34 §^6 Besoldung freiwillig Verzicht leistete. Oder hatte er trotz des Schweigens unserer Rechnungen reichlich zu tun? Darauf ließe der Umstand schließen, daß ihn: noch ein Gehilfe beigeordnet war, der (seines Zeichens ein biederer Schmiedemeister) sich als àire-Adjunkt, einmal sogar ganz korrekt französisch als Maire-Ackjoint bezeichnet. Neben dem Naire und seinem Adjoint stand dann noch der Munizipal ­ rat, ein Kollegium, das die Interessen der Communs zu wahren hatte. Zum Glück haben wir noch zwei Denkmäler seiner Tätigkeit unter den Belegen von 1309. Das eine ist ein Schriftstück mit der Auf ­ schrift „Monita zur Ottrauer Gemeinds-Rechnung vom Jahr 1809" und das andere ist ein Erhebe ­ register über die Physikats-Groschen von 1808—09. Der Munizipalrat hatte demnach u. a. die Gemeinde- Rechnung, ehe sie an den Unterpräsekten nach Hers- seld abging, einer Vorrevision zu unterziehen und die Erhebung des Physikatsgroschens in die Wege zu leiten. Unbemittelte durfte er von dieser Abgabe befreien. Daher lesen wir am Schlüsse des genann ­ ten Erhebe-Registers die Bemerkung. „Von vor ­ stehend Verzeichneten vebenten will der Munizi- zipal-Rath frey laßen", worauf dann neun Namen folgen. Wieviel Mitglieder das Kollegium zählte, läßt sich nicht genau angeben. Das Erhebe-Register haben 5 Munizipal-Räte unterzeichnet, unter den Monita sind 6 Namen zu lesen, weitere hat eine neidische Maus gefressen. Das waren die Männer, die die Oommnne Ott- rau regierten. Und wie stand es um die Geld ­ mittel der Oommune? Sie flössen in der „Munizi ­ palkasse" zusammen und kamen zum größten Teil aus denselben Quellen wie in hessischer Zeit. U. a. also auch aus dem Verkauf abgängiger Inventar- stücke. So vereinnahmte man 1809 für das ver ­ kaufte Trillhaus 21 Alb. 4 Hlr., für den Schand- psahl 1 Alb. und für das Eisen davon 3 Alb. Dieser Verkauf hatte gewiß mehr als finanzielle Bedeutung. Er bedeutete zugleich den Bruch mit einem Justizverfahren, das die aufgeNärten Männer dk!s Königreichs Westfalen wohl zu mittelalterlich dünkte. Was es mit dem Schandpfahl auf sich hatte, ist allgemein bekannt. Mit dem Tritt- oder Trillerhause hatte es eine ähnliche Bewandtnis. Wie Vilmars Idiotikon vermeldet, war es ein drehbares Gitterbehältnis, in das Frevler einge ­ sperrt und mit dem sie herumgedreht (getrillert) wurden. Nach dem Reglement vom 27 September 1740 (Landes-Ordnnngen IV, 715) war das Trill ­ haus die in Althessen für die Waldfrevler fest ­ gesetzte Strafe. Dies Stück Mittelalter wurde also 1809 als Brennholz verkauft. Aber im Gedächtnis des Volkes lebte es noch lange Zeit weiter. Denn wie mir ein alter Mann erzählt hat, bekam er in den 40 er Jahren des vorigen Jahrhunderts aus seiner Mutter Mund noch oft die Drohung zu hören Wenn du nicht gehorchst, kommst du ins Trillhaus! Neben den altbewährten Einnahmequellen wie Verkäufen und Verpachtungen, Umlagen und An ­ leihen erschlossen sich der Munizipalkasse auch einige neue. Da begegnen wir z. B. einer Vergnügungs ­ steuer. 1809 sind eingenommen 13 Alb. 4 Hlr Stimmgeld von der Kirchmes anzuspielen, 1 Tlr. 24 Alb. von der Kirchmes selbsten, 2 Alb. 8 Hlr. von einem Bettelmusikant. Ähnliche Beträge sind im folgenden Jahre gebucht, 1812 aber nur 2 Alb. 8 Hlr. Stimmgeld und 5 Alb. von der Fastnacht. Die Ottrauer Bauern empfanden offenbar die Not jener Zeit nicht so schwer, daß ihnen darüber die Fastnachts- und Kirmeslust vergangen wäre! So geldklamm auch die Zeit war und soviel Kontri ­ butionen und Gemeindeumlagen es auch kostete, für die Kirmes ließen sie dennoch gern den letzten Groschen springen. Mit weniger angenehmen Ge ­ fühlen mögen die Polizei-Strafgelder bezahlt sein, die wir aus den Rechnungen als eine Hauptein ­ nahmequelle der Munizipalkasse kennen lernen. Sie ertrugen 1809: 67 francs 23 Centimes, 1810; 60 francs 50 Centimes, 1811 29 Tlr. 13 Alb. 8 Hlr. und 1812 50 francs oder „in Hessen-Münze" 13 Tlr. 8 Hlr. Nach den zugehörigen Belegen handelte es sich meist um Bußen für Feldfrevel und Beleidigungen. Eine Art Strafgeld möchte man auch vermuten, wenn man unter der Ein ­ nahme „Insgemein" 1809 den Eintrag liest „Das Einkommen der Sperlingsköpfen 1 Tlr. 16 Alb. 4 Hlr." Im Jahre daraus heißt es nämlich an derselben Stelle „Für nicht gelieferte Spatzen ­ köpfe 1 Tlr 26 Alb. 7 Hlr.", wozu der Unter ­ präfekt moniert „Über die Sperlingsköpfe hätte ein Verzeichnis beigefügt werden müssen." Hatte etwa Jßrüme in seiner landesväterlichen Weis ­ heit und Fürsorge einen Feldzug gegen die Spatzen ausgeschrieben, und mußte etwa jeder, der nicht die festgesetzte Anzahl Sperlingsköpfe vorlegen konnte, eine gewisse Geldabgabe an die Munizipal ­ kasse leisten? Endlich sei noch der Einnahme ge ­ dacht, die die Munizipalkasse aus den Zinsab ­ schnitten der im Jahre 1807 gezwungenermaßen gekauften landständischen Obligationen hatte. In den ersten Jahren ging wirklich der volle Betrag der Zinsen ein. Im Jahre 1812 aber sanken diese Obligationen auf ein Drittel ihres Stammwertes. Wie nämlich die Rechnung dieses Jahres trüb ­ selig bemerkt, sind die Kapitalien vom zweiten halben Jahr 1812 an auf ein Drittel reduziert. Die Kommune war also um zwei Drittel des Kapitals und der Zinsen betrogen.