9«£6 321 SML. Aber wenn ich diesen geliebten irdenen Teller vor mir sehe, der kann doch erzählen. Da kommen die Vorstellungen herangehüpft, überschlagen sich, drängen so sehr, daß ich meine Not habe, sie zu ordnen. Der Teller erzählt von einem ruhigen, stillen See auf sandigem Grunde, in den sich trübe Wasser aus den Granit- und Gneisbergen stürzten, um sich hier von den aufgelösten, verwitterten Feldspat ­ bestandteilen des Granits zu reinigen. An den flachen Ufern des Sees wuchsen Gräser, Moose, auch sumpfliebende Nadelbäume. Je mehr der Schlamm den See ausfüllte, je weiter rückten die Pflanzen vom Uferrande vor. Allmählich vertorfte der See ganz, und in den Mooren wucherten nun Generationen auf Generationen, die die 20—30 m mächtigen Braunkohlenflöze bildeten. Als dann die Basaltlava aus dem Erdinnern hervorquoll, deckte sie Sand, Ton und Kohle zu und schützte diese Schichten dadurch vor Zerstörung durch Erosion. Der Mensch sucht nun diesen Ton durch Formen und Brennen für seine Zwecke zu benutzen. Er gewinnt ihn teils durch Grubenbau, teils durch Schachtbau. Stücke mit viereckigen Flächen werden abgehauen und 'mit der Gabel herausgehoben. Auf dem Hofe des Töpfers bleibt er eine Zeitlang liegen, um zu „faulen". Von beigemengten Schwefelkies ­ knollen muß er vollständig befreit werden, da diese beim Brennen zerstört werden und ein Loch ver ­ ursachen. Nun beobachtet den Töpfer vor der Dreh ­ scheibe! Diese besteht aus drei Teilen: Einer senkrechten Achse mit einer obern und einer untern Scheibe. Die letztere setzt der Töpfer mit seinen nackten Füßen in Bewegung. Dann wirft er einen Tonkloß, der der Größe des Gefäßes, das ent ­ stehen soll, entspricht, auf die obere Scheibe und drückt mit beiden Daumen kräftig ein Loch in den Ton. Nach und nach wächst der Rand eines Gesäßes in die Höhe. Er hat es jetzt noch in der Hand, einen Teller, eine Schüssel, eine Vase oder einen Krug entstehen zu lassen. Bei fort ­ währender Drehung der Scheibe formt er diesmal einen Napf, der nach dem Antrocknen noch an jeder Seite einen wagerechten Griff erhält. Nachdem das lufttrockene Gefäß noch glasiert, mit einem Spruch versehen und im Ofen gebrannt wurde, kommt es in den Handel. Diese Näpfe sind nach Hamburg bestimmt. Der Töpfer erhält für das Tausend 60 Mark. Der „geneigte" Leser mag berechnen, wie viel der Meister täglich formen, glasieren und brennen muß, um nicht zu hungern. Nun können wir es wohl verstehen, wenn die ehe ­ maligen Töpfer lieber Tonhacker werden und ihre Kinder gar nicht erst das Töpferhandwerk erlernen. Aber wenn unser Interesse für unsere boden ­ ständigen Näpperchen und Töpperchen, Köpperchen und Schälerchen wieder wächst, lohnt sich auch die Töpferei. Es ist mir gelungen, einen jungen Künstler für die heimische Tonindustrie zu er ­ wärmen. Er hat dem Töpfer eine Anzahl Formen gemalt. Wenn sie nun auch im Anfang nicht tadel ­ los geraten sind, denn es gehört mehrjährige Übung dazu, die gebrannten Farben den gemalten an ­ zupassen, so möchte ich doch zum Kauf raten, weil sie uns mehr zu sagen haben, weil wir ihren ganzen Werdegang verfolgen können und kein totes Schmuck ­ stück auf unserm Wandbrett stehen haben. Die blinden Hessen. Von Pfarrer Wilhelm Schuster, Rinteln a. W. Zu den dankenswerten Ausführungen des Herrn Prof. vr. K. Stuhl über dieses Thema erlaube ich mir doch folgendes — wie er selbst zu etwaigen Ausstellungen an seiner neuen und unbestritten geist- reichen These auffordert —: Wenn die Hessen nach den Hundertschaften benannt worden seien (Hunde ­ hessen), dann müßte die Einteilung nach Hundert ­ schaften eine besondere Einteilungsform der Hessen gewesen sein im Unterschied zu anderen deutschen Stämmen. Denn wenn dies kein Charakteristikum war, hätte es keinen Sinn gehabt, gerade die Hessen danach zu benennen. Nun war aber die Hundert- schüft bei den anderen deutschen Stämmen auch im Gebrauch. Also dürfte die Bezugnahme auf diese Unterlage hinfällig sein. Das „blind" muß irgend ­ wo anders herkommen. Es hat überhaupt keine Beziehung zu jungen Hunden (auch wenn es vor dem Namen Hunde steht). Diese Art Etymologie ist zu weitläufig und verwickelt, das Volk denkt und schließt einfacher. DaS „blind" muß wohl wirklich eine Eigeiffchaft der Hessen sein; natürlich in übertragenem Sinne, übrigens werden sie so betitelt in ganz Deutschland, nicht nur in Unter ­ franken. Tatsächlich haben die Hessen etwas in Art und Wesen, was man „blind" nennen könnte, nämlich eine merkwürdige Beharrlichkeit — ich will einmal sagen Konstanz — in der Durchführung eines be ­ stimmten Planes. Dabei mag man auch zum Ziele gelangen wollen, selbst, wenn man sieht, daß das Ziel kaum werde zu erreichen sein. Man könnte diese Art Charaktereigenschaft auch mit einer gewiffen Hart ­ näckigkeit identifizieren. Das ist zum Beispiel schon