10 flüchtigen Buchstaben bekritzelt. Einzelne Blätter hatte er herausgerissen. Was er damals schrieb - das waren Verse, törichte Verse und Briese - Pax, der alte Korpsdiener, mußte sie immer besorgen. Donner nicht nochmal — da war doch irgendeine Erinnerung — aber er konnte sich nicht darauf besinnen - - Er blätterte in einem der dünnen Hefte. Hier und da auf den vergilbten Blättern standen die Namen von Kommilitonen und Freunden. Flüchtige Zeichnungen Spitznamen und Karikaturen. Die ganze alte Zeit war wieder vor ihm auf ­ gestanden. Jene herrlichen, sorglosen Tage! Seine Jugend - sie trug ein rotschwarzgoldenes Band um die Brust und eine rote Mütze über der kecken Stirn. — „Johann Senger — “ Wer war das doch? Ach er erinnerte sich' Was mag wohl aus dem ge ­ worden sein? Und hier - „Domlöckchen" Hier nochmal - - ganz vergessen! - Und da - wahrhaftig, das ist der Professor Wenck* Wie nannten sie ihn doch? „Perkeo - “ Nichtig. Was hatten sie den Alten als geärgert. Er lächelte in Gedanken an all' die Streiche, die sie damals vollführt. Und das „Wie wütend war ich, als mir Heinz Brettner das Tintenfaß über die Seite goß gerade über ein paar schmerzensselige Nenne f Tot! - Wie lange ist es her, daß er starb? — Wie flott war er — so jung hat der schon sterben müssen! “ Hier hatte er Zirkel an den Nand gezeichnet mit flotter Hand. Tiburtius lehnte sich im Stuhl zurück, seine Augen schweiften hinaus. Halblaut summte er das Lied vom „Wirtshaus an der Lahn “ vor sich hin. — Das Heft entglitt seiner Hand und fiel auf den Boden. Die Seilen blätterten um. - Er nahm es wieder auf. Da fiel sein Blick ans einen Namen, der quer über die Seite hin- gekritzelt war. „Sophie — “ Halbunbewußt formten seine Lippen den Namen. — — Ein heftiger Windstoß weht ganze Wolken Schnee gegen das Fenster - im Nebenzimmer zündet seine Frau den Tannenbaum an. Draußen in den Gassen pufften schon die ersten Schwärmer — aus den Kneipen scholl Lärm. „Sophie - “ Er lehnte sinnend den Kopf in die Hand und blickte lange hinaus. Die Augen wurden ihm feucht — eine Träne fiel auf das Heft in seiner Hand. Ein einziger heißer Tropfen Iugendträume — wo sind sie hin ? Versehnt — verloren. Es ist alles anders gekommen. Sophie! Gb sie mich vergessen hat - ob sie wohl glück ­ lich ist? Nun kommt die Erinnerung wieder — Stück für Stück. Wie weiß er heute noch alles. Unten an der Lahn am alten Wirtshaus war es. - Eilig gehen die buntgekleideten, flinken Hesfenmädchen nach der Gisselberger Landstraße hinunter, die leeren Marktkörbe auf dem Kopfe. Am Hoftor steht der Wirtssohn — einen blühenden Lindenbüschel zwischen den Zähnen. Er wartet auf das Annlies vom Nauschenberger Müller, das in Giffelberg dient - die ist sein Schatz. Jetzt kommt sie schon, lustig wippen die vielen Nöcke. Drüben auf der andern Seite der Straße steht ein Student am Gartenzaun, das war Wilhelm Tiburtius. Nicht lange, so kam auch die Sophie - sie trug eine Bluse aus nelkenroter Seide — er erinnerte sich noch deutlich daran. Und dann gingen sie hinaus, durch die Felder nach Cappel — oder über die Brücke nach dem Hochgericht und zu den Hansenhäusern hinauf. — Er hatte die Sophie geliebt — heiß und leiden ­ schaftlich — und dann machte er das Examen — ging fort von Marburg - und dann — ja, dann hat er sie vergessen. Einmal hat er noch durch seinen Freund von ihr gehört. Den langen Gervinus von den Philippinen hat sie geheiratet. Der war ihr damals schon nachgestiegen. Von ihm hatte Tiburtius auch die steile Guart abbekommen, die er ihm in seiner barbarischen Eifersucht hinaufgehauen. Und so ist die Zeit dahingegangen - sie hat alle Erinnerungen aufgezehrt, bis jetzt der Sohn in Marburg bei seiner alten Burschenschaft war und auch seine heiße, verschwiegene Burschenliebe hatte - und das alte Lied auf dem Lautenband trug. - - „Es steht ein Wirtshaus an der Lahn — " Mitternacht schlägt es von allen Türmen. Draußen ist ein Schreien und Toben, als sei die Hölle losgelassen, dazwischen prasseln die Schwärmer, leuchtet Rot- und Grünfeuer von den Balkons, knallen die „Frösche" auf den Bürger- steigen. Tiburtius hob fein Glas — hell schwebte der Klang durch das Zimmer. Er reichte seinem Jungen die Hand. „Habe sie lieb — und vergiß sie nicht, Deine Burschenflamme da unten in dem kleinen Hessenstädtchen. Wie heißt sie denn?" Nach einigem Zögern nannte der den Namen: „Clara Gervinus."