." „Wir lagen schon sieben Wochen", begann er, „im Schloß Rubaix. Es war Sonntag und mein Oberst mit seinem Adjutanten ausgeritten. Grad wollt' ich mich ein wenig aufs Ohr legen, da ruft's über mir: „Monsieur Charles, Monsieur Charles." Unsere Köchin war's. Vielleicht schickt sie mich in die Stadt, denke ich und springe hinauf. Gb denn der Herr Oberst spanisch Fricco äße. Wie konnt' ich das wissen. Mir kam die Sache ganz spanisch vor. Was denn meine Lieblingsspeise wäre. Klöße, Sulperknochen, Sauerkraut, Erbsen mit Blutwurst — das alles kannte sie nicht. Wir konnten uns überhaupt schwer verständigen. Am Ende mußte das Gestikulieren helfen. Wie der Wind halten sich dabei unsere Hände verstrickt, und das kleine schwarze Ding lag in meinen Armen. Wie ein Kind beguckte sie ihre Fratze in meinen blanken Knöpfen, spielte mit meinem Schnurrbart und dann — küßte sie mich." Händegeklatsch und eine Lachsalve lohnte den Erzähler. „Dieser alte Satan", entfuhr es dem Frieder, der iu seiner Bosheit blindlings mit der Axt einen Stamm bearbeitete. „Weiter, weiter", drängten die Andern. „Ja, was denkt Ihr! Wie mir die Hexe am Halse hängt, ruft's wieder: „Monsieur Charles, Monsieur Charles!" Und das war die Madam. Die hatte mich in den sieben Wochen nicht begehrt. Was wollte die nur von mir? Ich hinaus, so rasch es geht. ' Auf der Treppe fahre ich über den Waffenrock. Ich sehe mich noch im großen Spiegel neben der Tür. Der Kopf war mir ein wenig heiß. Da wird schon geöffnet: Madam ist's selbst. Ich trete ein. Ich bleibe an der Tür stehen, wie sich das für einen Soldaten schickt. Sie ruft mich an bcu Tisch heran. In goldener Schale funkelt roter Wein. Ich soll trinken. Und ich trank. Ich soll mich setzen. Und ich sinke in Samt und Seide. Ich weiß nicht, wohin mit den Beinen, da sich die Sporen im Teppich verwickeln. Im Kamin flackert's hell und lustig. Ringsum sinnverwirrender Schmuck. Alles Gestrahle fällt auf die junge Witwe, die Herrin dieses Hauses. Unbeweglich steht sie da, an den Kamin gelehnt, und starrt mich an. Ihre schwarzen Augen sind zwei Feuerbrände, die mich bedrohen. Ob denn die deutschen Männer alle so kühl und verschlossen wären, wie der Oberst und ich? Denkt Euch nur, in einem Atem nannte sie mich mit meinem Herrn. Das trieb mir die Röte ins Gesicht. Ich war ganz verlegen und hab sie jedenfalls recht dumm angesehn. Ob ich denn keinen Wunsch habe, sie sei reich. Ich hatte keinen. Wie vernagelt war ich. Jetzt sollte sie mich nur mal fragen! Ob ich daheim in Deutschland eine Braut habe. — An meine Alte war damals noch kein Gedanke, aber ich log und sagte ja. Und diese Lüge half mir wieder auf die Beine. Dicht trat sie auf einmal an mich heran, ihre weiche weiße Hand fühlte ich an meinen Backen: „Morgen, Monsieur Charles, wenn Ihr Oberst wieder reitet, dürfen Sie wiederkommen!" — Dabei blickte sie mich so schelmisch an. „Zu Befehl", sagte ich und war froh, daß mir das noch eingefallen. Ich weiß nicht, wie ich die Treppe hinunterkam. Den ganzen Tag und die Nacht durch sah ich immer das Feuer vor mir und glaubte seine Glut zu fühlen. Spät kehrte der Oberst zurück. „Morgen marschieren wir", sagte er. Da war ich froh. Die Madam habe ich nicht wieder zu sehn bekommen. Nur allemal, wenn so ein Feuer vor mir flackert, meine ich, sie müßte danebenstehn." —