35 S«8L> Verpflichtungen hatte die Muuizipalkasse inner ­ halb wie außerhalb der Kommune. Zu einem guten Teil waren es ganz dieselben, die schon die Gemeindekasse hessischer Zeit gehabt hatte. Unter anderem enthält das Rechnungsformular einen Ausgabe-Titel „Zum Behuf der Feuer-Geräth- schaften" Ehedem war hier nur von der Spritze, ledernen Eimern und verwandten Dingen die Rede. 1812 aber können wir hier einen Akt west ­ fälischer Staatspädagogik bewundern. Wir lesen nämlich: „Dem N.N, Douceur, weil er bei einer hier ausgebrochenen Feuersbrunst der erste mit dem Pferd bei der Spritze zum Anspannen war." Wie diese Freigebigkeit am rechten Platze, so macht auch die erhöhte Sorge für das Sanitätswesen einen günstigen Eindruck. Die Munizipalkasse übernahm die Einziehung und Ablieferung des Physikats- oder Doktorgroschens, wozu jedes Fa ­ milienoberhaupt einen guten Groschen beizusteuern hatte. Und nicht genug damit. Sie sorgte auch für ärztliche Instrumente. Schaffte sie doch einen Troisquart nebst einer Anweisung vom Herrn Pro ­ fessor Busch zum Preise von 26 Alb. 8 Hlr an. Diese und andere Vorzüge der westfälischen Ver ­ waltung werden aber reichlich ausgewogen durch ihre Nachteile und Schäden. Es ist eine Kleinig ­ keit, macht aber doch einen entschieden ungünstigen Eindruck, wenn die Munizipalkasse wiederholt zu einem „Douceur" für Bediente und Schreiber höherer Beamten herhalten muß. In jeder Rech ­ nung erinnert der Ausgabe-Titel „Interessen von erborgten Kapitalien" mit seiner bis zu 70 Talern steigenden Zinssuiume an die schwere Schuldenlast, die der Gemeinde durch den französischen Eroberer aufgebürdet war. Daneben brachen die Leistungen für außerkommunalc Zwecke garnicht ab. Das Jahr 1809 brachte eine Ausgabe von 30 Talern für Kriegsfuhren und von 18 Talern Beitrag zur Lieferung ins Kriegsmagazin. 1810 mußten zur „AuSründung des Anlehns-KapitalS" noch einmal 27 Taler und an militärischen VerpfleguugSkosten 13 Taler hergegeben werden. 1811 wurden 27 Tlr zu Arrestanten- und Kriegsfuhren und 28^, Taler Zuschuß zur Grundsteuer von Gemeiuds wegen bezahlt. (Fortsetzung folgt.) Helix Blangini, König Jérômes Generalmusikdirektor. Von vr. Philipp Losch. (Fortsetzung.) Jeromes Gemahlin, die Königin Catharina, war gleichfalls dem Hoskapellmeister wohlgesinnt.' Sie nahm Musikstunden bei ihm, was zur Folge hatte, daß eine ganze Reihe von Damen der Hof ­ gesellschaft ihrem Beispiele folgten. Bei den Lek ­ tionen der Königin mußte gewissermaßen als Ehren ­ wächter ein Page zugegen sein, und in den Kreisen dieser jungen Leute erzählte man sich, daß der Lehrer beim Vortrag von Duetten sich angemaßt habe, die Königin als Gegenstand seiner Zärtlich ­ keit nicht undeutlich zur markieren. Als die Köni ­ gin nach Ems ins Bad reiste, mußte Blangini sie begleiten.^) Hier machte sie angeblich den Versuch, den Italiener unter die Haube zu bringen, mit einer sehr vornehmen, reichen Dame, die gut Harfe spielte. Blangini erzählt, er habe dies An ­ sinnen abgelehnt, wegen der Häßlichkeit der Dame, die einen Buckel gehabt habe. Nach Zinserlings Darstellung ^) klingt die Geschichte anders. Danach hat gerade Blangini selbst sich sehr eifrig um die Hand der bewußten Dame, der Tochter eines vor- * 17 16) Oettinger macht in seinem Roman daraus eine Reise nach Scheveninaen, auf der es zu einem regelrechten Liebesverhältnis zwischen der Königin und Bl. kommt. 17 ) Westfälische Denkwürdigkeiten 143. nehmen Staatsbeamten, bemüht, der König habe aber die Mesalliance verhindert. Wie jeder Komponist hatte auch Blangini den Ehrgeiz, in Kassel seine eigenen Werke zur Geltung zu bringen. Seine Opern, mehr als 30 an der Zahl, sind jetzt längst vergessen, aber das lyrische Element ihrer süßlichen, einschmeichelnden Melo ­ dien entsprach dem damals herrschenden Geschmack des Publikums. Die erste Oper, die er in Kassel aufführen ließ, „Le Sacrifice d’Abraham“, hatte er noch in Paris komponiert. Nach der Vorstellung sandte ihm Jérôme eine Rolle mit 100 Napoleons. Blanginis zweite Oper „Le Naufrage comique“ nach dem Libretto des Kasseler Theatersekretärs B é r a r b 18 ) hatte einen Mißerfolg wegen ihres Inhalts, der sowohl bei den Schauspielern wie bei den zahlreichen französischen Glücksrittern in Kassel An ­ stoß erregte. Es handelte sich darin um einen Schiff ­ bruch einer Bühnentruppe, die aus einer Insel landete, deren Gouverneur angesichts des Flitterstaats in 18) Dieser Bêrard war die rechte Hand des damaligen Theaterintendanten Bercagny, dem er auch bei der Ab ­ fassung der Theaterkritiken im Moniteur behilflich war. Nach der Restauration wurde er in Paris Theater ­ direktor des Vaudeville und des Théâtre des Nou ­ veautés.