Rede bei dem Ausmarsch der in Kassel gelegenen kurhess. Truppen. Gehalten den 30. Januar 1814 auf dem Friedrichsplatz von C. F. W. Ernst. (Nach dem Manuskript mitgeteilt.) Unendlicher! Der du im Himmel thronst und auf der Erde herrschest, vor dir beugen wir unsre Knie und flehen um Kraft und Segen zu dieser Andacht. Amen! Es find hehre und feierliche Augenblicke, meine teuersten Freunde, in denen ich jetzt vor euch auftrete, sie sind es für mick, der ich zum erstenmal unter Gottes freiem Himmel vor einer solchen Versammlung und unter solchen Umständen rede. — Der Anblick hessischer Truppen, die alle mit mir auf dem vaterländischen hessischen Boden emporwuchsen, ein Anblick, den wir sieben Jahre entbehren mußten, ergreift mein Innerstes so wie das Herz jedes braven, biederen Hessen. Aber diese Augen ­ blicke sind noch hehrer und feierlicher für uns, meine Brüder, die ihr im Begriff steht, euern Eltern, Freunden und Verwandten ein inniges Lebewohl zu sagen und die Grenzen des geliebten Vater ­ landes zu verlassen. G! möchten die wenigen Worte, die ich euch zurufen werde, sich unauslöschbar in eure Herzen drücken und euch zu hohem Mute und zu wahrem, edlen Heldensinne erwecken und begeistern. Ihr habt unverbrüchliche Treue eurem teuersten Kurfürsten, willigen, freudigen Gehorsam eurem geliebtesten Kurprinzen ge ­ schworen und Blut und Leben dem Vaterlande geweihet. Wisset, daß in diesen hehren Augen ­ blicken der große Geist, der den Himmel über euch wölbte und die Erde unter euren Füßen bereitete, nahe war, euch umschwebte und euren Schwur hörte. Ihr betretet jetzt die große Bahn des Ruhms llnd der Ehre, die jeder wahre Krieger mit Freuden wandelt. — Russen, Preußen, Österreicher, Schwe ­ den, Bayern, Sachsen und andere deutsche Völker sind vor euch hergezogen, um die große Sache von Europa zu retten und dem Stolze und der Tyrannei des so lange gefürchteten Napoleons ein Ende zu machen. Ihr seid Deutsche und seid Hessen, wenn ihr auch später auf dem großen Kampfplatze er ­ scheint, so wird es euch doch nicht an Gelegenheit fehlen, euch mit Ruhm und Ehre zu krönen. Das Vaterland winkle euch, ihr kamt fast alle freiwillig zu seinen Fahnen, ihr seid aus so manchen alten, angesehenen Familien, die Blüte von Hessen. Wie groß sind die Erwartungen, die sich das Vater- land, die selbst die hohen Verbündeten sich von euch als hessischen Kriegern machen? Manche von euch fochten vielleicht schon unter den Fahnen der Tyrannei als Helden. Ihr hattet euren Namen, euer altes hessisches Wappen verloren. Jetzt tretet ihr zum erstenmal wieder vereint als Hessen auf, unter dem heiligen Wappen des hessischen Löwen, unter dem eure Väter, eure Ahn ­ herrn, eure Vorfahren seit einer Reihe von Jahrhunder ­ ten kämpften und siegten. Der Anblick des Hessischen Löwen sei euch eine Aufforde- rung, nicht als Knaben, son- dern als Männer, als Hel- den, als Löwen zu kämpfen. Keiner von euch wird je fliehen; wie könnte ein Hesse, der seines Namens würdig ist, fliehen! Tod oder Sieg sei euer Wahlspruch. Mit Gott für Fürst und Vaterland be ­ gann der große Staatenbund, der große Völkerverein, in den ihr jetzt tretet. Ihr werdet nur der Zeit aber nicht dem Ruhm und der Tapferkeit nach die letzteren sein! Denket, daß ihr nicht für Ehrgeiz, für Eitelkeit, für Länder- und Eroberungssucht, daß ihr für Herd und Freiheit, für Fürst und Vaterland kämpfet, daß ihr hinzieht, um den furchtbaren Menschen, der länger als dreizehn Jahre die Geißel des All ­ mächtigen für Europas Völker war, ganz zu de ­ mütigen, auf immer unschädlich zu machen und der Menschheit Ruhe und Frieden zu erringen. Vergesset nie, daß ihr Söhne, Nachkommen der hochherzigen Hessen, einst Kasten genannt, seid, die vor zwei Jahrtausenden die Räuber, die Tyrannen der damaligen Welt, besiegen und Deutschlands Ehre und Freiheit für alle folgenden Jahrhunderte retten halfen. - Schrecken, Tod und Verderben ziehe vor euch her, wenn der Ruf zum Kampfe erschallt - in der Schlacht umhüllt der Enge! der Menschheit sein Antlitz — aber Schonung und 0. theol. Christoph Friedr. W. Ernst, * zu Jesberg 1765, + zu Kassel als Generalsuperintendent 1855. Nach der Natur gezeichnet von seinem Schwiegersohn Ludwig E. Grimm 1824. Im Besitz des Herrn Privatmanns G. Wentzell.