vmtL, 313 smtb Pflege, die uns sowohl in Belgien, wie ganz besonders aber in unseren deutschen Krankenhäusern zuteil geworden ist, soweit, daß wir bald zur Schwadron zurückkönnen. Als Ergebnis unserer Aufklärung konnten wir melden, daß Longwy be ­ setzt sei, daß die dortigen Truppen anscheinend aber keine Anstalten machen wollten, uns in Arlon zu belästigen. Als am Abend eine neue Patrouille vorgeschickt wurde, meldeten sich alle Mann von der Patrouille, die mit heiler Haut davon ge ­ kommen waren. Einstimmig waren wir der An ­ sicht, daß von einer französischen Patrouille, die unseren Infanteristen in die Finger gekommen wäre, keiner die Schwadron wiedergesehen hätte. ^4» Gefangenenlager und Weltgeschichte. Plauderei von Paul Heidelbach. Unweit Niederzwehren erhebt sich seit einigen Wochen ein für 20000 Kriegsgefangene bestimmtes und zurzeit etwa 9000 gefangene Franzosen, Bel ­ gier, Engländer und Russen umfassendes Baracken ­ lager. Niederzwehren ist der Mitwelt mehr noch als „kurhessische Bratwurstzentrale" denn als der einstige Wohnort der „Märchenfrau" der Brüder Grimm bekannt, der diese die schönsten Märchen des zweiten Märchenbandes verdanken, und einen Büchsenschuß weiter, wenige Minuten vom Baracken ­ lager entfernt, liegt die „Knallhütte", in der diese prächtige Frau, Dorothea Viehmann, anno 1755 als Tochter des dortigen Wirtes und Geschirr ­ halters Johann Isaak Pierson das Licht der Welt erblickte. Ihre Voreltern gehörten einer in Metz ansässig gewesenen Hugenottenfamilie an, und Llonsieur DisrZOn sah in seinem an der historischen Frankfurter Landstraße gelegenen Wirtshaus „zum grünen Baum" röährend des siebenjährigen Krieges auch manche französische Soldaten in seiner Gast ­ stube. Aber nicht von der Grimmschen Märchenfran soll hier die Rede sein, sondern von den zahl ­ reichen geschichtlichen Beziehungen dieser Gegend. Der Zufall konnte den hier in der Mehrzahl vor ­ handenen kriegsgefangenen Rothosen kaum eine Unterkunftsstätte zuweisen, die geeigneter wäre, sie Rückblicke in die eigene Geschichte tun zu lassen. Verweilen wir noch einen Augenblick bei der Knall ­ hütte. Ihr Name bleibt in der Geschichte dauernd verbunden mit einer der ersten deutschen Aufstands ­ bewegungen gegen die Napoleonische Fremdherr ­ schaft. Der hessische Aufstandsversuch vom Jahre 1809 unter dem Freiherrn von Dörnberg und dem Friedensrichter Martin bildete einen wesentlichen Teil der über ganz Deutschland verzweigten Ver ­ schwörung zur Befreiung von der französischen Herrschaft.*) Am Abend des 22. April setzten sich die in Homberg und anderen hessischen Orten gesammelten Abteilungen der Aufständischen unter dem Sturmläuten der Dorfglocken gegen Kassel in Bewegung, wo zunächst König Jörome von West ­ falen mit seinen Generälen gefangen genommen und ins Kastell gesetzt werden sollte. Nachdem sie die ganze Nacht hindurH marschiert waren, erhielten sie in der Gegend der Knallhütte plötz ­ lich Feuer, da ihnen noch in der Nacht von Kassel *) *) Vgl. Woringer im „Hessenland" 1909, S. 263Jf. aus General Rewbell mit zwei Kompagnien der Jägergarde, etwas Artillerie und einer Abteilung der Chevaulegersgarde entgegengerückt war. Der Aufstand der „blinden Hessen", die ihre blinde heldenmütige Tapferkeit auch gegenwärtig, schon bei Lüttich wieder, bewiesen haben, wurde zurück ­ geschlagen. Das Volk aber nennt das Piersonsche Gasthaus unweit des jetzigen Gefangenenlagers aus dem Keilsberg noch heute in Erinnerung an diesen Kampf der Aufständischen die Knallhütte, eine Bezeichnung, die sie in Wirklichkeit schon lange vor diesem Gefecht führte und zwar wegen ihres bretternen Tanzbodens, da man im Volksmunde das derb auftretende Tanzen mit „Knallen" be ­ zeichnet. Richten die Franzosen von der jetzigen Stätte ihrer unfreiwilligen Muße den Blick nach Nord ­ westen, so haben sie, kaum eine Stunde entfernt, den langgestreckten Kamm des Habichtswaldes vor sich, der von dem gigantischen Oktogon mit seiner Herkulesstatue gekrönt wird. Die 550 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Plattform des Oktogons war 1761 der Schauplatz eines Scharmützels, au das sich zu erinnern gerade jetzt nicht uninteressant ist. Die Verbündeten hatten am Herkules einen Posten von 120 Bergschotten aufgestellt, den die Franzosen durch 400 Freiwillige angreifen ließen. In vier Abteilungen stürmten diese mit auf ­ gepflanztem Bajonett die Kaskadentreppen hinauf unter lebhaftem Feuer der im Oktogon aufgestellten Schotten. Diese flüchteten auf die geräumige Platt ­ form und eröffneten unter dem Schutz der steinernen Balustrade, deren Steine sie schließlich aus der Brüstung brachen und auf die Anklimmenden hinab ­ schleuderten, nochmals ein heftiges Feuer, unter ­ lagen aber schließlich der vierfachen Übermacht; der kommandierende Hauptmann und einige zwan ­ zig Soldaten blieben tot auf dem Platze, der Rest wurde gefangen. Sollten die im Barackenlager befindlichen „proks88sur8" von dieser Episode wissen, sie hätten reizvollen Gesprächsstoff mit den mit ihnen unter gleichem Zelte wohnenden, Ballettröckchen tragenden Bundesgenossen von jen ­ seits des Kanals. Man schlägt und verträgt sich, je nach dem jeweiligen vermeintlichen Vorteil — das ist der Lauf der Welt. Die geschichtlichen Erinnerungen, die der Franz- mann hier an Ort und Stelle auffrischen kann, sind aber damit noch lange nicht erschöpft. An