261 «««£> bürg blieb Ruine und gab zwei Menschenaller später die Steine zum Bau der neuen Ge ­ mäldegalerie her. Unter seinem Sohne und Nachfolger Kurfürst Wilhelm II.» dem Schwager König Friedrich Wilhelms HI. von Preußen, hatte die Kasseler Residenz wenig Erfreu ­ liches zu erleben, und Hessens letzten Kur ­ fürsten Friedrich Wilhelm I. zwangen die Er ­ eignisse des Jahres 1866, sein Land für immer zn verlassen, das nunmehr als Teil der Pro ­ vinz Hessen-Nassau dem Königreich Preußen einverleibt wurde. Fragen wir nun, was Kassel dem Einheimi ­ schen und Fremden bietet, so ist es neben der unvergleichlichen Umgebung, den verschiedenen Hochwaldparks, der Galerie, dem Hofiheater, dem der Kaiser sein besonderes Interesse widmet, sowie den übrigen Kunst- und wissenschaftlichen Instituten nicht zuletzt die Altstadt mit ihren be ­ häbigen, in noch unverdorbener Hessenart errich ­ teten Bürgerhäusern, die in dieser Einheitlich ­ keit nur noch wenige Städte aufweisen können und die schon der vielgereiste Merian pries. Seitdem entstand seit der Hugenottenzeit über Barock. Rokoko und Biedermeier so manches beachtenswerte Bauwerk bis zu den: wuchtigen neuen Rathaus, in dem städtische Selbst ­ herrlichkeit eine sichtbare Verkörperung ge ­ funden hat. Die nun tausendjährige Fuldastadt, in der ein Philipp der Großmütige mannhaft zum Schwerte griff, in der ein Papin die ersten bahnbrechenden Versuche mit der Dampf ­ maschine und Goethe nebst dem Anatomen Sömmering Anno 1783 mit dem Luftballon anstellte, in der die von eben diesem Goethe besungene Mara, die größte Sängerin ihres Jahrhunderts, geboren wurde und Johannes von Müller starb und begraben liegt, in der Ernst Koch, der spätere Fremdenlegionär, seinen unvergänglichen „Prinz Rosa Stramin" dichtete, in der Louis Spohr wirkte und kompo ­ nierte und die Brüder Grimm ihre Märchen schrieben — dieses Kassel hat, wie diese wenigen Hinweise verraten, auch noch andere als bau ­ liche Erinnerungen. In den letzten Jahren hat die Residenz einen Auffchwung genommen, der demjenigen anderer gleichgearteter Großstädte unbedenk ­ lich zur Seite gestellt werden kann. Ungeachtet seiner Einwohnerzahl ist Kassel aber doch keine Großstadt im eigentlichen Sinne. Frei von Ruß und Rauch bietet es noch immer dem, der seine Zelte nicht gerade an den Haupt ­ adern des flutenden Verkehrs aufschlägt, eine Stätte der Ruhe und des Behagens. Daß Kassel zu den schönsten Städten des Deutschen Reiches gehört, ist überall zu lesen; der Ein ­ gesessene kann sich also darauf beschränken, dieses Lob seiner Vaterstadt den Fremdling künden zu lassen. Jahrhundert um Jahr ­ hundert wurde es von einsichtvollen und fein ­ sinnigen Baukünstlern nach einheitlichenPlänen angelegt, und Aufgabe der Gegenwart bleibt es, das organisch geschaffene Städtebild - mehr, als es leider in den letztön Fahren der Fall war — vor den brandenden Wogen der nivel ­ lierenden Neuzeit zu schützen. Die alte Stadt ist noch guter Hoffnung — der Hoffnung auf ein großes internationales Wellbad. Droben am Habichtswald, am Fuße der Wilhelmshöhe, die bisher neben ihrer Eigenschaft als kaiserliche Sömmerresidenz nur den berechtigten Anspruch machte, als Luft ­ kurort zu gelten, ist man seit fast einem Jahr ­ zehnt mit großen Mitteln daran, eine kohlen- saureKochsalzquelle zu erbohren. Nach mehreren Bohrungen an verschiedenen Stellen ist man in diesem Sommer bis etwa 750 Meter Tiefe gelangt. Sobald der erwünschte Erfolg erreicht ist — die Sole erfreut sich der günstigsten Gutachten geologischer Autoritäten —, soll sofort mit der Errichtung eines Solbades mit Kuranlagen begonnen werden. Wer also in den festlichen Septemberlagen dem Rufe: „Ab nach Kassel!" Folge leistet, wird sich innerhalb wie außerhalb des Kasseler Weichbildes — es sei nur noch an die auf ­ strebenden Gartenstädte rings um die Stadt erinnert — bald davon überzeugen können, daß die tausendjährige Chassalla auch der neu ­ zeitlichen Entwicklung Rechnung zu tragen weiß.