302 M8L. bedeutsamen Wirkens Ludwig Duysings gibt ein von Oberappellationsgerichtsrat Scheffer verfaßter Nekrolog, auf den wir, die gütige Erlaubnis der Verfasserin der „Erinnerungen" vorausgesetzt, viel, leicht noch einmal zurückkommen. Außer einer Reihe von Aktenstücken über die männlichen Mitglieder der Familie enthält das vornehm ausgestattete Buch ein Kapitel über den gleichfalls mit der Familie verwandten Kanzler Wilhelms VIII., Heinrich Otto Calckhoff und dessen Testament, persönliche Er. innerungen der Verfasserin an Charlotte Diebe, an Henriette Keller-Jordan und deren Vater Sylvester Jordan, sowie an Bad Gastein, dem der Vqjer nach viermaligem Gebrauch die völlige Genesüng dankte. Das Gasteiner Kapitel, das die damaligen geschicht- lichen Ereignisse zum Hintergrund hat, wollen wir hier im Wortlaut folgen lassen- „Mit dem Gastein von 1851 kann sich das Welt ­ bad von heute, welches durch große Hotels und Villen die Schönheiten der Natur beeinträchtigt, nicht ver ­ gleichen, obgleich auch dieses noch immer sehr schön ist. Die Häuser klemmten fich damals bescheiden zwischen die Berge und störten nie die Ausblicke in die wunderbare Natur mit ihren imposanten Glet ­ schern und dem majestätischen Wasserfall' der Ache. Der Kurgast erschien fich selbst winzig und war unter dem Einfluß der Größe der Umgebung und brr köstlichen Luft liebenswürdiger, einfacher und allen Interessen zugänglicher als jetzt, wo dieMensch^u- werke so störend und kolossal auftreten. Bei dem Betreten unserer Wohnung war her erste Eindruck ein imponierender. Wir bezogen jm bescheidenen Hause (jetztVilla genannt) desChirur^iS Lainer zwei Zimmer mit an der Seite meines Zimmers liegendem Balkon, und aus den Fenstern sahen wir den von der Sonne bestrahlten, schäumenden Wasftr- fall zum Greisen nahe. Ich deklamierte unwillkürlich: ,Und es wallet und siedet und brauset und zischt, wie wenn Waffer und Feuer sich menget? Die ersten Nächte konnten wir kein Auge schließen, dann aber störte uns das Getöse nicht mehr. Nach acht Tagen wurde Vaters Stimme schon kräftiger, und wir konnten tveitere Ausflüge in die herrliche Umgegend unter- nehmen. In dem uns gegenüber liegenden damals einzigen Hotel ersten Ranges, Straubinger, aßen wir zu Mittag. Wir erhielten an der großen Huseisen- tafel sehr gute Plätze zwischen netten Menschen, und ich hatte das Vergnügen, die Eintretenden sehen und ihr Wesen gleich beurteilen zu können. Neben mir saß ein Affefsor, besten Platz aber für einige Tage der Woche von dem im Hotel wohnenden Prinzen Heinrich XXIV. von Reuß.Köstritz belegt war, der mit seinem Onkel, dem kranken Fürsten, und dessen Leibarzt im Hotel wohnte. Er stellte sich Vater und mir vor, erzählte interessant von seinen Reisen und den löhnenden Ausflügen auf Gasteins Berge und brachte uns oft Alpenrosen und Edelweiß von den Gletschern mit, die viel schöner waren als jene, welche auf den Promenaden verkauft wurden. Als ich einst bei dem Eintritt von zwei in mittleres Alter stehenden Herren sagte: .Jetzt erscheinen zwei berühmte Herren', sagte der Prinz ,Wo zeigt sich denn deren Berühmtheit?' Ich antwortete: ,Jn ihrem Gesichtsausdruck. Man sieht ihnen an, daß sie sich ihres inneren Wertes bewußt sein dürfen und sich gekannt und geehrt wisten.' Er rief den Oberkellner herbei, fragte ihn nach den Namen beider und erhielt die Antwort: ,Es sind die Professoren Liebig und Möhler, welche eben angekommen sind, um das Quellwaster Gasteins zu untersuchen.' Be ­ troffen ftagte er, welchen Eindruck ich denn von ihm bei seinem ersten Erscheinen gehabt. Da konnte ich der Wahrheit gemäß sagen- daß wir vom Ober ­ kellner schon unterrichtet gewesen seien, wer er wäre, und ich dann gesunden hätte, daß die Fürstlich Reußische 24 ganz zu seinen Lebensjahren zu paffen scheine. Das erregte seine Heiterkeit, und er meinte, diesmal stimme es auch wieder. Da im Jahre 1851 der Verfaffungskampf Kur ­ hessens die anderen Staaten auch sehr interessierte, wurde Vater von vielen Seiten bestürmt, Näheres mitzuteilen. Er lehnte aber ein Eingehen auf diese Angelegenheit aus Rücksicht für seine leidende Ge ­ sundheit ab und sagte nur, die Heffen seien ein so tüchtiger Volksstamm, daß sie allein die Ordnung hätten wieder herstellen können. Die Abschiednahme vieler Offiziere, die fich den Eid aus die Verfassung nicht nehmen lasten wollten, beweise die Wahrhaftig- keit und die Tüchtigkeit des hessischen Volkes. Der österreichische Justizminister vr. Kraus und ein preußischer Regierungs-Präsident, auch Kurgäste, welche sich bis dahin gemieden hatten, weil damals den Österreichern die Preußen sehr unsympathisch waren, wurden durch den Wunsch, mit Vater zu reden, mit einander bekannt^ und waren taktvoll genug, die hessischen Wirren nicht zu berühren. Einst schloffen jene drei Herren ihre Verhand ­ lungen mit den bemerkenswerten Worten, daß die hessische Justiz höher stände als die in Preußen, dessen Verwaltung dagegen die hessische überflügele. Worauf der Österreicher wehmütig erklärte ,Und mein Österreich steht leider hinter beiden zurück; aber was in meiner Macht liegt, soll geschehen, um es zu heben.' Im Lesezimmer des Hotels Straubinger lernte Vater eines Morgens nach Bad und Kaffee, als die neuen Zeitungen erschienen waren, Bismarck, der damals noch in Frankfurt a. M. war, kennen. Als Vater aus dein Fenster dieses Zimmers einst nicht