9*êlL> 307 tmL Drei westfälische Töchter des Königs Jérôme: Melanie von Metersheim, Jenny von Pappenheim, Pauline von Schönfeld. Von Joachim Kühn. (Fortsetzung.) Daß sich die schöne Frau in ihrer Taktik nicht verrechnet hatte, sollte sich bald genug Heraus ­ stellen. Jérôme vermochte sich nicht länger zu beherrschen: um sàen Qualen à Ende zu machen, gewährte er der Angcketeten alles, was sie wünschte. Am 15. Januar 1811 wurde Pappenheim Komman ­ deur des Ordens von der westfälischen Krone. Fast genau neun Monate später, am 7. September 1811, gab seine Frau auf Stammen einer Tochter das Leben.. Am 30. November wurde Pappenheim zum Lohn für seine Gefälligkeit in den Grafen ­ stand erhoben. Wer Augen hatte zu sehen, der sah. Und nun erkannte auch Pappenheim, daß ihn sein Ehrgeiz zu weit getrieben, daß die Grafen ­ krone nicht wert war, was er dafür geopfert. Er wurde einsilbig,'trübe, zog sich vom Hofe zurück. Endlich brach er zusammen. Am 30. Juni 1812 schrieb Reinhard an Napoleon: „Der erste Kammer ­ herr des Königs, Herr Graf von Pappenheim, ist seit einigen Wochen von einer Geistesstörung ergriffen worden, die nach einigen Wutanfällen eine an Verblödung grenzende Niedergeschlagenheit herbeigeführt hat. Er ist nach Paris gebracht worden. Seine Frau ist nach einem Gut ihres Vaters im Departement Niederrhein abgereist. Von der einen Seite wird die Erkrankung des Herrn von Pappenheim auf physische, von der andern auf moralische Ursachen zurückgeführt. Viel Geist hatte er nie; doch scheint er in strengen Prinzipien erzogen wordxn zu sein, von denen er, wie es heißt, nur abgewichen ist, um die Großkammerherrn ­ würde zu erlangen — ein Ehrgeiz, der ihn zur Duldung gewisser seine Frau betreffenden Ab ­ machungen bestimmt hat."*") Und am 4. Sep ­ tember 1812 setzte Reinhard hinzu: „Der Graf von Pappenheim hat in Paris mehrere Schlag ­ anfälle erlitten, die seine baldige Erlösung erhoffen lassen. Daß Frau von Pappenheim an den west ­ fälischen Hof zurückkehrt, wird für wenig wahr ­ scheinlich gehalten. Herr von Waldner, wird ver ­ sichert, widersetzt sich dieser Absicht." n ) In der Tat scheint Diana nach der Katastrophe ihres Gemahls nicht mehr nach Kassel zurückgekehrt 10 ) Du Sasse a. a. O., S. 403. u ) Du Sasse a. a. O., S. 423. Dadurch wird die von Lily Braun betonte Nottz Reinhards vom 26. August 1812 (Du Sasse, S. 422), Diana sei nach Kassel zurück ­ gekehrt und in der leerstehenden Wohnung des Groß- marschalls Grafen Wellingerode abgestiegen, von selbst widerlegt. zu sein? 2 ) Ob sie Pappenheim noch einmal ge ­ sehen hat, ehe er am 3. Januar 1815 verschied, ist nicht bekannt. Fest steht nur, daß sie sich nach seinem Tode in Weimar niederließ; wo sich ihre Schwester Isabelle an den General von Egloffstein vermählt hatte und alte Beziehungen aus der Jugend lebendig geblieben waren. 1817 heiratete sie dort in zweiter Ehe den Wirklichen Geheimen Rat und Staatsminister Ernst Christian August von Gersdorff. In seinem Haus wurde das Kind groß, das sie wieder und wieder an ihre Schuld erinnern mußte: Jenny Katharina Rabe von Pappenheim. Wie diese Tochter Jsromes unter den Augen Goethes heranwuchs, wie sie mit den Prinzessinnen Marie und Augusta — der späteren ersten deutschen Kaiserin —am Stern spielte, wie sie 1822 in eine Straßburger Pension kam, wie sie in der Familie des Freiherrn Karl von Dürckheim verkehrte und mit dem Baron — Lilis Sohn — die Vogesen durchstreifte, wie sie im November 1826 nach Weimar zurückkehrte und im kosmopolitischen Schöngeister ­ kreise Ottilie von Goethes eine Rolle zu spielen begann, das alles darf als bekannt vorausgesetzt werden. Nachgetragen und betont sei nur, daß ihr das Geheimnis ihrer Geburt bei ihrer Intelligenz kaum so lange verborgen geblieben sein kann, wie Lily Braun annimmt; geht doch aus Notizblättern, die in Barnhagen von Enses fast nie versagenden Kollektaneen liegen, mit aller Deutlichkeit hervor, daß ihre Herkunft bereits in den dreißiger Jahren allgemein bekannt war. „Daß Hieronymus Bona ­ parte ihr Vater war, wurde von niemandem be ­ zweifelt, der am westfälischen Hofe gelebt", schreibt der berühmte Publizist auf einem Zettel, „die Mutter selbst Lestand es mittelbar ein, und die Ähnlichkeit sprach es laut aus. In der Schule nannten die Mitschüler die kleine Jenny den kleinen westfälischen Taler, und sie fragte zu Hause ganz unschuldig die Mutter, warum sie das täten?" Jawohl, die Ähnlichkeit sprach es laut aus. Alex ­ ander von Sternberg, der viel im Gersdorffschcn Hause verkehrte, porträtiert in seinen leider so wenig gelesenen — bereits 1855 erschienenen — „Erinnerungsblättern" Jenny mit folgenden Wor- - 12 12 ) Reinhard nennt zwar unter den Damen, die der Kömgin Anfang März 1813 nach Paris folgten, auch Frau von Pappenheim, seine Meldung ist aber offen ­ bar irrig, denn unter den in Frankreich angekommenen westfälischen Hofdamen wird Diana nicht aufgeführt.