105 Es folgen ein handschriftliches Textbuch zu feiner 1827 komponierten Oper. „Pietro von Albano", deren Librettist sein durch die „Polenkinder" be ­ kannter Schwager Karl Pfeiffer ist, ferner noch folgende Musikmanuskripte 4. Trio für Piano ­ forte, für Violine und Violoncell 1846, dann das Originalmanuskript des Liedes „Bitte, bitte einen Blick", ein Kanon zu vier Stimmen für 2 Vio ­ linen, Viola und Violoncell und ein Entwurf zu einem Klarinettenkonzert in f moll, bei dem es sich offenbar um das ungedrnckte, bei Schletterer „Spohrs Werke" als 3. Konzert für Klarinette aufgeführte Werk handelt. Schöne Stücke sind auch zwei musikalische Stammbnchblätter von seiner Hand, eines (1858) 9 Takte aus der Ouvertüre zu „Jessonda" und das andere (1857) die voll ­ ständige Komposition des Liedes von Walther v. d. Vogelweide „Die verschwiegene Nachtigall" ent ­ haltend. Außerdem wird eine Sammlung von 68 Originalbriefen von Spohrs Hand gebracht, aus den Jahren 1807 — 1859, die — zumeist an bedeutende Künstler und Kunstverleger gerichtet — gewissermaßen eine Ergänzung zu seiner Biographie darstellen und für die Geschichte der deutschen Oper des 19. Jahrhunderts von größter Bedeutung sind. Das prächtigste Stück, gerade jetzt im Jahre der Jahrhunderterinnerungen von besonderem In ­ teresse, ist aber ein Originalmanuskript mit dem Titel: „Das befreyte Deutschland. Cantate von Caroline Eichler, in Musik gesetzt von L. Spohr. Wien im Winter 1814." Es ist dies die eben ­ falls noch ungedruckte Partitur dieser Kantate, die er für eine große Musikaufführung bei der Rückkehr des Kaisers von Österreich aus den Freiheitskriegen „in dritthalb Monaten, vom Januar bis Mitte März 1814 bei allen meinen übrigen vielen Arbeiten", wie er in seiner Biographie schreibt, komponierte. Wäre es nicht eine Pflicht der Dankbarkeit gegen den großen Meister, sie in diesem Jahre seinen Kasseler Verehrern zu Ohren zu bringen? Möchten sich doch offene Hände finden, die solche kostbaren Schätze für unsere Heimat erhalten' -Q-«- Vom Kasseler Hostheater. Zur Hebbelfeier hat uns daS Hoftheater des Dichters „Gyges und sein Ring" beschert. Es war jammervoll leer im Zuschauerraum. Die große deutsche Hebbelgemeinde scheint in Kassel nicht viele Mitglieder zu zählen. DaS ist beschämend — aber nicht für Hebbel. Gewiß, in des Dichters Schöpfungen ist etwas, das sie hindert. Gemein ­ gut der Nation zu werden. DaS Zergrübelte und Kon ­ struierte wirkt erkältend und fremdartig. Wenn er Regungen und Gefühle bis in die äußersten Verästelungen abtastet, gemahnt es uns bisweilen an ein anatomisches Präparat, das Sehnen und Nerven in in ihrem ganzen Verlaus bloßlegt. Seinem tief düstern Weltgefühl, wie wir es in seinen Dramen empfinden, hat er in einem Briefe Ausdruck gegeben, der uns ein Schlüssel ist zu manchem Unverständ ­ lichen. „Glauben Sie mir. all das Finstre, was durch meine Arbeit hindurchgeht, ist nicht Resultat meines in ­ dividuellen Lebens- und Entwicklungsganges, es sind keine persönlichen Verstimmungen, die ich ausspreche, es find Anschauungen, aus denen allein die tragische Kunst wie eine fremdartige Blume aus dem Nachtschatten hervor- wächst. Ein tragischer Dichter selbst der glücklichste, Sophokles, nicht ausgenommen hat nie andere gehabt; denn wenn die epische und die lyrische Poesie auch hin und wieder mit den bunten Blasen der Erscheinung spielen dürfen, so hat die dramatische durchaus die Grund ­ verhältnisse. innerhalb deren alles vereinzelte Dasein entsteht und vergeht, ins Auge zu fassen, und die sind bei dem beschränkten Gesichtskreis des Menschen grauenhaft. Das Leben ist eine furchtbare Notwendigkeit, die auf Treu und Glauben angenommen werden muß. die aber keiner begreift, und die tragische Kunst, die. indem sie das individuelle Leben der Idee gegenüber vernichtet, sich zugleich darüber erhebt, ist der leuchtendste Blitz des menschlichen Bewußtseins, der aber freilich nichts erhellen kann, was er nicht zugleich verzehrt. . " Er konnte den Schillerschen .Wallenstein" für völlig ideenlos erNären und das Problem dieser Tragödie in dem Mißverhältnis zwischen der be ­ i stehenden Staatsform und dem darüber hinausgewachsenen Individuum finden. Er konnte allen Ernstes die Lösung des Konflikts im „Wallenstein" „nur durch eine dem großen Individuum aufdämmernde höhere Staalsform" fordern. Was allgemein menschlich in Schillers Helden ist und in seinem Konflikt, was uns empfinden läßt, daß hier ewig Wiederkehrendes behandelt wird, lag seinem Verständnis fern. Es liegt gleich fern seiner Kunstauffassung. Darum die Wahl entlegenster Stoffe, in denen er seine Ideen kon ­ struieren kann. Daher das erkältende Furchtgefühl, das . uns bleibt, und der Mangel an Erhebung. In „Gyges" will es uns nicht gelingen. Rhodopens gesteigertes Schamgefühl, das sie zur Tötung ihres Gatten und zum Selbstmord treibt, innerlich mit zu erleben. Die fremde Kultur, in der die Heldin aufgewachsen ist. soll uns ihr Fühlen verständlich machen. Aber der Fall Rhodope bleibt uns die sorgsam konstruierte abstrakte Idee, die um so unglaublicher wirkt, als die Liebe Rho ­ dopens zu Kandaules sehr gemäßigter Art ist. Daß sie des Gatten Tod nicht mehr erregt, könnte erklärt nicht entschuldigt werden durch die Absicht des Selbstmords. Dem bewußt dicht am Grabe stehenden mag Anderer Tod gleichgiltig sein. Uns aber fügt dieser Gleichmut einen Flecken in das Bild. Trotz alledem ist das Drama Hebbels Meisterwerk. Diese tragische Höbe ward von ihm nicht wieder erstiegen. Anlage und Durchführung sind mit genialer Hand geformt, die Zeichnung der Personen in den verschiedenen Grundstimmungen ausgezeichnet gelungen. Er hat keinen Intriganten nötig, um die Handlung in Fluß zu bringen. Es find lauter edle Menschen. Doch aus ihrem Charakter erwächst ihnen ihr Geschick. In einer Zeit wo selbstgefälliges blutleeres Ästhetentum das große Wort führt und auch auf künstlerischem Gebiete Kompromisse allzu beliebt find, ragt der seinem Ideal ewig getreue knorrige Dithmarsche zu gigantischer Höhe auf. Und was Otto Ludwig bei seinem Tode schrieb, es erscheint uns voll zutreffende „Wieder einer und wohl der Beste unter den