s*«L- 322 9mnL Die Deutschen werden es ihm nicht vergessen, und die Geschichte des Weltkrieges wird einmal seinen Namen auf die Zukunft bringen. Seine zweite Vaterstadt Kassel aber würde sich nichts vergeben, wenn sie diesem Helden, der dem Vaterland un ­ schätzbare Dienste geleistet, schon so oft dem Tode ins Antlitz geschaut und in der Ausübung seines gefahrvollen Berufes schon zehn Unfälle glücklich überstanden hat, diejenige Würde verleihen würde, mit der sie ihre besten Bürger zu ehren pflegt und wie sie die mutigen Führer des „U. 9" und der „Emden" in ihren dankbaren Heimatstädten er ­ fuhren. Wir aber entsenden dem braven Hessen ­ sohne unsere aufrichtigen Glückwünsche! P. H. Drei westfälische Töchter des Königs Jérôme: Melanie von Wietersheim, Jenny von Pappenheim, Pauline von Schönfeld. Von Joachim Kühn. (Fortsetzung.) III. Wer Diana von Pappenheim oder Jenny von Gustedt durch die Augen ihrer kritiklos idealisie ­ renden Biographin zu betrachten gelernt hat, wird sich durch die vorstehenden Ausführungen vielleicht veranlaßt finden, seinen Glauben an die historische Treue des Braunschen Buches ein wenig zu modi ­ fizieren. Diese Modifikation wird zweifellos noch gründlicher werden, wenn wir nun die geheimnis ­ volle Geschichte der Nonne Marie de la Croix (Pauline von Schönfeld) ein wenig unter die Lupe nehmen. Wie Lily Braun versichert, war Marie de la Croix Jennys rechte Schwester, eine zweite Tochter Diana von Pappenheims und des Westfalenkönigs. Zum Beweis führt sie einen Brief Maries an Jenny an, in dem es u. a. heißt: „Damals, 1813, brachte der König — genötigt, sein Reich zu ver ­ lassen — noch die geliebte hochschwangere Frau nach dem Schloß Schörsield, wo ich geboren wurde und dessen Namen ich trage. Da Mama genötigt war, in Deutschland zu bleiben, und mich nicht mit sich nehmen konnte, denn Herr von Pappenheim war schon seit langem wahnsinnig und von ihr getrennt, vertraute sie mich ihrer besten Freundin (Madame Duperrö) an, nachdem sie ihren Schmuck und alle ihre Wertsachen verkauft hatte, um meine Existenz sicher zu stellen. In der Verzweiflung dieser Stunden, wo sie glaubte, als Buße für ihre Sünden alle Bande zwischen sich und dem König zerreißen zu müssen, folgte sie dem Rat der Freun ­ din und teilte ihm mit, ich sei gestorben. Mme. Duperrö sagte mir, daß sie in ihrem Leben nichts so bitter bereut habe, wie diesen Rat, den sie er ­ teilte, denn des Königs damals tief verwundetes Herz litt nicht nur sehr unter der Nachricht, es wäre für ihn eine Freude gewesen, für mich sorgen zu können. . . Wir beide sind die einzigen Kinder aus dem Liebesbunde zwischen unserer Mutter und dem König. . . Immer wieder hat sie in ihrem Briefwechsel mit mir von unserer Herkunft erzählt und mir das Versprechen abgenommen, Dir nichts davon zu sagen. „Im Augenblick aber", so schrieb sie mir, „wo die Verhältnisse Dir eine Begegnung mit Deinem Vater gestatten werden, was so lange unmöglich ist, als er un Exil lebt, und wo er Dir von Deiner Schwester spricht, soll es Deine Auf ­ gabe sein, Jenny aufzuklären und sie in meinem Namen zu bitten, all die Liebe und Zärtlichkeit, die ein Kind seinem Vater schuldig ist, ihm ent ­ gegen zu bringen und ihn nicht des Glückes zu berauben, der Zuneigung seiner Tochter sicher sein zu dürfen." Dieser Brief, liebste Schwester, aus dem ich Dir diese Zeilen abschreibe, ist der einzige, den ich noch von unserer Mutter besitze — auf ihren Wunsch mußte ich ihre Briefe vernichten — aber dieser eine genügt auch, um alle Deine Zweifel zu beseitigen. Nachdem er seine Aufgabe erfüllt hat, will ich auch ihn verbrennen. . ." 17 ) Wie erwähnt, versichert Lily Braun, diese höchst romantischen* Angaben aus einem Schreiben zu schöpfen, das Pauline „ein Vierteljahrhundert" nach ihrer Geburt (also 1838; gemeint ist aber 1848!) an ihre „ferne deutsche Schwester" gerichtet hätte. Wäre dieses Schreiben echt, würde sich natürlich jeder Zweifel an den geschilderten Vorgängen von selbst erledigen. Der Brief ist aber apokryph, erwähnt doch die Biographin Jennys auf Seite 256 ganz beiläufig, daß der erste Brief der Nonne an ihre Großmutter mit der Mitteilung, wessen Töchter sie beide wären, nicht erhalten sei. Sämtliche darin vorgebrachten Einzelheiten sind also erfunden. Das heißt doch die Pietät etwas weit treiben und dichterischen Fiktionen eine etwas ungewöhnliche Autorität verleihen! Denn in Wirklichkeit sind Jenny und Pauline gar keine Schwestern. Sie hatten nur einen gemeinsamen Vater, Jêrâme. Die Mutter der Nonne Marie de la Croix war aber nicht Diana von Pappenheim, sondern die Prinzessin Ernestine Louise Karoline Frie ­ derike von Löwenstein-Wertheim. Ernestine war am 24. Juni 1784 als Tochter des Grafen Friedrich von Pückler und Limpurg i?) Lily Braun, Im Schatten der Titanen, S. 44—46.